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Alkoholpolitik und Volksgesundheit

Archiv für die Kategorie 'Werbung'

Gewerbeverband bezweifelt Wirkung von Alkohol-Werbeverboten

Mittwoch 24. März 2010 von htm

Der Kampf um das neue Präventionsgesetz ist in vollem Gang: Am Dienstag hat der Schweizerische Gewerbeverband (sgv) Ergebnisse einer Studie vorgestellt, wonach Alkoholwerbung keinen Einfluss auf den Konsum Jugendlicher hat. Fachleute zweifeln diesen Befund an. (Quelle: NZZ, 24.3.10 und gmx.net.de, 24.3.10 ) (siehe unsern heutigen Leserbrief an die NZZ.)

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Leserbrief zu Werbeverboten für Alkoholika

Mittwoch 24. März 2010 von htm

24.03.2010

Redaktion der
Neuen Zürcher Zeitung
Briefe an die NZZ
8021 Zürich
Per e-mail redaktion@nzz.ch

Leserbrief zu „Trinkverhalten von Jugendlichen“ am 24.3.10

Der Kampf um das neue Präventionsgesetz sei in vollem Gange, wird einleitend geschrieben. Und die NZZ mischt kräftig mit, indem sie die Artikel wohl dosiert und einseitig manipuliert. Gestern durfte der neue zuständige Bundesrat, allgemein gehalten, ziemlich nichtssagend, für eine zeitgemässe Prävention werben, heute wird im Untertitel zu „Trinkverhalten von Jugendlichen“ behauptet, Werbeverbote hätten keine präventive Wirkung. Und dies obwohl am Ende des Artikels erwähnt wird, die Fachleute seien, gestützt auf eine grosse Meta-Anlalyse, gegenteiliger Ansicht.

Wahrscheinlich ist der Grund für die Besorgnis des Schweizerischen Gewerbeverbandes weniger das Präventionsgesetz, sondern die im Mai zu erwartende WHO-Resolution für eine globale Alkoholstrategie. Das Präventionsgesetz kann von der bürgerlichen Parlamentsmehrheit ja immer noch zum zahnlosen Alibipapier reduziert werden. Die WHO-Resolution hingegen, mit ihrem grossen wissenschaftlichen Fundament und ihren weltweit diskutierten Massnahme-Vorschlägen, ist nicht so schnell totzukriegen. Auch wenn sie bei uns stillschweigend beerdigt würde, anderswo wird sie weiterleben und uns auf Umwegen wieder erreichen.

Dass das Alkoholgewerbe noch immer Stellen gefunden hat, die ihm die erwünschten Studien-Resultate geliefert hat, ist kein Geheimnis. Notfalls wurden die Ergebnisse einfach zu eigenen Zwecken uminterpretiert, wie es bei der geschilderten Untersuchung den Anschein hat. Jedenfalls sind im letzten Jahrzehnt genügend namhafte, unabhängige Studien herausgekommen, die beweisen, dass Werbung wirkt. Wer seinen gesunden Menschenverstand nicht ausschaltet und nicht von wirtschaftlichen Eigeninteressen blockiert ist, weiss das seit jeher – schon zu Zeiten der beiden vom Volk auf Druck der Wirtschaft (mit dem üblichen Arbeitsplatzargument) im letzten Jahrhundert abgelehnten Volksinitiativen über Werbeeinschränkungen (Guttempler-Initiative, Zwillings-Initiativen). Hätten wir damals zugestimmt, wäre uns der heutige Jugendalkoholismus möglicherweise erspart geblieben.

Die Behauptung, der Entwurf des Präventionsgesetzes beruhe nicht auf wissenschaftlichen Tatsachen, ist eine glatte Frechheit, wenn man weiss, wie die Alkoholindustrie mit der Wahrheit umgeht und die Völker manipuliert. Alkoholprävention muss nicht, wie behauptet, teuer sein. Man kann ja nach dem Verursacherprinzip die Konsumenten dafür bezahlen lassen. Der Gewinn wäre für alle viel höher als die Kosten.

Wirksame Prävention muss flächendeckend sein und nicht nur einzelne Konsumgruppen erfassen, die sich politisch nicht wehren können. Das Alkoholproblem ist ein sozial-medizinisches Problem. Die ganze Gesellschaft krankt daran, und ihr Vorbild prägt die Jugend. Niemand wird durch Verhältnisprävention bestraft, denn alle ziehen grossen Nutzen daraus. Gerade die mässig Konsumierenden wären mit den Abstinenten die grössten Gewinner, weil sie verhältnismässig wenig Alkoholsteuern zahlen würden, aber von den verminderten Schäden, d.h. von einer verbesserten Lebensqualität und reduzierten Sozialkosten voll profitieren würden. Die WHO nennt uns “Passivtrinker“, weil wir alle unter dem Alkoholkonsum aller ungewollt leiden. Wir hätten es in der Hand, die Politik unter Druck zu setzen, dem ein Ende zu machen. Auf www.alkoholpolitik.ch existiert seit Jahren ein Modell, wie das praktisch und ohne grosse Lateralschäden geschehen könnte. Sogar die Werbung und damit die Medien würden profitieren, obwohl sie dies mit ihrem bisherigen unmoralischen Wirken nicht verdient hätten.

Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
(siehe auch portal.gmx.net/de/themen/schweiz) (nicht erschienen)

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Die Alkoholstrategie der WHO ist sinnvoll und wirksam

Sonntag 21. März 2010 von htm

Immer öfter machen übermässiger Alkoholkonsum und seine Folgen Schlagzeilen. Kaum schlägt die Weltgesundheitsorganisation WHO wirksame Schritte zur Verminderung dieses grossen volksgesundheitlichen Problems vor, warnen Politiker in den schrillsten Tönen davor – zu unrecht, betont die Präventions- und Nachsorge-Organisation IOGT Schweiz.
Wochenende für Wochenende werden schweizweit Dutzende Jugendlicher mit hochgradigen Alkoholvergiftungen in die Notfallstationen der Spitäler eingeliefert. Organisierte Massenbesäufnisse sorgen für Beunruhigung unter Eltern und Präventionsfachleuten. Das Berner Insel-Spital meldet, dass sich immer öfter auch über 25-Jährige bis zur Besinnungslosigkeit besaufen. Alkoholbedingte Unfälle und Gewalttaten sorgen für Schlagzeilen…
…und endlich werden konkrete Gegenmassnahmen vorgeschlagen. Der Entwurf für eine wirksame Alkoholstrategie, die die WHO im Mai verabschieden wird, enthält griffige Massnahmen, die genau dort ansetzen, wo – wissenschaftlich erwiesen – die beste Wirkung erreicht wird: Die Erhältlichkeit soll erschwert, Preis und Besteuerung erhöht und Werbung eingeschränkt werden. All diese Massnahmen sind für Tabak in vielen Ländern schon umgesetzt und haben zu einem Konsumrückgang geführt. .. (Quelle: Google Alkohol Alert, 20.3.10) presseportal.ch/de, 19.3.10

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Schweizer Fernsehen: Club über Jugendgewalt

Mittwoch 17. März 2010 von htm

Da wurde des Langen und Breiten über Ursachen und Wirkungen der heutigen Jugendgewalt diskutiert, dass aber ein beträchtlicher Teil der Vorfälle nicht derart eskaliert wären, wenn die Beteiligten nicht unter dem Einfluss von Alkohol gestanden hätten, wurde mit keinem Wort erwähnt. Tages-Anzeiger, 17.3.10 Hier mein Online-Kommentar beim Schweizer Fernsehen: Es ist mir unverständlich, dass in einer so langen Sendung bei diesem Thema die Rolle des Alkohols als Gewaltauslöser nicht erwähnt wird. Es gibt inzwischen genügend Polizei-Statistiken und Studien, die diese belegen. Da bestünde doch echtes Präventionspotenzial. Oder tangiert das die persönliche Freiheit, wie sie von den Freisinnigen verstanden wird? Oder will man mögliche Werbekunden nicht abschrecken?

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TOP NEWS: Der Bundesrat gibt schriftlich Antwort auf alkoholpolitische Fragen

Dienstag 16. März 2010 von htm

Aufgeschreckt durch den WHO-Resolutionsentwurf für eine Alkoholstrategie zu Handen der kommenden WHO-Generalversammlung im Mai haben ein paar Alkohol-Lobbyisten den Bundesrat befragt. Eine offene Diskussion haben sie offenbar nicht gewünscht. Gleichlautende Antworten des Bundesrates: Réponse du Conseil fédéral du 15.03.2010
10.5111 Frage Parmelin Guy.
– Will das Bundesamt für Gesundheit die staatliche Unterstützung für den Weinbau abschaffen?
10.5122 Frage Müri Felix.
– BAG. Einschränkung der Alkoholwerbung?
10.5123 Frage Miesch Christian.
– BAG. Einschränkung der Ladenöffnungszeiten?
10.5128 Frage Föhn Peter.
– BAG. Mindestpreise für Alkohol?
10.5155 Frage Bortoluzzi Toni.
– Ist Alkohol gemäss BAG kein Genussmittel mehr?
10.5124 Frage Estermann Yvette.
– BAG. Bürgerferne Gesundheitskonferenzen ohne Einbezug der Betroffenen. Réponse du Conseil fédéral du 15.03.2010
Kommentar: Die Antworten dürften die Fragesteller befriedigt haben. Der Bundesrat sieht keine Massnahmen vor, welche die persönliche Freiheit des Einzelnen tangierten. Ein wenig Recht hat er schon, wir leiden ja schon genügend an der Freiheitsberaubung durch die Alkoholindustrie, die uns zu Passivtrinkern macht. Der Bundesrat hat es nur noch nicht gemerkt.
Nachtrag: Gemäss Tages-Anzeiger vom 17.3.10 hat der Bundesrat am Schluss noch beigefügt: „Soweit es nicht nötig ist.“ Das beruhigt Toni Bortoluzzi, SVP offenbar nicht. Sie würden noch einen Vorstoss bringen.
Und uns bleibt noch ein wenig Hoffnung, der Bundesrat werde die geballte WHO-Fachwelt ernster nehmen als die verbohrte SVP-Ignoranz.

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TOP NEWS: Coop Schweiz wirbt mit billigem Wein

Dienstag 9. März 2010 von htm

Als Teil eines ganzseitigen Inserates wirbt Coop mit Bild für ein Sonderangebot: 1/2 Preis für 6 x 75 cl Valencia DO El Miracle Tapas. 28.50 statt 57.–. Darunter steht noch: Coop verkauft keinen Alkohol an Jugendliche unter 18 Jahren. (Quelle: Tages-Anzeiger, 9.3.10) Kommentar: Der grösste Alkoholhändler der Schweiz brüstet sich seiner sozialen Ader und verschleudert Billigwein an die über 18-Jährigen, die ihn vielleicht an Jüngere weitergeben. Aber auch so ist es Coop egal, dass das Land mit Billigalkohol überflutet wird. Auch so stimmt die Kasse. Die über 100’000 Kinder, die in alkoholbelasteten Familien aufwachsen müssen, werden es Coop sicher danken. Auch von ihnen werden wieder viele, geschätzt wird ein Drittel, selber Alkoholprobleme bekommen. Dann geht die Rechnung von Coop erst recht auf. Dies ein Beispiel von vielen. Sicher gibt es noch billigere Angebote. Wann wird die Politik aktiv und unterbindet diesen Skandal?

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Verhaltens- oder Verhältnisprävention?

Freitag 5. März 2010 von htm

Evidenzbasierte Suchtprävention: In der aktuellen Ausgabe (1/2010) des SuchtMagazin finden Sie Artikel zu folgenden Themen: Das Paradigma der Evidenzbasierung | Alkoholprävention im Spannungsfeld | Prävention durch starke Beziehungen | PFADE | Communities that Care CtC | Hart am LimiT HaLT | 0,5 Promille im Strassenverkehr | Artikel ausserhalb des Schwerpunktes: Wirkung von Alkohol- und Tabakwerbung | Der Artikel (pdf, 5S., 250Kb) „Alkoholprävention im Spannungsfeld“ von Irene Abderhalden ist online erhältlich. (Quelle: Infoset Newsletter März 2010) Kommentar: Im Artikel von Irene Abderhalden wird die Problematik der beiden Präventionsansätze diskutiert. Unsere immer vertretene Ansicht wird bestätigt: Es braucht Verhaltensprävention, um die Akzeptanz der Bevölkerung für Massnahmen der Verhältnisprävention zu erreichen. Die anfangs der 90er-Jahre erfolgte Umstellung mit Schwergewicht auf Verhaltensprävention und Gesundheitsförderung hat sich beim Alkoholproblem als schwerer Fehler erwiesen. Ich wurde für diese Prognose damals ausgelacht. Dabei hätte gesunder Menschenverstand genügt, die Konsequenzen vorauszusehen. Der zu erwartende geringere Widerstand in der Politik war wohl die Triebfeder der Neuorientierung.

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Fachjournal bringt keine Studien mit Beteiligung der Tabakindustrie

Dienstag 2. März 2010 von htm

„PLoS Medicine“ publiziert keine Studien mehr, bei denen Mitarbeiter von Tabakfirmen mitgewirkt haben. Wenn Tabakfirmen forschten, könne dies nicht die Gesundheit zum Ziel haben. Wenn dies so wäre, sollten sie die Firmen schliessen. Solche Studien seien im Grunde Werbung. ((Quelle: Tages-Anzeiger, 2.3.10) nicht online Kommentar: Ist es bei Alkohol-Studien anders?

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Drogenbeauftragte M. Dyckmans: Die ersten 100 Tage nicht genutzt

Donnerstag 25. Februar 2010 von htm

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), ist 100 Tage im Amt. Die Kritik an ihrer Amtsführung wird immer lauter. Das betrifft vor allen Dingen ihre Haltung zum Alkoholproblem. Sowohl auf europäischer Ebene als auch bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), den Verbänden der Suchthilfe und den Kranken- und Rentenversicherern ist das Wissen eindeutig: Wenn man die durch Alkoholkonsum verursachten Probleme in Deutschland reduzieren möchte, so muss man am Gesamtkonsum ansetzen. Jeder Deutsche trank im Jahre 2007 im Durchschnitt mehr als 111 Liter Bier, 20 Liter Wein, 3,7 Liter Sekt und 5,6 Liter Spirituosen.
Obwohl deutlich wird und auch nicht verwunderlich ist, dass dieses Problem vor allen Dingen von der Alkoholindustrie herunter gespielt wird, sprach die Drogenbeauftragte nach ihrem Amtsantritt zunächst einmal mit dem Verband der Spirituosenindustrie und dann dem Deutschen Brauer-Bund, während die Verbände der Suchthilfe auf Gespräche warten. Da wird der Bock zum Gärtner gemacht. Brauer, Brenner und Winzer machen 50 % ihres Umsatzes mit 10 % der Kunden, mit den problematischen Konsumenten. Mit denen, die täglich mehr konsumieren, als es ihnen gut tut. Und mit denen, die abhängig, also behandlungsbedürftig krank sind. „Es stände Frau Dyckmans gut an, zu Beginn ihrer Amtszeit mit den Verbänden der Betroffenen zu sprechen, bevor sie sich gemeinsam mit den Produzenten auf Maßnahmen festlegt, die die Probleme nicht lösen“, so Helmut Krethe, der Bundesvorsitzende der Guttempler in Deutschland.
Während Frau Dyckmans beispielsweise Testkäufe von Alkohol durch Jugendliche ablehnt, berichtet der Niedersächsische Innenminister von Erfolgen. Während Frau Dyckmans noch fordert, dass in den Geschäften auf freiwilliger Basis verstärkt Ausweise kontrolliert werden sollen, negiert sie, dass das eine Selbstverständlichkeit sein muss. Denn jeder Alkohol, der von Kindern und Jugendlichen getrunken wird, geht durch die Hände von Erwachsenen.

Kürzlich auf einer Konferenz in Berlin: Im Grußwort erläutert die Drogenbeauftragte, dass sie keinen Grund sehe, die Alkoholwerbung einzuschränken. Leider verließ sie die Veranstaltung, bevor ihr Fachleute erläutern konnten, wie stark der Zusammenhang zwischen Alkoholwerbung und dem Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen ist.

Frau Dyckmans sagt bei jeder Gelegenheit, dass sie sich einarbeiten müsse und wolle. Und dann äußert sie Positionen, die nicht haltbar sind, gegen das bessere Wissen von Fachleuten. Wenn sie jetzt darauf hinweist, dass sie sich ein Beratungsgremium schaffen will, dann wird sie Unterstützer ihrer Linie nur bei der Alkoholindustrie finden. „Aber es geht doch um die Sache“, so der Sprecher der Guttempler für Alkoholpolitik, Rolf Hüllinghorst, „und da benötigt die Drogenbeauftragte alle mögliche Hilfe und Unterstützung. Nur so können die Hilfe verbessert, die Prävention ausgeweitet und die Kinder geschützt werden“. (Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Guttempler, 25.2.2010)

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Kommentare zur geplanten WHO-Strategie-Resolution

Mittwoch 24. Februar 2010 von htm

Kommentar von Kontrabass auf der Webseite der Weinakademie Berlin

Es freut mich, dass Sie sich betroffen fühlen. Es braucht heute deutliche Worte, nachdem über hundert Jahre mehr oder weniger geschwiegen und die Last einfach getragen wurde. Positiv finde ich, dass dieses Wein-Forum meine Kritik aufgenommen hat. Das geschieht höchst selten. Zu beleidigen ist nicht meine Absicht, aufzurütteln hingegen schon. Ob Sie das schlucken können, ist Ihr Problem und eine Frage der Wissensverarbeitung.
Unter Alkoholindustrie verstehe ich, was die Amerikaner Big Alcohol nennen, d.h. die grossen globalen Konzerne, die mit ihrer Macht Regierungen korrumpieren, die übrige Wirtschaft zu deren Nachteil zu Komplizen machen und mit der Werbeindustrie es fertig gebracht haben, dass sie nach dem letzten Weltkrieg erst die Frauen und jetzt auch die Kinder und Jugendlichen zum Alkoholkonsum geführt haben. Besonders widerwärtig finde ich, dass sie, nachdem der Markt in den Industrieländern einigermassen gesättigt ist, ihre Tätigkeit in die Schwellen- und Entwicklungsländer verlagern, wo keine sozialen Auffangnetze für die Alkoholkranken bestehen. Unsere Entwicklungshilfe wird damit zum Teil untergraben. Die Gewinne fliessen wieder in den Norden zu den Konzernen.

Englische Wissenschafter haben den Alkohol in einer Skala der gefährlichsten Drogen an die 5. Stelle gesetzt, vor Tabak und Haschisch. Sie brauchen an meiner Einstellung sicher nicht zu zweifeln. Sie gründet auf einer alkoholbelasteten Kinder- und Jugendzeit und einer lebenslangen alkoholpolitischen Erfahrung unter Einbezug der Forschung.

Ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass ein Betrunkener zuerst seine höchsten menschlichen Eigenschaften, seine Menschenwürde verliert, die ihn vom Tier unterscheidet? Ist es ein Menschenrecht, grosse Teile einer Bevölkerung von einem Suchtmittel abhängig werden zu lassen, dass in westlichen Ländern rund 10-12% der Bevölkerung ab 15 Jahren für die Hälfte des gesamten Alkoholkonsum verantwortlich sind, d.h. in krankmachender Menge trinken? Ohne diese Kranken wäre die Alkoholindustrie kaum mehr lebensfähig. Ist das lächerlich?

Die Probleme der kleinen Weinbauern sind mir nicht fremd, aber die grossen machen gerade dieser Tage negative Schlagzeilen. (Z.B Constellation Throwing Money Around in New York, Dienstag, 23. Februar 2010 von htm oder Wieder einmal ein Weinskandal, Montag, 22. Februar 2010 von htm (auch Constellation Brands) In meiner Projekt-Idee nehme ich grosszügig Rücksicht auf diese kleinen Weinbauern, die ja auch den gesunden Traubensaft und die herrlichen Tafeltrauben produzieren (produzieren könnten).

Gegen mässige Geniesser habe ich keine Vorurteile, ich gönne ihnen den Genuss. Nur weiss ich, dass jeder Alkoholkranke als mässiger begonnen hat und nie die Absicht hatte, krank zu werden, sein Vermögen, seine Familie zu verlieren, usw. Prof. Gustav von Bunge hat schon am 23. Nov. 1886 in seiner Antrittsvorlesung an der Uni Basel gesagt, „die Mässigen sind die Verführer“. Sie demonstrieren unbewusst, dass es möglich ist, mässig zu konsumieren, jener, der es nicht kann, versucht es deshalb auch. Der Mässige ist ein negatives Vorbild, obwohl die Gesellschaft froh sein muss um jeden, der mässig bleibt. Der (immer auch die) Mässige ermöglicht der Alkoholwirtschaft, ihr Treiben praktisch ungestört fortzuführen, weil er, zusammen mit den nicht aktiven Abstinenten, verhindert, dass auf die Regierungen Druck ausgeübt wird, die Gesetze präventiv zu ändern. Er sagt sich, ich habe keine Probleme, also lasst mich in Ruhe damit. Was soll ich meine Freiheit beschneiden lassen. Das übliche Credo der Liberalen. Die Verantwortung in der Gesellschaft wird nicht gesehen. Dabei hätten diese beiden Gruppen wahrscheinlich die Stimmenmehrheit und könnten das Alkoholproblem in kurzer Zeit massgebend entschärfen.

Dass Alkohol ein Kulturgut ist, stimmt natürlich, nur ist er in historischer Zeit vor allem bestimmten Schichten vorbehalten gewesen, auch zu religiösen Zwecken. Wenn Sie die Bibel zitieren wollen, dürfen Sie natürlich auch die Stellen nicht unterschlagen, in denen vor dessen gefährlichen Seiten gewarnt wird. Erst seit der industriellen Massenproduktion und dem Einsatz einer gewissenlosen, psychologischen Werbung ist er eine Bedrohung für die Gesellschaft geworden. Für mich ist dies eine Scheinkultur mit überwiegend negativen Resultaten. Resveratrol wurde in letzter Zeit nur im Zusammenhang mit Rotwein hochgespielt, dabei ist diese Substanz in allen möglichen Obstsäften und Gemüsen vorhanden. Diese sollte man propagieren, sie enthalten keinen (oder minimen) Alkohol als schädliche Nebenwirkung.

Dass ich auf Grund meiner Erfahrung, meines Wissens und kritischen Verstandes im Konflikt mit dieser Alkoholindustrie liege, können Sie mir nicht zum Vorwurf machen. Sie sollten eher Ihre Einstellung hinterfragen, die von den Versprechungen der Werbung und einer Lifestyle-Kampagne geprägt scheint. Konsens dürfen Sie von mir kaum erwarten.

In Sachen Alkoholprävention brauchen Sie mich nicht zu belehren, da sehen Sie zu kurz. Mein Vater ist am Alkohol und am Tabak“genuss“ vorzeitig gestorben. Meine Mutter an Lungenkrebs als Passivraucherin. Ich bin ein Leben lang in der Alkoholpolitik aktiv, was wollen Sie mehr?

Was Preiserhöhungen auf Alkoholika bringen würde, ist leider den wenigsten bewusst. 10% mehr Steuern sind kein Angebot. Die Steuern müssten auf allen Alkoholika nach dem Verursacherprinzip erhoben werden und so hoch, dass der Gesamtkonsum deutlich reduziert würde. Dies ist wissenschaftlich erhärtet die effektivste Massnahme in diese Richtung. Da kann der Spirituosen- oder Bierverband noch so gegen besseres Wissen das Gegenteil behaupten.

Dass jeder für sich selber verantwortlich ist, stimmt natürlich. Nur hat das von der Werbung geprägte kollektive Bewusstsein diese Verantwortlichkeit in vielen Fällen ausgeschaltet. Und die Gesellschaft weigert sich bis heute standhaft, die Mitverantwortung zu übernehmen. Nur ein kleiner Prozentsatz der Alkoholkranken wird von der öffentlichen Hand therapiert. Der Staat würde glatt bankrott gehen, wenn alle sich an ihn wenden würden. In Deutschland wären es Millionen.

Wie gesagt, die meisten helfen sich heute schon selber oder gehen zu Grunde. Ausser ein paar Verboten auf lokaler oder Landes-Ebene, meist mit Alibifunktion, ist der Alkoholverkauf auch heute noch weitgehend liberalisiert. Das Gejammer über die „Verbotsgesellschaft“ ist nichts als Stimmungsmache. Ob Massnahmen etwas nützen, müsste jeweils evaluiert werden. Die Politiker scheuen es aber meistens, die erforderlichen Finanzen bereitzustellen.

Es freut mich für Sie, dass Sie das Schreiben Ihres Textes geniessen konnten. Ich hoffe, es bleibt ein Genuss ohne Reue.
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Schau dir alle Kommentare zu diesem Post an:

WHO berät über schärfere Maßnahmen gegen Alkohol


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Kontrabass schreibt: Februar 26th, 2010 um 11:52

@ Michael Rosenthal
Ich bin Ihrem Wunsch natürlich gleich nachgekommen. Ich dachte mir, es sei fair, wenn ich Sie auch zu Wort kommen lasse. Immerhin hat meine Webseite eine recht gute Verbreitung in Fachkreisen.
Ihre Sorge um mein seelisches Wohlergehen ehrt Sie, ist aber nicht vonnöten. Ich finde meinen Ausgleich bei guter Musik und beim politischen Kabarett und brauche keine chemischen Seelentröster
und ebensolche Aufheiterung. Wohin dies führt, ist in den Medien ja gerade jetzt genügend sichtbar. Nur werden leider die massgebenden Leute die richtigen Konsequenzen nicht sehen, genau wie Sie.
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Kontrabass schreibt: Februar 27th, 2010 um 10:46

@ Michael Rosenthal
Entschuldigen Sie, dass ich Ihr Anliegen der eigenen Imagepflege nicht in Betracht gezogen habe. Das wäre ja wirklich für Sie berufsschädigend, wenn Sie sich mit Abstinenten auf gleicher Ebene sehen müssten und dies immer mit einem schlechten Gewissen, weil Sie mithelfen, auch diese zu Passivtrinkern zu degradieren.
Zu Ihren Don Quichotte-Anspielungen in einem früheren Beitrag ist mir noch eingefallen, dass Sie auf meiner Webseite einige Zitate von nahmhaften Persönlichkeiten finden können, die aufgerufen haben, man müsse auch das Undenkbare denken. Wenn es in unserer Geschichte nicht immer wieder Leute gegeben hätte, die nach diesem Grundsatz gelebt haben, würden wir heute noch, frei nach Erich Kästner, auf den Bäumen hocken. (Was übrigens im nicht nüchternen Zustand ziemlich gefährlich sein könnte.)

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