Briefe an ....

"Unsere Presse im Zwielicht" oder "Wie der Schweizer Presserat seine eigenen Richtlinien bei Bedarf ausser Kraft setzt"

1. Brief an den Schweizer Presserat. Erste Beschwerde (27.02.06)

2. Antwort des Sekretärs des Schweizer Presserats (02.03.06)

3. Brief an den Schweizer Presserat. Erweiterte Beschwerde (14.03.06)

4. Entscheid des Schweizer Presserats. (30.06.06)

5. Antwort an den Schweizer Presserat auf deren Abweisung der Beschwerde  (13.07.06)

6. Antwort des Sekretärs des Schweizer Presserats (14.07.06)

7. Erwiderung auf die Antwort des Sekretärs des Schweizer Presserats (17.07.06)

8. Kommentar (25.07.06):


 

1. Brief an den Schweizer Presserat. Erste Beschwerde (27.02.06)

Herrn
Dr. iur.
Martin Künzi, Fürsprecher
Sekretariat Presserat
Bahnhofstrasse 5
Postfach 201
3800 Interlaken

E-mail: info@presserat.ch

 

Beschwerde zu Handen des Presserates

Sehr geehrte Damen und Herren,

Betr. Richtlinien zur Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten 

In diesen Grundsatzpapieren verbreiten Sie die journalistische Ethik, der Sie mit einem Be­schwerdeverfahren Nachachtung verschaffen wollen. Prof. Dr. Roger Blum hat diese Ethik kürzlich bekräftigt.(1) Im allgemeinen mögen Sie damit Erfolg haben, aber in mindestens einem besonderen Fall sind Ihre Richtlinien reine Makulatur. Dass dies auch unter Journa­listen bekannt ist, zeigt der Artikel von Jean-Martin Büttner (2) als Antwort auf eine Rede von Bundesrat Ch. Blocher vor Journalisten. Wenn der Verlag eigene Interessen vertritt, kann der Journalist seine Pflichten nicht wahrnehmen. Ihre Richtlinien sind deshalb in dieser Form irreführend und müssten der Realität angepasst werden. Oder Sie verhängen Sanktionen gegen Verleger, die es ihren Mitarbeitern verunmöglichen, ihrer Ethik nachzuleben.  

Als konkretes Beispiel kann Ihnen die Behandlung der Alkoholfrage in den Medien dienen.

Seit Jahren werden in der Schweizer Presse immer wieder Meldungen verbreitet, wonach alkoholische Getränke, mit Mass genossen, im Vergleich zu alkoholfrei Lebenden, gewisse gesundheitliche Vorteile böten. Meistens werden die wissenschaftlichen Quellen nicht ange­geben. Leserbriefe, die darauf verlangen, offensichtliche Mängel dieser Untersuchungen richtigzustellen, werden nicht veröffentlicht, eine Richtigstellung erfolgt auch nicht. Nun sind in letzter Zeit neue Untersuchungen publiziert worden, die diese Mängel auch wissenschaft­lich belegen. (3-8) In der Schweiz wurden sie nicht veröffentlicht. Auch meine schriftliche Intervention bei etwa 25 der wichtigsten Redaktionen hat nichts bewirkt. (9)

Dieselbe Verweigerungshaltung ist festzustellen, wenn ein Presseartikel oder ein Fernsehbe­richt das Alkoholproblem in aller Deutlichkeit aufzeigt: Weltwoche (10), Dok-Film bei SF1 (11)). Kein Journalist, keine Zeitung nimmt selber das Problem auf und stellt eigene lösungs­bezogene Recherchen an, um die gesellschaftliche Diskussion weiterzubringen.

Auch Lösungsstrategien für dieses wichtigste sozialmedizinische Problem der Schweiz wer­den nicht recherchiert oder Hinweisen wird nicht nachgegangen, obwohl von wissenschaftli­cher Seite entsprechendes Material vorhanden ist. (12)

 

Begründung: Die Journalisten und Redaktionen verstossen damit gegen Ihre Erklärung der Pflichten der Journalistinnen und Journalisten Punkt 1, indem sie es unterlassen, die Öffent­lichkeit zu informieren. Sie unterlassen es auch nach Punkt 2, kritisch und frei über dieses wichtige Thema zu recherchieren und zu schreiben. Sie unterlassen es auch nach Punkt 5, diese Meldungen zu berichtigen. Sie verhindern dadurch den in Ihrer Präambel vorgesehe­nen gesellschaftlichen Diskurs und entsprechende politische Folgerungen und

Konsequen­zen. Sie üben damit eine Macht in der Gesellschaft aus, die mit dem journalistischen Ethos nicht übereinstimmen kann. Sie entspricht auch nicht den von Verlagen und Redaktionen oft verkündeten hehren Geschäftsprinzipien. (13) Sie schaden damit unserer Wirtschaft, sie verletzen die Menschenrechte, vor allem die von Tausenden von Kindern und Jugendlichen, die in alkoholbehinderten Familien aufwachsen müssen und deren Lebenschancen schwer beeinträchtigt sind. Sie verhindern, dass die alkoholbedingte Gewalt massiv reduziert werden kann. Sie schaden vor allem der Jugend, indem sie sich weigern, ihre Haltung in Bezug auf die Alkoholwerbung zu revidieren. Sie haben während Jahrzehnten dazu beigetragen, dass die 0,5‰-Grenze erst jetzt gesenkt wurde, was in der Zwischenzeit Tausende Todesopfer und Verletzte und Millionenschäden verursacht hat.  

Mit dem Beitritt einer Anzahl grosser Verlage zur „Allianz für Werbeverbote“ demonstrieren diese geradezu, dass sie nicht gewillt sind, die Unabhängigkeit ihrer Journalistinnen und Journalisten zu gewährleisten.

 

Ergänzung: Diese Beschwerde betrifft natürlich nicht die normale Berichterstattung von Er­eignissen, Unfällen und Verbrechen, die Schilderung von Einzelschicksalen, meist in Zu­sammenhang mit Alkoholmissbrauch, der ja offiziell auch von der Alkoholindustrie missbilligt wird, obwohl diese ohne ihn kaum existenzfähig wäre. (11% der über 15-Jährigen in der Schweiz konsumieren 50% des Gesamtkonsums.)

Es geht um die führenden Medien, die eigene wissenschaftliche Redaktionen unterhalten und Zugang zu den internationalen Agenturen haben. Auch sind es immerhin ca 25 Medien, die über den Newsletter von www.alkoholpolitik.ch monatlich die wichtigsten Neuigkeiten auf diesem Fachgebiet erhalten.

                                                                                   

Material:


(1)  (21.01.2006) Prof. Dr. Roger Blum, Direktor des Instituts für Kommunikations- und Me­dienwissenschaft an der Uni Bern im Tages-Anzeiger vom 21.1.06 in: "Der manchmal not­wendige 'Landesverrat'": 

"Der schweizerische berufsethische Kodex steht genau aus diesem Grund bei der Frage, was öfentlich werden soll, der Rechtsordnung in gewissen Punkten klar entgegen: - Er be­harrt auf der Priorität der Öffentlichkeit ("Die Verantwortlichkeit der Journalistinnen und Jour­nalisten gegenüber der Öffentlichkeit hat den Vorrang vor jeder anderen, insbesondere vor ihrer Verantwortlichkeit gegenüber ihren Arbeitgebern und gegenüber staatlichen Organen")

                                                                                                    ***

(2)  (08.12.2005) Aus der Replik von Jean-Martin Büttner im Tages-Anzeiger vom 8.12.05 auf die Rede Christoph Blochers an die Journalisten:

"Wirklichkeit ist eine Funktion der Macht" ..."Wirklichkeit für einen Journalisten ist zum Beispiel, was sein Verlag als Wirklichkeit definiert haben möchte. ... Schreiben was ist?  Schreiben was sein darf."

                                                                                                     ***

(3)  Patterns of alcohol drinking and its association with obesity / Trinkverhalten und Zusammenhänge mit Übergewichtigkeit     (Siehe auch Briefe an...)

Studie von Ahmed A. Arif and James E. Rohrer, Mayo Clinic

Quelle: Join Together, 12/05/05 / BMC Public Health 12/05/05: siehe Links, Kurzfassung und Kommentar auf website ..\forschue\forsch90.htm

Darauf unser Brief am 16.05.2005 per e-mail

  

(4)  Cardiovascular risk factors and confounders among nondrinking and moderate-drinking U.S. adults / Herzinfarkt-Risikos und die Verunsicherung bei den Gruppen der ab­stinenten und mässig Alkohol konsumierenden Erwachsenen in den USA. Studie von: US Gov. Centers for Disease Control and Prevention: Timothy S. Naimi, David W. Brown, Robert D. Brewer, Wayne H. Giles, George Mensah, Mary K. Serdula, Ali H. Mokdad, Daniel W. Hungerford, James Lando, Shapur Naimi and Donna F. Stroup.

Quelle: Marin Institute/ American Journal of Preventive Medicine, May 2005 issue.

Links, Kurzfassung und Kommentar auf  website ..\forschue\forsch61.htm am 2.5.05

 

(5)  Reducing Hypertension-Related Mortality: Is Wine or Beer Better? / Senkung der Todesfälle im Zusammenhang mit Bluthochdruck: Ist Wein oder Bier besser?

Studie von: Renaud SC, Guéguen R, Conard P, et al., Boston University - School of Medi­cine and School of Public Health

Quelle: Article: Alcohol and Health: Current Evidence
Informing you of the latest clinically relevant research on alcohol and health

Kurzfassung und Kommentar auf website ..\forschue\forsch50.htm, am 17.11.04

 

(6)  Report Questions Alcohol's Heart-Healthy Effects / Bericht bezweifelt die positiven Effekte des Alkohols auf die Gesundheit  des Herzens

Studie von: Dr. Flavio Fuchs of Federal University of Rio Grande do Sul in Brazil

Quelle: Marin Institute News Digest/Reuters Health: 8.9.04. The American Journal of Epidemiology.

Links, Kurzfassung und Kommentar auf  website ..\forschue\forsch43.htm am 12.9.04

 

(7)  Cocoa Has More Phenolic Phytochemicals and a Higher Antioxidant Capacity than Teas and Red Wine / Kakao enthält mehr Phenol Phytochemicalien und mehr Antioxidan­tien als Tee und Rotwein 

Studie von: Ki Won Lee, Young Jun Kim, Hyong Joo Lee, and Chang Yong Lee

Quelle: Journal of Agricultural and Food Chemistry, Ausg. 3.12.03/ Basler Zeitung online
Links, Kurzfassung und Kommentar auf  website
..\forschue\forsch22.htm am 9.12.03

 

(8)  Wie Wissenschaft, Medien und Politik oft übersteigert auf vermeintliche Durchbrüche in der Forschung reagieren.

Artikel von Rosmarie Waldner Im Tages-Anzeiger vom 11.4.03

Zusammenfassung und Kommentar auf website ..\forschue\forsch8.htm am 11.4.03


***

(9) 16.05.2005

An die Redaktionen von ca 25 Zeitungen und Zeitschriften in der Schweiz siehe Link unter br050516.htmper e-mail

Sehr geehrte Damen und Herren,

Als Forschungsberichte auftauchten, mässiger Alkoholkonsum ab 45 Jahren sei für Herz und Herzkranzgefässe positiv, wurden diese auch in den Schweizer Medien zahlreich und unkri­tisch verbreitet. Jeder Fachperson musste dabei auffallen, dass die Kontrollgruppen der Ab­stinenten nicht ausschliesslich aus lebenslang alkoholfrei lebenden Menschen bestehen konnten, da deren Zahl beschränkt ist. Die meisten mussten also aus gesundheitlichen Gründen abstinent sein, d.h. gesundheitliche Probleme haben, wie z.B. ehemalige Alkoholi­ker, Diabetes-Kranke usw.

Die amerikanische Regierungsstelle US Gov. Centers for Disease Control and Prevention hat nun diese Frage geklärt und die Ergebnisse im American Journal of Preventive Medicine in der Mai Nummer veröffentlicht. Ich habe auf meiner Webseite www.alkoholpolitik. am

2. Mai darüber berichtet. Falls Ihnen dieser Forschungsbericht noch nicht bekannt war, hoffe ich, dass Sie nun in gleicher Aufmachung auch diese längst fällige Korrektur bringen werden. Sie gefährden sonst die Gesundheit Ihrer Kundschaft. Haben Sie diese "Gesundheitsanprei­sungs-Welle" damals nicht mitgemacht, sehen Sie vielleicht jetzt die Möglichkeit, auf dieses Problem einzugehen. Untenstehend die erwähnte Seite aus www.alkoholpolitik.ch mit Links zu der Untersuchung. Besten Dank.
Mit freundlichen Grüssen
Hermann T. Meyer


***


(10) 
Artikel in der Weltwoche am 26.8.04: „Die Hicks-Society“: Ohne Echo

                                                                                                    ***


(11)  Dok-Film im Schweizer Fernsehen am 24.11.05, 25.11.05 und am 28.11.05: "Jung und besoffen - Ein Streifzug durch die Basler Szene": Ohne Echo

                                                                                                    ***

 

(12)  "Alkohol - Kein gewöhnliches Konsumgut" " (deutsche Übersetzung von „Alcohol - No Ordinary Commodity, Alcohol and Public Policy“  2003. (Unter den Autoren auch Prof. Jür­gen Rehm, Zürich)
357 S., Babor, Caetano, Casswell u.a., Hogrefe, Göttingen, 2005, ISBN 3-8017-1923, CHF 102.00 bei der SFA, Schweiz. Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme, Lausanne
An einer grossen Internationalen Tagung „Bridging the Gap“  im Juni 2004 in Warschau vor­gestellt.  Kongressbericht auf ..\veransta\veranst.htm

Daraus für die Schweiz relevante Seiten (pdf)

                                                                                                     ***

 

(13)  Hugo Bütler, Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, in "Journalismus in Gefahrenzo­nen" in der NZZ am Sonntag, am 28.9.03:  Zitat auf  http://www.alkoholpolitik.ch/zitate.htm :

"Es gibt ein würdiges Ziel für Journalisten: Die Suche nach Wahrheit, so gut wir sie eben eruieren können."

Kommentar: Schön wär's! Dann hätten wir das Alkoholproblem schon lange im Griff! Es kommt halt darauf an, wo man zu suchen gewillt ist, wie schnell man mit einer "Wahrheit" zufrieden ist und ob man mit der Werbe- und Suchtmittelindustrie gemeinsame Sache macht. 

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 Sie könnten unserem Land einen grossen Dienst erweisen, wenn Sie diese Beschwerde ernst nähmen und entsprechend aktiv handelten.

 Mit bestem Dank zum voraus und mit freundlichen Grüssen

 Hermann T. Meyer

 

 

Kopie zur Kenntnis an:

Frau Anne Lévy, Bundesamt für Gesundheit, Bern
Herrn Lucien Erard, Eidg. Alkoholverwaltung, Bern
Herrn Michel Graf, Schweiz. Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme, Lausanne
Herrn Rolf Hüllinghorst, Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren, Hamm, D
Herrn Prof. Jürgen Rehm, Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung ISGF, Zürich
Herrn Prof. Dr. Gutzwiller, Nationalrat, Institut der Sozial- und Präventivmedizin der Univer­sität Zürich
Herrn Prof. Ambros Uchtenhagen, Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung, ISGF, Zürich
Frau Jacqueline Bachmann, Geschäftsführerin, Konsumentenforum kf, Zürich
Frau Ständerätin Simonetta Sommaruga, Stiftung für Konsumentenschutz, Spiegel b. Bern
Herrn Prof. Dr. Roger Blum, Universität Bern, Institut für Kommunikations- und Medienwis­senschaft, CH-3000 Bern 9
Herrn Prof. Dr. Daniel Perrin, IAM, Fachhochschule Winterthur
Herrn Jean-Martin Büttner, Journalist, Tages-Anzeiger, Zürich
Strassenopferhilfe-vfs Zürich
Herrn Markus Theunert, Fachverband Sucht, Zürich
 
Herrn Marcel Krebs, Redaktion Infoset 


 

2. Antwort des Sekretärs des Schweizer Presserats (02.03.06)

 

Schweizer Presserat   

Conseil suisse de la presse

Consiglio svizzero della stampa

Herrn

Hermann T. Meyer

Lindenstrasse 32
8307 Effretikon

Interlaken, 02. März 2006

Beschwerde vom 27. Februar 2006

Sehr geehrter Herr Meyer

Hiermit bestätige ich den Eingang Ihrer Beschwerde vom 27. Februar 2006, die ich zur weiteren Instruktion an das Presseratspräsidium (den Präsidenten und die beiden Vizepräsidentinnen) weiterleite.

Wenn ich Ihre Ausführungen richtig verstehe, richtet sich ihre Beschwerde in allgemeiner Weise gegen die Schweizer Medien, die nach Ihrer Auffassung - auch bestimmt durch Eigeninteressen - in unzulänglicher Weise über das Alkoholproblem berichten. Soweit Sie damit die Unterlassung einer aus Ihrer Sicht berufsethisch zwingend gebotenen Berichterstattung geltend machen sollten, erlaube ich mir, Sie bereits an dieser Stelle auf die - auf unserer Website www.presserat.ch abrufbare - grundlegende Stellungnahme 1/92 (Nachrichtenauswahl ist Sache der Redaktionen) hinzuweisen. Zudem hat der Presserat im Herbst 1996 in einem unveröffentlichten Nichteintretensentscheid festgehalten, dass es sich - wenn überhaupt - höchstens ganz ausnahmsweise rechtfertigen dürfte, aus der unterlassenen Berichterstattung eines Mediums über ein bestimmtes Thema eine Verletzung der in der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» statuierten berufsethischen Normen abzuleiten. Soweit Sie darüber hinaus geltend machen, bestimmte von Ihnen nicht konkret bezeichnete Medien würden Falschinformationen zu diesem Thema verbreiten bzw. bereits veröffentlichte Informationen richten, kann der Presserat die Berechtigung einer derartigen Beschwerde - wenn überhaupt - jedenfalls nur dann überprüfen, wenn sich die Beschwerde gegen genau bestimmte und entsprechend überprüfbare Medienberichte richtet.

Ich bitte Sie, mir mitzuteilen, ob Sie unter diesen Umständen trotzdem an Ihrer
Beschwerde festhalten. Falls ja, bitte ich Sie zudem, in Ergänzung der eingereichter
Beschwerdebegründung auch die darin erwähnten Beilagen dem Presserat in Papierform -
und nicht bloss als elektronische Links - zuzustellen.

Einstweilen verbleibe ich

      mit freundlichen Grüssen
Sekretariat Schweizer Presserat

Martin Künzi  

 

 

 

3. Brief an den Schweizer Presserat. Erweiterte Beschwerde (14.3.06)

                                                                                                

Herrn
Dr. iur.
Martin Künzi, Fürsprecher
Sekretariat Presserat
Bahnhofstrasse 5
Postfach 201
3800 Interlaken

E-mail: info@presserat.ch

 

Beschwerde zu Handen des Presserates, Fortsetzung der Eingabe vom 27.2.06

Betr. Richtlinien zur Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten

Sehr geehrter Herr Dr. Künzi,

Besten Dank für Ihre prompte Antwort auf meine Beschwerde und dass Sie mich auf die damit verbundenen Schwierigkeiten aufmerksam machen:

A) Diese Stellungnahme von 1992:

Nr. 1/92: Stellungnahme des Presseratspräsidenten vom 11. Juni 1992 zur Beschwerde gegen die Schlagzeilen und Kommentare von René Hildbrand im Blick; vom 10. März 1992

Stellungnahme

Selektion von Informationen

1. Zwar kann durch eine einseitige Selektion von Informationen durch Medien ein Zerrbild entstehen, und auch wenn die einzelnen Meldungen den Tatsachen entsprechen und somit wahr sind, kann letzlich die Wirkung einer Desinformation erzielt werden, die der Unwahrheit gleichkommt. Aber eine etwas einseitige Selektion ist nicht a priori ein Verstoss gegen die Regeln der journalistischen Ethik.

 

 

Die von mir angeprangerte Haltung der Redaktionen ist nicht „eine etwas einseitige Selektion“ sondern ein methodisches, absichtliches Verweigern von lebenswichtigen Informationen, auf die

  1. unser Volk angewiesen ist, um sich richtig gesundheitsbewusst verhalten zu können,
  2. unsere Politiker mit angewiesen sind, um die richtigen Massnahmen zu treffen, um weite­ren Schaden von unserm Volk abzuwenden, der sich über die Jahrzehnte schon auf viele Milliarden Franken und unzählbaren immateriellen Schaden beläuft.

 

B) Kein Beschwerde gegen die Presse allgemein möglich.

 

Da ich natürlich nicht alle Presseerzeugnisse, Radio- und Fernsehsendungen ständig verfolgen kann, bin ich auch nicht in der Lage, mit letzter Sicherheit zu behaupten und zu beweisen, dass keine der von mir verlangten Berichte erschienen sind:

 

a) Berichte über Untersuchungen, welche die gesundheitlichen Vorteile des mässigen Alkohol­konsums gegenüber der Abstinenz relativieren oder widerlegen. Artikel, die nachweisen, welche Pro-Alkohol-Artikel von Forschern oder Instituten stammen, die von der Alkoholindustrie (mit)finanziert wurden.

 

b) Seriös recherchierte Berichte, welche die erfolgversprechenden Massnahmen aufzeigen, die gemäss wissenschaftlicher Studien verfügbar wären, um das Alkoholproblem wenigstens spür­bar zu mildern. Ganz wird es kaum je aus der Welt zu schaffen sein.

 

c) Folgeartikel, die auf Veröffentlichungen von anderer Seite reagieren, die Diskussion aufneh­men und so den von Ihnen gewünschten gesellschaftlichen Diskurs anregen und weiterbringen. Nur der „Primeur“ zählt.

 

Trotzdem wage ich zu behaupten, dass die meisten Presseerzeugnisse, wie auch Radio und Fernsehen in der Schweiz in diesen Belangen die schriftlich festgelegten und im Internet publi­zierten „Richtlinien zur Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“ verletzen.

  • Punkt 1, indem sie es unterlassen, die Öffent­lichkeit zu informieren. Sie unterlassen es auch nach
  • Punkt 2, kritisch und frei über dieses wichtige Thema zu recherchieren und zu schreiben. Sie un­ter­lassen es auch nach
  • Punkt 5, diese Meldungen zu berichtigen. Sie verhindern den in Ihrer Präambel vorgesehe­nen ge­sellschaftlichen Diskurs und entsprechende politische Folgerungen und Konsequen­zen. Sie üben damit eine Macht in der Gesellschaft aus, die mit dem journalistischen Ethos nicht über­ein­stimmen kann. Diese Macht zeigt sich laufend in der parlamentarischen Arbeit, gerade auch wie­der während dieser Frühjahrssession in Bern. Wenn die ganze Medienwelt ihre Verantwortung wahrnehmen und die Fakten auf den Tisch legen würde, wäre die Alkoholfrage schon lange auf ein „erträgliches“ Mass geschrumpft.

Sie verlangen, dass ich bestimmte Presseerzeugnisse nenne, weil der Presserat nur am einzelnen Fall die Anschuldigung überprüfen könne. Hier Beispiele:

Nr.

Datum

Medien

Beschreibung des Artikels

Kommentar

1

 

 
2

22.12.98

 


30.11.99 ca

Tages-Anzeiger

 


Tages-Anzeiger

Das gesunde Gläschen danach. Es wird über eine amerikanische Untersu­chung im britischen Blatt „Lancet“ be­richtet: Moderater Alkoholkonsum bei Herzinfarkt-Patienten.

Ein Gläschen in Ehren kann Krankheit abwehren – Bier, Wein, und Schnaps sind nicht nur schädlich.

Am Schluss wird vor übermässigem Konsum gewarnt.

 

Auch hier kommt am Ende noch ein skeptischer Forscher zu Wort.
 

3

April 01

Pulstipp

ALKOHOL - Darum schützt er das Herz

Vergleich mit „Abstinenzler“

4

11.04.01

Coopzeitung Nr. 15

EIN GLAS ROTWEIN GEGEN DEN HERZINFARKT? Prof. F. Gutzwiller relativiert die Bedeutung der Untersuchungen.

Erstaunlich, dass ausge­rechnet die Coopzeitung des grossen Alkoholhändlers ein positives Beispiel liefert.

5

 

 
 6
 

22.11.02

 

 
23.11.02

Tages-Anzeiger

 

 
Tages-Anzeiger

Grosser Artikel zum Wechsel auf dem Chefredaktor-Posten zu Peter Hartmeier: „Mutiger, profilierter, kontroverser“


Mein Leserbrief, gekürzt erschienen am 27.11.02

Ich beklage, dass sich der TA bei diesem grössten sozialmedizinischen Problem vor der Verantwortung drückt.

Die Praxis sieht leider anders aus.

 

 
Der gedruckte Leserbrief erhielt den Titel: „Alkoholproblematik ist ein Thema.“
Mein Kommentar: Leider nicht wirklich.
 

7

 

 

 

 

8

08.02.03

 

 

 

 

09.02.03

Tages-Anzeiger

 

 

 

 

Sonntagszeitung

Ganzseitiges Inserat als Vorschau auf die Sonntagszeitung vom 9.2.03:
Eine von vier grossen Schlagzeilen lautete: "Besser Alkohol als Sport". Halb so gross darunter auf zwei Zeilen: "Neue wissenschaftliche Untersuchun­gen beseitigen letzte Zweifel: Alkohol mit Mass ist gesünder als kalorienarme Diät oder regelmässiger Sport."

 

In der Rubrik "Wissen" erschien ein seitengrosser Artikel mit einem oberen Bildblickfang in Form einer farbigen Reihe von verschiedenen Gläsern mit Alkoholika, darunter in der Mitte der Titel, 1,5 cm hoch: "Ein dreifaches Prosit aufs Herz". Am untern Rand eine Grafik mit der Überschrift "Zwei Gläser pro Tag bieten den optimalen Schutz".  

Am 22.3.03 auf www.alkoholpolitik.ch / Aktu­ell: Ein Musterbeispiel der Alkoholwerbung zum Scha­den unseres Volkes. Bereits im Untertitel des Artikels machen die Autoren eine Einschränkung. Auch im Kleingedruckten des langen Artikels erwähnen sie die beschränkte schützende Wirkung des Alkohols, aber die ganze Aufmachung für den schnellen Durch­schnittsleser ist doch klar auf die einfache Botschaft aus­gerichtet: Alkohol ist gesund! Schade, dass sich diese Zeitung ....

9

 

 

 

 

 10

28.09.03

 

 

 

 

28.09.03

NZZ am Sonntag

 

 

 

 

NZZ am Sonntag

Ausführlicher Artikel von Chefredaktor Hugo Bütler: „Journalismus  in Gefahrenzonen“

„Mancherorts ist es der Staat, der die Freiheit der Presse bedroht. In Ländern wie der Schweiz allerdings ist die Jagd nach dem Primeur oft genug der ärgste Feind des Journalismus.

 

Mein Leserbrief, veröffentlicht am 5.10.03, gekürzt um halben Schlusssatz.

 

 

 

 

 

 

Herr Bütler nahm sich die Mühe, mir schriftlich zu versichern, bei der NZZ werde der redaktionelle Teil vom Inserateteil strikt getrennt.

11

 

 12

27.01.04

 

28.01.04

Tages-Anzeiger

 

Tages-Anzeiger

„Lieber Kochkurse besuchen, statt Pillen zu schlucken“, Artikel des abtretenden Christoph Schilling.

Mein Leserbrief, veröffentlicht am 4.2.04, (letzte 5 Zeilen gestrichen, da persönliche Angriffe).

 

 

Hinweis auf wirksame Methoden.

13

08.04.04

Nature

Grosser Artikel über die gesundheitliche Bedeutung der alkoholischen Getränke:

Volksgesundheit: Der Dämon Alkohol. In unserer Presse erschienen darauf kurze Artikel, die sich hier orientierten. Der Originalartikel basiert auf Untersu­chungen von Prof. J. Rehm, Zürich.

Die wichtigen Stellen liess die Schweizer Presse meis­tens aus. Kurz: Nur eine kleine Gruppe kann angeb­lich vom positiven Effekt fürs Herz profitieren. Das zu kommunizieren ist schwierig, also lassen sie die Ein­schränkung gleich weg.

14

01.08.04

Basler Zeitung, online

Studie: Alkohol macht schlauer. 

Vergeich mit „Abstinenzler“

15

 

16

26.08.04

 

27.08.04

Die Weltwoche

 

Die Weltwoche

„Die Hicks-Society”
Fulminante Darstellung des Alkoholproblems in der Schweiz. Das erste Mal seit vielen Jahren.

Mein Leserbrief, veröffentlicht in Nr. 36.04, gekürzt um wesentliche Tatsachen.

Leider enthält der Artikel auch Schwächen. Ausführlicher Kommentar auf Webseite.

Kürzung: Hoffnung, die Wirtschaft und ihre Politiker würde endlich einsehen, dass Gesundheit Wohlstand schafft. Die EU spricht davon.

17

 

18

 

19

 

 

 

19.04.05

 

26.04.05

 

Mai 2005

 

 

 

 

San Francisco Chronicle, CA,USA


Marin Institute Alcohol News, USA



American Journal of Preventive Medecine, Vol 28, issue 4

 

 

Studie: Cardiovascular risk factors and confounders among nondrinking and moderate-drinking U.S. adults / Herzinfarkt-Risikos und die Verunsicherung bei den Gruppen der abstinenten und mässig Alkohol konsumierenden Erwachsenen in den USA: Ergebnis: Sie fanden, dass die Vergleichsgruppe der Abstinenten viel mehr Risiken für Herzkrankheiten aufwies, z.B. Übergewicht, Bewegungsmangel, hohen Blutdruck und Diabetes, als die mässigen Alkoholkonsumenten. Auf Grund dieser Ergebnisse konnte die Agentur nicht sagen, dass mässiger Alkoholkonsum ein Faktor sei, um das Herzkrankheit-Risiko zu vermindern.

Viele dieser Abstinenten werden ehemalige Alkoholiker sein, oder den Alkohol aus andern gesundheitlichen Gründen aufgegeben haben. Sie sind nicht mit lebenslang abstinent Lebenden vergleichbar. An dieser Untersuchung müssen sich alle andern messen lassen, die gesundheitliche Vorteile durch Alkoholkonsum postulieren.

Ich habe diese These schon lange vertreten und könnte auch mehrere Beispiele nennen von mir persönlich bekannten Ex-Alkoholikern, die vorzeitig wegen anderer Risiken (Krebs, Staublunge, Übergewicht, Rauchen, chronische Bronchitis, Herzinfarkt) verstarben.
 

20

 

 

 

 21

17.05.05

 

 

 

11.12.05

e-mail an ca 25 Redaktionen der Schweiz

 

 

 
NZZ Neue Zürcher Zeitung

Ich machte darin die Redaktionen auf die obige Untersuchung aufmerksam und bat, sie möchten nun auch diese bringen, wie sie früher die Gesundheitsanpreisungen gebracht hatten.

 


Der Mythos vom gesunden Alkohol
(Andreas Hirstein)

Leider ist die Schweizer Presse trotz meines Hinweises, mit Ausnahme der NZZ am Sonntag, nicht darauf eingegangen. Meiner Meinung nach ein schwerer Verstoss gegen die Presserat-Richtlinien.

(Mindestens bei Basler Zeitung, Tages-Anzeiger und TA-Magazin ist nichts zu finden.)

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 23

 

 

24

 

Sept. 05

 

 20.01.2006

 

 

02.03.06

Addiction, Vol. 100 Page 1291

 
Join Together, USA
 

 


Alcohol and Health: Current Evidence

Lower cognitive test scores observed in alcohol abstainers are associated with demographic, personality, and biologi­cal factors / Schlechtere kognitive Test­ergebnisse bei Abstinenten stehen im Zusamenhang mit demografischen, persönlichen und biologischen Faktoren.

Aus Kurzfassung von Blackwell Synergy Addiction: Tiefere kognitive Testergebnisse bei Abstinenten stehen im Zusammenhang mit demografischen, persönlichen und biologischen Faktoren

Dies bestätigt die amerikanische Untersuchung vom April 2005. Abstinente eignen sich nicht als Kontrollgruppe, ausser die lebens­langen; nur gibt es von diesen immer weniger, so dass kaum eine solche Kontrollgruppe in einem Land zusammenkommt.
(„Abstinenten“ tranken keinen Alkohol während des letzten Jahres!)

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26.11.05

e-mail an Tages-An­zeiger, Basler Zeitung

Ich bot einen ausführlichen Artikel zum TV-sf1-Dokfilm „Jung und besoffen“ an, weil der keine brauchbaren Lösungen sondern nur Hilflosigkeit verbreitete.

Sowohl die TA-Redaktion wie die TA-Inland-Redaktion lehnten ab, letztere wegen Geldknappheit, worauf ich den Artikel gratis anbot, ohne Reaktion. Die BaZ reagierte nicht. Sie hatte 2 eigene Artikel.

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03.12.05

 
08.12.05

 

 

 08.12.05

 

 

 

 

 

 

 

 
16.12.05

Tages-Anzeiger

 
Tages-Anzeiger

 

 

Tages-Anzeiger

 

 

 

 

 

 

 


NZZ Neue Zürcher Zeitung

„Journalisten müssen schreiben, was ist“. Rede Bundesrat Blochers vor Journalisten.

Mein Leserbrief vom 3.12.05




 

“Wirklichkeit ist eine Funktion der Macht“ von Jean-Martin Büttner. Als Replik auf obige Rede.
“Schreiben was ist? Schreiben was sein darf.“

 

 

 



 

 

Mein Leserbrief vom 4.12.05

 

 
„Die Schere der Selbstzensur wirkt derart mässigend, dass wir Bürgerinnen und Bürger die Wahrheit in der Alkoholfrage nicht zu lesen bekommen.“


Erstaunlich, dass selbst ein bekannter TA-Journalist die nackte Tatsache auf den Tisch legt. Man könnte meinen, die Redaktion wolle den Verlag herausfordern. Aber den lässt es offenbar kalt. Mit dem Beitritt zur Allianz gegen Werbeverbote hat er ja ausdrücklich demonstriert, was er von Unabhängigkeit und journalistischer Freiheit hält.

Pressefreiheit gilt nur für den Verlag!



Selbstzensur statt Recherche im Journalismus (Titel der Redaktion)

30

03.01.06

Tages-Anzeiger

Der Chefredaktor Peter Hartmeier „In eigener Sache“

Er stellt anfangs Jahr neue Redaktorinnen und Redaktoren vor und begrüsst sie. U.a.:

„Das Anforderungsprofil an unsere Kollegen und Kolleginnen ist rasch umschrieben: Neugierig müssen sie sein, beseelt vom Willen, Informationen zu finden, diese einzuordnen, zu analysieren, zu kommentieren und mit der Unterstützung unseres Foto- und Grafikteams zu erklären und optisch umzu­setzen. .... Redaktor und Redaktorin sind verpflichtet, mit Informationen verantwortungsvoll umzugehen und für die ethischen und unternehmenskulturellen Wertmassstäbe der Zeitung einzustehen. ...... Als lokal verankerte Tageszeitung mit nationaler Ausstrahlung setzen wir neben der Wiedergabe der Nachrichten auf eigene Recherchen, eigene Themen und Hintergrundinformationen – und dies in unterhaltender Form.“

Es tönt alles so schön. Wenn er nur nicht auf dem einen Auge blind wäre oder Scheuklappen tragen würde, um nicht sehen zu müssen!

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21.01.06

Tages-Anzeiger

Artikel von Prof. Roger Blum, Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Uni Bern:
“Der manchmal notwendige <Landesverrat>“
“Wenn geheime Informationen an die Oeffentlichkeit geraten, werfen Politiker den Medien schnell „Verrat“ vor. Doch es ist ihr Auftrag, Missstände aufzudecken.“

„Er (der schweizerische berufsethische Kodex) beharrt auf der Priorität der Öffentlichkeit. („Die Verantwortlichkeit der Journalistinnen und Journalisten gegenüber der Öffentlichkeit hat den Vorrang vor jeder andern, insbesondere vor ihrer Verantwortlichkeit gegenüber ihren Arbeitgebern und gegenüber staatlichen Organen.“
“Er setzt auf die volle Recherchierfreiheit. ....“

Das sind genau die Forderungen, die ich auch stelle, und die Sie durchsetzen sollten.

Ich kann auf Grund meiner täglichen Lektüre und der Suche im Archiv der Zeitungen mit der obigen Zusammenstellung den Schluss ziehen, dass mindestens der Tages-Anzeiger, entge­gen seinen Beteuerungen, aber auch gemäss Aussage seines eigenen Journalisten und durch seine öffentlich gemeldete Mitgliedschaft bei der „Allianz gegen Werbeverbote“ seinen Journa­listen nicht erlaubt, die Richtlinien des Presserates einzuhalten.

Auch die gelegentliche Berichterstattung zu einzelnen Alkoholthemen und diesbezügliche Leserbriefe oder Artikel über die Aufgabe der Journalistinnen und Journalisten ändern an dieser Feststellung nichts. Diese dienen als Vertuschungsmanöver, das darüber hinwegtäuschen soll, dass die wesentlichen Aussagen unterbleiben. Wichtige Aspekte werden in Leserbriefen, wenn sie überhaupt erscheinen, oft weggestrichen. Auch werden sie durch laufend publizierte Artikel, die den Alkoholkonsum verherrlichen und anpreisen bei weitem aufgewogen.

Ich bin aber überzeugt, dass es bei den andern Verlagen, vor allem jenen in der „Allianz gegen Werbeverbote“, genau gleich läuft. Auch das Schweizer Fernsehen bleibt mit ihren „aufklärerischen“ Sendungen an der Oberfläche und verbreitet daneben viel Lifestyle-Schleichwerbung, vor allem auch bei den von der Presse bezahlten Sendungen. Aber das gehört wahrscheinlich nicht zu Ihrem Aufgabengebiet. Besonders stossend ist, dass Presseerzeugnisse, die vorgeben, den Konsumenten zu schützen, nicht anders funktionieren wie die übrige Presse. Z.B.     K-tipp, Puls-tipp und vor allem der Beobachter.

Man könnte sich nun die Frage stellen und spekulieren, warum das so ist. Einige Möglichkeiten bieten sich an:

-         Zeitungsverlage sind oft grosse Firmenkonglomerate, die irgendwo, meist über die Inse­rate, mit der Alkoholindustrie verbandelt sind. Bei der Tagespresse ist der Anteil der Alkoholinserate allerdings minimal.

-         Die Wirtschaft allgemein hat noch nicht erkannt, dass Gesundheit Wohlstand bringt, wie die EU formuliert. Die grossen sozialen Folgekosten belasten nicht nur den einzelnen Bürger und die Bürgerin, sondern sehr stark auch die Wirtschaft. Da wären bedeutende Standortvorteile zu gewinnen. Würde weniger Alkohol konsumiert, könnte die übrige Wirtschaft davon profitieren.

-         Im Eingangstext zu meiner Webseite www.alkoholpolitik.ch formulierte ich: „Alkoholpolitik ist in der Schweiz wie auch in andern Ländern ein eher unbeliebtes Thema, weil sehr oft die eigene Konsumhaltung, wirtschaftliche Eigeninteressen oder einfach die gesell­schaftliche Wirklichkeit einer objektiven Betrachtungs- und Handlungsweise im Wege stehen.“  Damit ist auch für die Presse das Wesentliche gesagt. Die Journalistinnen und Journalisten üben einen stressigen Beruf aus. Dies führt oft zu einer eher ungesunden Alkohol-Konsumhaltung. Dieser Beruf wird deshalb in Bezug auf Alkohol als Risikoberuf eingestuft, ähnlich wie Gastgewerbepersonal, Bauberufe, Politiker, etc. Dass daher das Interesse, über  alkoholbezogene Themen zu recherchieren und zu schreiben, bei eini­gen nicht immer gross ist, kann man verstehen. Aber es gibt ja auch andere.

 

Meine Beschwerde halte ich aufrecht. Sie können entscheiden, ob Sie Presseerzeugnisse mahnen oder massregeln wollen, oder ob Sie einsehen müssen, dass Ihre Grundsätze der Realität angepasst werden sollten. Natürlich können Sie auch abwimmeln, (Sie sind ja Teil des Systems mit persönlichen Verbindungen) und hoffen, die Zukunft werde es schon richten und Sie könnten dann immer noch auf den fahrenden Zug aufspringen.  - Es ist schlussendlich auch eine Frage der Moral. - Ich wünsche Ihnen viel Glück bei Ihrer Entscheidfindung.

 

Mit freundlichen Grüssen

 

Hermann T. Meyer

 

 

 

Beilagen

 

73 Kopien zu den Artikeln in der Tabelle

 

 

Kopien per e-mail, ohne Dokumente, an die bisherigen Stellen 


 

4. Entscheid des Schweizer Presserats. (30.06.06)
 


 

Zur Webseite des Presserates:
2006
Nr. 33/2006: Informationsfreiheit / Keine Verpflichtung zur Veröffentlichung von unverlangt eingesandten Informationen (X. c. Diverse Medien) Stellungnahme des Presserates vom 30. Juni 2006

 

 

5. Antwort an den Schweizer Presserat auf deren Abweisung meiner Beschwerde (13.07.06)

Siehe dazu auch den nicht veröffentlichten Leserbrief an den Tages-Anzeiger vom 13.7.06.

 

Schweizer Presserat

Sekretariat

3800 Interlaken                                                                                                  

 

per e-mail

 

 

 

Stellungnahme 33/2006

 

Ich bestätige Ihnen den Eingang Ihres Entscheids zu meiner Beschwerde betr. der Behandlung der Alkoholfrage in den Schweizer Medien.

 

Am selben Tag brachte der von mir speziell kritisierte Tages-Anzeiger einen Artikel über eine im British Medical Journal veröffentlichte Studie zum Herzinfarkt-Risiko von mässig Alkohol Konsumierenden im Vergleich zu "Abstinenzlern" (bewusst herabsetzend). Zweifelnde Stimmen wurden, wenn auch kurz, erwähnt, so die kalifornische Soziologin Kaye Fillmore, aber nur als Einzelperson, dabei war sie die leitende Forscherin einer ensprechenden grossen internationalen Studie. Vielleicht ist das der Anfang zu einer neuen Haltung dem grössten sozialmedizinischen Problem unseres Landes gegenüber. Es wäre wirklich an der Zeit, wenn die Presse ihre Verantwortung wahrnehmen würde. Zuviel Not, Tod und Kosten hat sie mit ihrer Haltung bisher mitverursacht und mitzuverantworten.

 

Ihr Entscheid hat mich nicht überrascht. Ihre Argumentation aber schon. Zu Ihren Erwägungen:

 

1. Dass Sie von sich aus materiell zu verschiedenen Untersuchungen nicht Stellung beziehen können, leuchtet mir ein. Ein Richter würde dafür aber unabhängige Fachleute beiziehen. Das wäre für Sie durchaus machbar gewesen, aber Sie wollten gar nicht darauf eintreten.

Aus der „Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“ lässt sich keine berufsethische Pflicht ableiten. Was soll denn diese ganze Schaumschlägerei? Das Mindeste wäre noch, dass Sie diese hehren Worte entsprechend einschränkend deklarieren. Offensichtlich dienen diese wohlklingenden Leitsätze nur als folkloristisches Beiwerk bei Ausbildung und bei Festlichkeiten in Journalistenkreisen. Mit andern Worten: Sie erklären, dass es gar kein Berufsethos für Journalisten gibt. Wie Sie damit ehrlich leben können, ist Ihr Problem.

 

2. Sie belegen Ihre Behauptungen mit keinem einzigen Beispiel. Um nicht einseitig zu erscheinen, habe ich Ihnen die mir bekannten Artikel beigelegt, auch wenn sie einige kritische Bemerkungen enthielten. Auch habe ich mich nicht beklagt, meine Leserbriefe seien nicht gedruckt worden. Die Erfolgsquote ist im Ganzen bis jetzt über 50% gewesen. Nur wurde oft wesentliches gestrichen. Wenn Sie dies als Teil der Überschrift thematisieren, ist dies klar irreführend und unfair.

 

3. Dass ich keinen Anspruch darauf habe, von Redaktionen berücksichtigt zu werden, ist mir bewusst. Mit den Rundsendungen wollte ich vermeiden, dass sich diese herausreden konnten, sie hätten nichts gewusst, Es geht darum, dass Redaktionen einerseits die international erhältlichen Neuheiten, die sogar ich als Privatperson finde, der Bevölkerung vorenthalten und andererseits ein so wichtiges Thema nicht selber journalistisch aufarbeiten, recherchieren und verschiedene Lösungsansätze zur Diskussion stellen. Man begnügt sich weitgehend mit Schilderungen bei Unglücksfällen und  Verbrechen oder bringt Fallbeispiele von Einzelschicksalen, ohne auf die gesellschaftliche Relevanz einzugehen.
TA-Redaktor J.-M. Büttner, in seinem längeren Artikel, legte dar, dass nur geschrieben wird, was sein darf, d.h. was die Verleger zulassen. Ihre Betonung der Informationsfreiheit als Freiheit des Journalisten, seine Themen auszuwählen und zu gewichten ist reichlich blauäugig und entspricht mindestens bei diesem Thema nicht der Realität. Ich hatte gehofft, dass Sie für diese Freiheit des Journalisten eine Lanze brechen würden, was ihnen mehr Freiheit hätte bringen können, dieses hochaktuelle und für unsere Gesellschaft sehr relevante Thema seiner Wichtigkeit entsprechend offen zu behandeln. Sie haben, mindestens vordergründig, versagt. Vielleicht ergeben sich trotzdem indirekte Verbesserungen. Schön wärs.

 

Diese Tatsachen bleiben bestehen:

1. Die Schweizer Medien, wahrscheinlich mit Ausnahme der NZZ, sind ihrer Pflicht, die Leserschaft zu diesem Thema ehrlich und umfassend zu informieren, bisher nicht nachgekommen. Neueste Beispiele: EU-Bericht "Alkohol in Europa" (möglicherweise einziger Bericht in "Der Bund" vom 16.6.06); Global Resolution zuhanden der FIFA betr. Fussball und Alkoholwerbung.

 

2. Neue Forschungsberichte, welche die Aussagen von Untersuchungen über gesundheitlich positive Auswirkungen des mässigen Alkoholkonsums im Vergleich zu Abstinenten als falsch taxierten, wurden nicht zu Kenntnis gebracht, obwohl die Fehler auch für informierte Laien wie mich offensichtlich sind. (Bis zum oben erwähnten TA-Artikel)

 

Nach Abschluss dieses Verfahrens werde ich dieses Dossier auf meiner Webseite ins Internet stellen. Vielleicht dient es ab und zu einem Journalisten in Ausbildung als Stoff zum Nachdenken.

 

Mit freundlichen Grüssen

Hermann T. Meyer

Lindenstr. 32

8307 Effretikon 


 

6. Antwort des Sekretärs des Schweizer Presserats (14.7.06)

 

Advokaturbüro Martin Künzi
Sekretariat Schweizer Presserat /
Martin Künzi, Dr. iur., Fürsprecher
Postfach 201
3800 Interlaken

Tel. 033 823 12 62
Fax 033 823 11 18

per E-Mail: advkuenzi@bluewin.ch

Sehr geehrter Herr Meyer

Ihre Erwiderung auf unsere Stellungnahme 33/2006 habe ich zur Kenntnis genommen. Ich erlaube mir, meinerseits noch einmal kurz zu Ihren Ausführungen Stellung zu nehmen.

Ich habe Sie bereits in meinem Schreiben vom 2. März 2006 deutlich darauf hingewiesen, dass Sie mit einem Nichteintreten des Presserates rechnen müssten. Sie haben trotzdem an Ihrer Beschwerde festgehalten. 

Im Gegensatz zu einem Gericht gehört es gemäss ständiger Praxis des Presserates nicht zu seinen Aufgaben, umstrittene Sachverhalte in einem Beweisverfahren  z.B. durch den Beizug von Fachleuten zu klären. Ohnehin geht bereits aus den von Ihnen dem Presserat eingereichten Unterlagen hervor, dass das Thema offensichtlich kontrovers diskutiert und Ihre Auffassung nicht die alleinige, unumstrittene „Wahrheit“ darstellt. 

Die Überschrift „Keine Verpflichtung zur Veröffentlichung von unverlangt eingesandten Informationen“ bezieht sich nicht auf das Thema Leserbriefe, sondern vielmehr darauf, dass Medien selbst dann nicht verpflichtet sind, über ein bestimmtes Thema zu berichten, wenn Sie einer Redaktion ein dickes Dossier zu einem Thema zustellen. 

Freundliche Grüsse 

Martin Künzi, Sekretariat Schweizer Presserat

Advokaturbüro Martin Künzi
Sekretariat Schweizer Presserat /
Secrétariat du Conseil suisse de la presse 



7. Erwiderung auf die Antwort des Sekretärs des Schweizer Presserats (17.07.06)  
 

Sehr geehrter Herr Künzi,

Besten Dank, dass Sie sich die Mühe genommen haben, nochmals zu reagieren. Ich weiss, Sie haben mich gewarnt. In meiner Naivität habe ich Ihre Rechte und Pflichten der Journalisten wörtlich genommen, wie ich solche statutenähnliche Dokumente immer nehme. Ich verstehe deren Doppelbödigkeit auch jetzt noch nicht.

Sie schreiben, die von mir eingereichten Unterlagen bewiesen, dass das Thema kontrovers behandelt wird. Ich gebe zu, dass dieser Eindruck entstehen kann, wenn man von der Wichtigkeit des Themas nicht überzeugt ist und fachlich zu wenig informiert. Gemessen an der Menge der Presseerzeugnisse, die jeden Tag erscheinen, sind diese paar von mir eingereichten Beispiele aber nur die Nadel im Heuhaufen. Von korrekter Information kann keine Rede sein.

Dass ich behaupte, "die unumstrittene Wahreit" zu vertreten, ist eine Unterstellung, die dazu dient, von der Problematik abzulenken. Immerhin stütze ich mich auf die aktuelle wissenschaftliche Beweislage und versuche, die von der Alkoholindustrie gekaufte Forschung von der sauberen Wissenschaft zu unterscheiden. Dazu dient mir eine 50-jährige Erfahrung auf diesem Gebiet mit vielen persönlichen Kontakten.

Dass ich nicht erwarten kann, dass von mir der Presse eingereichtes Material verarbeitet wird, habe ich bereits im letzten e-mail deutlich gemacht. (Punkt 3) Ich weiss: Pressefreiheit ist die Freiheit der Presse, nur zu drucken, was sie will, d.h. der Verleger. Sie brauchen das mir nicht nochmals zu betonen. Ich weiss auch, dass die Schweizer Presse international einmal einen guten Ruf hatte. Auch heute sind wir im allgemeinen gut bedient. Leider gibt es diese Ausnahme. Wie lange noch?

Freundliche Grüsse

Hermann T. Meyer 


8. Kommentar (25.07.06):

Es wird nun interessant sein, zu verfolgen, wie die Presse auf die Beschwerde reagiert. Sie könnte z.B.

  • wie bisher ab und zu etwas bringen, ohne auf die Lösungsmöglichkeiten einzugehen,
     
  • wie bisher die angeblich gesundheitlichen Vorteile von Alkohol hervorheben und eventuell kritische Stimmen am Schluss kurz erwähnen,
     
  • aus Verärgerung noch weniger bringen, den "Herr im Haus" hervorkehren,
     
  • nach und nach (um nicht das Gesicht zu verlieren) die Politik ändern und ihre Verantwortung wahrnehmen,
     
  • sofort ihre Politik ändern, das Alkoholproblem seiner Bedeutung entsprechend behandeln und unserm Volk damit einen
         verspäteten aber doch sehr wertvollen Dienst erweisen,
     
  • als Ausgleich für die jahrzehntelange Verhinderungspolitik eine spezielle Anstrengung unternehmen, damit wir in der Alkoholfrage möglichst bald einen wichtigen Schritt vorwärts kommen,
     
  • die Richtlinien über Rechte und Pflichten der Journalistinnen und Journalisten überdenken und ihre Nicht-Verbindlichkeit klar deklarieren,
     
  • den Unterschied zwischen Berufsethos und Richtlinien beim Presserat klarstellen und als wünschbare Zielvorstellungen bezeichnen.
     

 

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Stand: 03.01.2009