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04.12.2006

Zum Fall der Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens in Zürich-Seebach

Quellen der britischen Untersuchung zum Einsatz von Alkohol und andern Drogen bei Vergewaltigungen:

Join Together, 17.11.06     Zusammenfassung

Association of Chief Police Officers of England, Wales and Northern Ireland: ef:84/06 November 15, 2006:
RESULTS OF OPERATION MATISSE 
(Volltext unter "Policies)   

 

Unsere Bemühungen um Klärung:

Leserbrief                        17.11.2006    an eine Reihe Schweizer Medien 

Briefe an ....                    19.11.2006     Offener Brief  An die Stadtpolizei Zürich, Jugenddienst,  8004 Zürich und die Jugendanwaltschaft

Newsletter-Begleitbrief    30.11.2006    an die deutschsprachigen Abonnenten des Newsletters:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wieder kann ich unsern Newsletter beilegen. Im vergangenen Monat ist etwas Bedrückendes geschehen: Ein 13-jähriges Mädchen wurde in Zürich-Seebach von einer Horde Jugendlicher vergewaltigt. Alle Medien sind voll der Berichte, fachlicher Kommentare und Leserbriefe. Da erhalte ich aus England Kenntnis von einer neuen Untersuchung der britischen Polzeibeamten-Vereinigung. Sie untersuchten den Einfluss von Vergewaltigungsdrogen. Grosse Überraschung: Statt der erwarteten Rohypnol und GHB fanden sie in 119 der 120 Fälle den Einfluss von Alkohol. Ich nahm mir die Mühe, Polizei, Jugendanwaltschaft und Medien zu fragen, ob im Hinblick auf diese Studie im Seebacher Fall auch das Thema Alkohol zur Sprache käme. Aber siehe da: Absolute Funkstille. Ob man Angst hat, noch eine weitere Lawine loszutreten weil sich die Gesellschaft unbequeme Fragen stellen müsste und Schuldzuweisungen nicht mehr so einfach wären?

Nun noch die erfreuliche Meldung von heute: Die ausserparlamentarische Eidgenössische Kommission für Alkoholfragen kann weiter arbeiten. Der Bundesrat hat die Liste der aufzuhebenden oder zusammenzulegenden Kommissionen veröffentlicht. So steht wertvolles fachliches Knowhow und persönliches Engagement weiter im Dienste des Bundes zur Verfügung.

Einen ruhigen, besinnlichen Advent wünscht Hermann T. Meyer

 

04.12.2006 Zwischenkommentar:

Am 1.12.2006 wurde im Schweizer Fernsehen eine Arena-Sendung zur Jugendgewalt gesendet. Der Moderator erwähnte zwischendurch, dass in Zürich-Seebach massiver Alkoholmissbrauch im Spiel war. Unseres Erachtens wahrscheinlich die erste öffentliche Äusserung in dieser Art.  Aber niemand nahm dieses Stichwort auf. Wir sandten ihm heute einen Kommentar dazu mit der Frage, ob er in Zukunft vorsichtiger mit seinen Äusserungen sein oder mutig nachhaken werde. Diese Tabuisierung sei offensichtlich eine Art Verschwörung, die verhindern wolle, dass das Thema Alkohol in diesem Zusammenhang aufgegriffen werde, weil sonst der Gesellschaft ihre zusätzliche Mitverantwortung vor Augen geführt würde. Und dagegen sträubt man sich. Dass es sich so verhält, habe ich der folgenden Zuschrift auf den Newsletter-Text entnehmen müssen.

Zuschrift:

"Zur Information habe ich Ihnen die Stellungnahme der Fachleute angehängt.
Sie wissen hoffentlich, dass es keine Vergewaltigungsdrogen gibt?
Sondern es sind Männer, die unter Alkoholeinfluss stehend, solche Taten enthemmter begehen und erst noch rechtlich als vermindert Zurechnungsfähig verurteilt werden.
Erwachsene Straftäter wissen das und führen ihre Straftaten oft bewusst unter Alkohol aus, das ist nichts Neues, daher sind die Infos nicht so wie Sie sie darstellen zum Verbreiten geeignet.
Daher würde ich in diesem Fall ja nicht wühlen, ob Alkohol im Spiel war, da unser Recht dann von einer anderen Beurteilung ausgeht."

Hier unsere Antwort darauf:

Ich habe unser Unverständnis zur Kenntnis gebracht, ohne weiter darauf einzugehen. Für jene, die an Argumenten interessiert sind, hier unsere detaillierte Stellungnahme:

Ob es nach Lehrbuch Vergewaltigungsdrogen gibt oder nicht, interessiert mich nicht. Jedenfalls verstehe ich darunter eine volkstümliche Bezeichnung für Drogen, die vom Täter eingesetzt werden, um das Opfer willenlos und gefügig zu machen. Dazu eignet sich u.a. Alkohol offenbar sehr gut. Die britische Polizei verwendet den Begriff jedenfalls auch und hierzulande habe ich ihn auch schon gelesen.

Ich stellte zunächst fest, dass ich Infos nicht dargestellt habe. Ich habe nur eine Information weitergeleitet, in der Annahme, die interessierten und mit der Aufklärung beschäftigten Kreise würden diese Seite des Problems anhand der neuen Untersuchung auch beleuchten. D.h. die Untersuchung selber lesen und eventuelle Erkenntnisse bedenken.

Die Berücksichtigung eines eventuellen Alkoholeinflusses würde die Ermittlungen nicht behindern, es wäre einfach ein weiteres Mosaiksteinchen.

Die Gerichte werden gut beurteilen können, ob Alkohol absichtlich als Enthemmer vom Täter bei sich und/oder beim Opfer eingesetzt wurde. (Falls korrekt ermittelt wurde.) Das könnte doch als vorsätzliche Handlung, besonders verwerflich und strafverschärfend beurteilt werden. Das würde sich bei diesen Männern wahrscheinlich auch herumsprechen und auswirken. Im Strassenverkehr wird Alkoholeinfluss ebenfalls kaum mehr als mindernder Umstand anerkannt. Er wird höchstens verschwiegen, um die Kürzung von Versicherungsleistungen für die Familie zu verhindern.

Diese Fachleute glauben, ich entnehme das der beigelegten Eingabe, dass mit einer grossangelegten Präventionskampagne das Problem gelöst werden könnte. Sicher eine schöne Herausforderung für viele neue Generationen von Sozialarbeitern und Psychologen. Es erinnert mich stark an die damals neu geschaffenen staatlichen Alkoholpräventionsstellen, die in die Schulen aufbrachen, um den Jugendalkoholismus zu bekämpfen. In Zürich erreichten sie etwa 5% der Schüler, der Jugendalkoholismus hat sich seither, d.h. in etwa 15 Jahren, dramatisch verstärkt.

Solange die Jugendlichen den Alkohol, seine Wirkung und Einsatzmöglichkeiten immer früher und ausgiebiger kennenlernen, werden auch die Fälle von Vergewaltigungen, HIV-Ansteckungen unter dem Einfluss von Alkohol, zerrüttete Ehen, Hunderttausenden von Kindern in alkoholbehinderten Familien, die kaum Zukunftschancen haben, von Gewalt in der Öffentlichkeit, Hooliganismus usw. nicht merklich abnehmen.

Viele Sozialarbeiter verschliessen die Augen vor dieser Tatsache und verhindern durch ihren Tunnelblick, ihrem Abseitsstehen, baldige mögliche Lösungen. Sie schlagen sich damit auf die Seite jener, die die eigene Verantwortung der Gesellschaft nicht sehen wollen. Gefragt wäre dringend ein umfassendes Netzwerk aller an sozialen Fragen interessierten Kreise, welches die gesellschaftliche Dimension des Alkoholproblems gemeinsam angeht und wirksame Lösungen unterstützt. Dann wäre in verschiedensten Bereichen unseres Lebens eine bedeutende Abschwächung der Probleme, wie sie oben erwähnt wurden, zu erreichen. Die spezifischen Bemühungen in den einzelnen Sektoren würden damit nicht behindert sondern erleichtert.

Auszug aus "Internationales"
 

05.12.2006 In München sollen Schüler ein Mädchen missbraucht haben. Und siehe da, was bei uns nicht möglich scheint, ist dort klar: Ein Untertitel in der Tages-Anzeiger Meldung heisst: "14-Jährige war total betrunken." Und weiter: "Das Opfer sei stark alkoholisiert gewesen und könne sich an nichts mehr erinnern."
(Quelle: Tages-Anzeiger, 5.12.06)

Bericht in der Basler Zeitung online, 7.12.06:

Basler Untersuchung zeigt: «Seebach ist kein Einzelfall»

Eine Befragung von 2975 Schülerinnen und Schülern in beiden Basel und im Fricktal im September 2005 im Rahmen des Nationalfonds-Projekts zum Thema rechtsextremistische Gewalt zeigt: Sexuelle Gewalt geht meist von Gleichaltrigen aus und in sechs von zehn Fällen von mehreren Tätern. Zu Anzeigen kommt es selten. Ergebnis: In 60 bis 70 Fällen pro Jahr in der Nordwestschweiz geben Jugendliche an, Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein.

 

Bericht des Tages-Anzeigers, online, 9.12.06

Nun hat der Tages-Anzeiger die Rolle des Alkohols bei Vergewaltigungen auch entdeckt. Heute titelt er in grossen Lettern: "Im Ausgang abgefüllt und missbraucht - von den Kollegen". Eine private (Verein) Webseite von Therapeutinnen, Ärztinnen und Supervisoren, mit täglich 3000 Besuchern berät Jugendliche über Fragen zu Prävention, Aufklärung oder sexueller Gewalt. (Quelle: Tages-Anzeiger, 9.12.06)     Vereinswebseite: http://www.lilli.ch/

 

E-mail an obigen Verein: 9.12.06

Sehr geehrte Damen und Herren,

Mit Interesse habe ich durch den obigen Artikel  von Ihrer wertvollen Arbeit erfahren. Im letzten Abschnitt habe ich allerdings einen Satz vermisst: Auf die Frage, wie sich Frauen vor Übergriffen schützen können, hätte ich erwartet, dass darauf hingewiesen wird, dass sie möglichst wenig Alkohol konsumieren sollten und ihr Glas ständig unter Kontrolle haben müssen, damit keine Drogen hineingegeben werden können. Vielleicht interessiert es Sie, dass eine Art Glaubenskrieg geführt wird, ob man auf Alkoholmissbrauch bei Vergewaltigungen hinweisen solle oder nicht. Die Therapeutengruppe, die einen offenen Brief an Regierungsstellen veröffentlicht hat, lehnt es strikte ab. Ich habe auf meiner Webseite www.alkoholpolitik.ch dagegen gehalten, weil ich der Ansicht bin, dass die Gesellschaft auch hier ihre Verantwortung übernehmen sollte. Die Presse scheint nun langsam einzuschwenken, nachdem sie bisher gemauert hat. Ich hatte ihr, der Polizei und der Jugendanwaltschaft umgehend von der britischen Studie der Polizei-Chefbeamten berichtet, die in 119 von 120 untersuchten Fällen von Vergewaltigung Alkoholeinfluss festgestellt hatte und gefragt, warum bei uns nirgends diese Frage angeschnitten worden sei. Hier der Link zur Spezialseite: http://www.alkoholpolitik.ch/homepage/vergewzh.htm.

Dies zu Ihrer Orientierung.

Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer

 

SFA-Medienmitteilung vom 13.12.06

Neuer Forschungsbericht:

Alkoholkonsum fördert Gewalt bei Jugendlichen
 
Rund 20 Prozent der Jugendlichen konsumieren Alkohol in problematischer Weise. Diese Gruppe zeigt auch ein deutlich erhöhtes Mass an gewalttätigem Verhalten. Das ist das Resultat einer Studie der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA).

 

Auszug aus "Aktuell"

Datum Thema Kommentar/Details
13.12.2006 Eine 17-Jährige ist in Schaan, Liechtenstein von 2 Angetrunkenen massiv bedroht und sexuell belästigt worden. Kommentar: Diese Kurzmeldung der heutigen NZZ betrifft Schaan in Liechtenstein, d.h. nicht die Schweiz. Somit ist die Erwähnung der Angetrunkenheit "erlaubt". Zeitgleich erschien ein Untersuchungsbericht der SFA (Schweiz. Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme über "Alkohol und Gewalt im Jugendalter". Siehe dazu unter Forschung.

 

Auszug aus "Aktuell"

28.12.2006 Das Eidg. Versicherungsgericht hat die Verwaltungsgerichts- beschwerde eines Versicherers abgewiesen. Es bestätigt damit, dass dieser für die psychischen Gesundheitsschäden einer Frau aufkommen muss, die Opfer brutaler sexueller Gewalt geworden war. Der Täter war betrunken gewesen. (Quelle: NZZ, 28.12.06)
Kommentar: Ob im Strafprozess die Trunkenheit des Täters eine Rolle spielte, ist uns nicht bekannt. Hier jedenfalls kaum.

Forschungsergebnisse / Research results

21.02.2007  (forsc162.htm)  

Source/Quelle

Join Together, Evening Standard, London, Emergency Medicine Journal 2007

Authors/Verfasser:

Hywel Hughes, Rachael Peters, Emergency Department, Wrexham Maelor Hospital, Wrexham, Wales, UK, Gareth Davies, Biochemistry Department, Wrexham Maelor Hospital, Wrexham, Wales, UK and Keith Griffiths, Biochemistry Department, Ysbyty Gwynedd, Bangor, Wales, UK

Theme/Thema:

A study of patients presenting to an emergency department having had a "spiked drink". / Eine Studie mit Patientinnen, die zu einer Notfallstation kommen in der Meinung, sie hätten eine "Vergewaltigungsdroge" bekommen.


Link
to    Join Together, February 20, 2007

 

Link to    Evening Standard, London, 2/17/07


Link
to    Emergency Medicine Journal 2007;24:89-91; doi:10.1136/emj.2006.040360

Übersetzung H.T. Meyer:    Auszug, ganze Meldung auf Seite http://www.alkoholpolitik.ch/forschue/forsc162.htm

Join Together, Zusammenfassung

Eine Studie sagt, dass Frauen, die dachten, ihre Drinks seien mit "Vergewaltigungsdrogen" "angereichert" worden, einfach betrunken waren.

In einer Studie von englischen Forschern war nicht eine von 75 Frauen, die dachten, ihre Drinks seien mit "Vergewaltigungsdrogen" wie GHB, Ketamin oder Rohypnol versetzt gewesen, positiv auf diese Drogen getestet worden.

Diese jahrelange Studie von Ärzten des Wrexham Maelor Hospitals folgerten, dass die Frauen, die glaubten, sie seien durch Drogen handlungsunfähig gemacht worden, die in ihre Drinks gemischt worden waren, viel wahrscheinlicher einfach Opfer ihres eigenen Binge Drinkings waren. Zwei Drittel der Studien-Gruppe  waren schwere Trinkerinnen, während eine von fünf auch positiv auf andere Freizeitdrogen, wie Kokain, getestet wurde, auch wenn alle behaupteten, keine anderen Drogen zu nehmen.


Auszug aus "Aktuell"

23.02.2007 Der Bundesrat beantwortet eine Interpellation von NR Haller Ursula positiv. 06.3749 - Interpellation: Verlangt wird wwissenschaftliche Studie zum Thema Drogen/Gewaltverbrechen
Kommentar: Erfreulich, es tut sich offenbar doch etwas auf diesem tabuisierten Gebiet.
Siehe unsere Sonderseite zu diesem Thema.

Auszug aus Parlamentsdebatten

Gemeinderat Zürich 22.03.2007 Der Stadtrat nahm 3 Postulate entgegen, die mit klarem Mehr überwiesen worden waren. Darin wird Auskunft über die Vorgänge bei den sexuellen Übergriffen im Schulhaus Buhnrain verlangt, die Gewaltprävention müsse verbessert werden und Schulsozialarbeiter müssten vermehrt eingesetzt werden.
Tages-Anzeiger, 22.3.07  

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Inhaltsverzeichnis 

Entwicklungen der schweizerischen Alkoholpolitik der letzten Jahre anhand von Leserbriefen

Aktuell

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Briefe an ....

Die Lobby-Arbeit der globalen Alkoholindustrie

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Parlamentsdebatten

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Forschungsergebnisse

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English Texts      

Dossiers: Suchtmittelwerbung; Alcopops; Absinth; WTO - GATS; Alkoholkonsum Jugendlicher; Alkohol und Verkehr /  Drink Driving; Wein (Alkohol) sei (mässig genossen) gesund; Sport und Alkohol; Strukturelle Prävention; NPA (Nationales Programm Alkohol); botellón

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Stand: 30.12.2008