Leserbrief zu «Warnkleber helfen nur Politikern» Tages-Anzeiger vom 8.6.23
Jean-Martin Büttner hat wieder einmal viel Fachkenntnis bewiesen. Bei den nötigen Massnahmen hebt er eine Möglichkeit, die Verfügbarkeit einzuschränken und den Jugendschutz hervor. Wahrscheinlich, weil er dem wirksamsten Mittel, den Konsum zu senken, nämlich die Preisgestaltung, kaum Chancen einräumt.
Seine dritte Massnahme, eine bessere Betreuung der Angehörigen, wurde noch kaum je in der Öffentlichkeit hervorgehoben. Dass 100’000 Kinder und Jugendliche in alkoholbelasteten Familien die Hölle erleben, sollte die PolitikerInnen wachrütteln.
Der kurze Schlussabschnitt «Wer sich nicht helfen lässt, handelt egoistisch. Wer den Süchtigen nicht helfen will, verhält sich skrupellos.» müsste noch ergänzt werden: Wer die Alkoholprävention nicht unterstützt schädigt sich und unser Land.
Leserbrief zu «M wie Mut zum Verzicht» TA vom 19.5.2022
Den Beitrag von Rachel Osterwalder kann ich nur voll unterstützen. Der Verzicht auf den Alkoholverkauf hat die Migros seit den Anfängen als der Volksgesundheit verpflichtet vor allen andern Detaillisten ausgezeichnet. Seit ehemalige Manager aus dem Bierbraugewerbe in die Migros Leitung Einzug gehalten haben, ist nicht überraschend in der Chef-Etage der Wunsch nach Alkoholverkauf immer stärker geworden. Nun ist für sie der Moment gekommen, aufs Ganze zu gehen, nachdem die Fronten seit Jahren durch die Zukäufe der alkoholführenden Firmen wie Denner und Globus aufgeweicht worden sind.
Geholfen hat natürlich auch der allgemeine Trend in Wirtschaft und Politik, im Zeichen des Neoliberalismus mit der nicht funktionierenden Eigenverantwortung die Prävention zu schwächen. (Ein entsprechendes Ergebnis haben wir ja gerade während der Corona-Pandemie erlebt.) Die Politik verhinderte ein Präventionsgesetz, der Alkoholverkauf auf Autobahn-Raststätten wurde erlaubt, die TV-Alkoholreklame eingeführt, das Alkohol-Werbeverbot betr. Jugendliche wurde abgeschwächt, etc. Und nun will die Migros am Alkohol gesunden!
Die Einschränkung der Erhältlichkeit ist gemäss WHO die zweitwirksamste Massnahme, wie der Alkoholkonsum eingeschränkt werden kann. Wenn die Migros, eine der zwei grössten Detaillisten, ihre einschränkende Politik aufgibt, wäre das ein Erdrutschsieg für die weltweite Alkoholindustrie. Auf unsere Kosten!
Weiss jemand, wie sauber die Abstimmung durchgeführt und kontrolliert wird??
Leserbrief zu „70 Prozent mehr Gastro-Lokale zu vermieten“ und „Gastronomen ärgern sich über den Bundesrat“ im Tagi vom 16.2.2021
Die Gastrobranche ist einer der am meisten unter der Pandemie leidenden Wirtschaftszweige. Viele Betriebe haben endgültig aufgegeben, was sich in den überdurchschnittlich hohen Zahlen an leerstehenden Mietlokalen spiegelt. Mit fast 300‘000 Unterschriften fordern zwei Petitionen vom Bundesrat die sofortige Öffnung der Restaurants und Läden. Und sogar die Grossen der Gastroszene verlangen vom Bundesrat eine Änderung der Härtefallregeln zu ihren Gunsten.
Der Frust in der Gastro-Branche ist gross. Nur muss sich diese auch vorhalten lassen, dass ihre Probleme zum Teil hausgemacht sind: Am 1.6.2005 berichtete „Der Landbote“ über die Delegierten-Versammlung von Gastrosuisse in Lugano. Der damalige Zentralpräsident Klaus Künzli erklärte, 10‘000 Betriebe müssten schliessen, damit die Branche ein befriedigendes Auskommen hätte. Eine Woche später wurde über ein neues Gastgewerbegesetz abgestimmt, das die obligatorische Wirteprüfung und den Fähigkeitsausweis abschaffte. Die Kantone haben seither eigene Regeln.
Schon am 14.4.05 erklärte der Tages-Anzeiger im Wirtschaftsteil „Warum die Beizen noch immer nicht sterben“. 10’000 Betriebe seien zu viel. Durch die Lockerung der Gastgewerbegesetze würden immer noch mehr eröffnet als geschlossen: 2004: +690 Restaurants und +61 Hotels.
Die explosionsartige Zunahme der Betriebe begann mit der Liberalisierung in den 1990er Jahren. Die Gastrobranche hat dabei kräftig mitgewirkt und es später versäumt, Gegensteuer zu geben. Jetzt haben sie den Schlamassel und wollen als systemrelevant mit Steuergeldern gerettet werden.
2018 hat der Bund seine Pandemie-Notreserve von 10‘000 Tonnen Ethanol im Zuge der Privatisierung der Eidgenössischen Alkoholverwaltung aufgegeben. Jetzt herrscht akuter Mangel an Desinfektionsmitteln, wofür der hochprozentige Alkohol gebraucht würde.
Christoph Lenz hat den Schuldigen gefunden: Das Amt für wirtschaftliche Landesversorgung. Es sollte deshalb gründlich erneuert oder aufgelöst werden.
Ich denke, diese Betrachtungsweise fasst zu kurz. Müsste man sich nicht fragen, wie so etwas möglich sein konnte? Wer die Politik im Bundes-Bern verfolgte, wird sich erinnern, wie in den letzten ca 10 Jahren die bürgerlichen Parteien systematisch alle politischen Bemühungen in Sachen Alkoholprävention im Keim erstickten und so die fahrlässige Haltung gegenüber einem so wichtigen Notvorrat ermöglichten:
Keine Erneuerung der uralten Alkoholgesetzgebung mit Stärkung des Jugendschutzes;
kein Vorsorge-Gesetz;
die Eidgenössische Alkoholverwaltung wurde systematisch aufgegliedert und aufgelöst, wobei das wertvolle Know-How der Präventionsabteilung verloren ging;
die Abteilung Alkohol beim Bundesamt für Gesundheit wurde laufend geschwächt und schliesslich einer allgemeinen Suchtabteilung einverleibt;
die ausserparlamentarische Eidgenössische Kommission für Alkoholfragen wurde gestrichen;
das Schweizer Fernsehen durfte erstmals in seiner Geschichte Alkoholreklame senden;
die ausländischen Fernsehsender durften in ihrem Schweizer Werbefenster Alkoholreklame einfügen, damit im Gegenzug unsere Filmindustrie EU-Subventionen erhalten konnte. Als die EU diese Subventionen als Druckmittel strich, zog die Schweiz nicht nach und beliess die ausländische Alkoholreklame;
obwohl in der Zeit des Corona-Lockouts Alleinstehende und Alte Gefahr laufen, ihren Trost im Alkohol zu suchen, wurde der Online-Handel von Alkoholika nicht unterbunden und die Lebensmittelhändler mussten die Alkoholabteilung im Laden nicht absperren.
usw.
Wie gefährlich diese neo-liberale Haltung ist, die das „Recht auf Suff“ über das Allgemeinwohl stellt, erleben wir nun an diesem Beispiel. Dass nun die einzige Konsequenz für die Politik es sei, das Amt für wirtschaftliche Landesversorgung aufzulösen oder zu erneuern, würde ich nicht befürworten. In Bern müsste ein Umdenken hin zu mehr Prävention und weg von der Alkohol-Abhängigkeit stattfinden.
Ein Lichtblick mag es sein, dass Anne Lévy neue Chefin des Bundesamtes für Gesundheit wird. Sie wechselte während der oben erwähnten Krisenzeit im BAG vom Leiterposten in der Alkoholabteilung nach Basel. Jetzt ist sie zurück. Ich gratuliere und wünsche ihr viel Kraft und Erfolg.
Genf, die Waadt und das Tessin weisen die höchsten Fallzahlen auf. Und das Wallis? Philippe Reichen schreibt: „Die Erklärungsversuche fallen dürftig aus, nach Gründen will man mancherorts nicht einmal mehr suchen.“ Wie wäre es mit diesem Erklärungsversuch? Die Nicht-deutschschweizer Kantone weisen den höchsten Alkoholkonsum in der Schweiz auf. Alkohol schädigt bekanntlich das Immunsystem. Bisher habe ich weder in den Medien noch von Behörden eine entsprechende Warnung an die Bevölkerung gesehen oder gehört.
Wohl ist der Alkoholkonsum im Gastgewerbe nun unterbunden worden. Doch wer in der verordneten Quarantäne zu Hause über einen Wein- oder Biervorrat verfügt, ist in dieser psychisch anspruchsvollen Zeit erst recht versucht, Trost im Alkohol zu suchen. Auch wird in Lebensmittelgeschäften der Alkoholsektor nicht abgesperrt. Für Nachschub ist also gesorgt. Singles und die ältere Risikogruppe sind besonders gefährdet.
Ist ein Grund für die fehlende Information wohl die Befürchtung, die Alkoholindustrie, als systemrelevant, könnte leiden? Auch in der Zeit darnach? Oder will man damit erreichen, dass möglichst viele Menschen vom Virus infiziert und dann hoffentlich immunisiert werden? Kollateralschäden bei den Risikogruppen werden in Kauf genommen? Die belasten ja doch nur die Rentenversicherungen und die AHV?
Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
Effretikon
(Am 27.3.20 vollumfänglich veröffentlicht.) Der verlinkte Online-Artikel wurde für die Druckausgabe gekürzt.
Nachtrag: Artikel im Tages-Anzeiger vom 28.3.20: „Online blüht das Geschäft“, gemeint ist das Geschäft mit Wein. Überschrift zum letzten Abschnitt: „Rentner bestellen fleissig.“ Letzte Sätze: “ Gleich doppelt so viel wie vor einem Jahr, so verraten ihm seine Statistiken, bestellen die über 65-Jährigen, die zu Hause blieben. Eigentlich eine gute Nachricht.“ Kommentar: Gut für den Weinhändler, schlecht für jene Kunden, die nicht masshalten können und den schon bestehenden Altersalkoholismus noch anheizen.
Leserbrief zu „Verantwortungsvoller Umgang mit Cannabis ist möglich“. TA vom 28.1.20
Ohne den Artikel gelesen zu haben, wird man sofort zustimmen und beipflichten, der verantwortungsvolle Umgang mit Cannabis ist möglich. Genauso möglich wie mit andern Drogen; es heisst ja immer wieder, es komme auf die Dosis an. Sogar mit Alkohol, der gefährlichsten Droge, wenn man die sozialen Kriterien mitberücksichtigt, ist ein „verantwortungsvoller Umgang“ möglich, was immer das heisst. Vergleicht man die bei Cannabis zu erwartenden Schäden mit denen des Alkoholkonsums in der Schweiz müsste man bei Cannabis von Bagatellen sprechen. Dass die Cannabis-Lobby trotzdem eine regulierte Abgabe befürwortet, ist lobenswert.
Wenn man bedenkt, dass in der vielfach gefährlicheren Alkoholfrage die Alkohollobby es mit ihren unbegrenzten Mitteln geschafft hat, unsere Regierungen und Parlamente dermassen lahmzulegen, dass von Prävention kaum mehr die Rede sein kann, ist es allerdings fraglich, ob diese Regulierung die erhoffte Wirkung im präventiven Bereich erreichen würde.
Mit Cannabis werde bereits jetzt ein Jahresumsatz von einer Milliarde Franken erzielt. Ist Cannabis einmal legalisiert, wird dieser Umsatz massiv ansteigen, denn sowohl die Tabak- wie auch die Alkoholindustrie wird massiv in diese Wachstumsindustrie investieren und mit ihrer Erfahrung auch in diesem Drogenproblem Regierungen und Parlamente unter ihren Einfluss bringen. Das Ergebnis kennen wir von Alkohol und Tabak: Die Kosten und die immateriellen Schäden trägt der Steuer- und Prämienzahler, die Bevölkerung; die Profite gehen an die Drogenindustrie.
Wer ein bisschen nachdenkt, kommt zum Schluss, dass die Parlamentarier und die Regierungen zuerst ihr Augenmerk auf die vernachlässigten Alkohol- und Tabakfragen richten, und ein Abgabe- und Steuersystem für alle Drogen einführen sollten.
Ein grosses Kompliment an Berit Uhlmann, die wahrscheinlich als Erste im Tages-Anzeiger einen ausgewogenen Bericht über die Alkohol-Prohibition in den USA gewagt und geschrieben hat. Man könnte direkt denken, dies sei ein Produkt der neuen Ehrlichkeit eines verantwortungsbewussten Journalismus.
Es wäre interessant zu wissen, wie viele Fälle von Leberzirrhose in absoluten Zahlen vermieden werden konnten. Es heisst „die Hälfte“. Dazu müsste man noch die vielen andern Erkrankungen rechnen, vor allem Krebs, die vom Alkohol verursacht wurden, was man damals noch nicht wusste.
Die drei Lehren, die das NIAAA damals zog, gelten auch heute noch: Die wirksamsten Massnahmen, den Alkoholkonsum (und damit die alkoholbedingten Schäden) zu reduzieren sind steigende Preise und die Einschränkung der Verfügbarkeit. Diese anzuwenden wären eigentlich alle WHO-Mitgliedsländer moralisch verpflichtet. Damals haben die Politiker die Prohibition aufgehoben, um den Staat zu schonen und ihm die Steuermilliarden wieder zu schenken, auf Kosten der Volksgesundheit. Heute schonen die Politiker in der Schweiz die milliardenschweren Alkoholmultis auf Kosten der Volksgesundheit und der Öffentlichkeit, welche die Alkoholschäden trägt.
Ihre Kurznachricht an vorderer Stelle in der letzten Nr. 45 vom 6. Nov. 18 muss für Sie wie eine Erfolgsstory, ein Triumpfgesang tönen: Gemäss der aktuellen Gesundheitsbefragung des Bundesamtes für Statistik hat sich die Zahl der jugendlichen Rauschtrinkerinnen zwischen 2007 und 2017 verdoppelt. Bei den männlichen Jugendlichen gab es einen Anstieg von 19% auf ebenfalls 24%. Ihre Mitwirkung bei der Einführung der Alcopops hat sich somit ausgezahlt. Die Frauen und die Jugendlichen wurden damit für den Alkoholkonsum gewonnen, für Nachwuchs bei den Alkoholschäden haben Sie massgeblich, als grösster Alkoholhändler in der Schweiz mitgesorgt. Mindestens die heutigen über 100’000 Kinder und Jugendliche, die in alkoholbelasteten Familien aufwachsen müssen, und die kommenden Generationen werden es Ihnen hoffentlich danken.
Leserbrief zu „Reinigendes Sommergewitter“ vom 29.5.18
Normalerweise interessieren Alkoholprobleme den Normalbürger nur, wenn er selber plötzlich und unverschuldet zum Betroffenen wird, das kann sogar tödlich sein.
Von einem langjährigen Regierungsrat und sogar Gesundheitsdirektor erwartet man, dass er über Alkoholprobleme Bescheid weiss und sich politisch mit ihnen auseinandersetzt. Umso erstaunlicher wirkt die Aussage von Thomas Heiniger, nachdem er mit seinem erwachsenen Sohn im FCZ-Extrazug nach dem Cupsieg auf der Heimreise beinahe in eine Schlägerei verwickelt worden war: „Die rohe, willkürlich eingesetzte Gewalt ist ihm völlig unverständlich“.
Völlig unverständlich ist, dass dem abtretenden Regierungsrat all die vielen Debatten über Fan-Gewalt im und ums Stadion, auf dem Weg vom und zum Stadion, und in den SBB-Zügen, im Zusammenhang mit Alkohol, aus dem Bewusstsein gewichen sind. Völlig verständlich ist hingegen, dass mit einer solchen Verdrängungshaltung auf Regierungsstufe keine Besserung der Verhältnisse erwartet werden kann.