Leserbrief

02.03.2008                                     (stark gekürzt am 8.3.08 veröffentlicht)

 

Redaktion der
Neuen Zürcher Zeitung
Briefe an die NZZ
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Leserbrief zu „Unkontrollierte Gewaltprävention“ am 29.2.08 

In einem halbseitigen Artikel wird auf die Jugendgewalt in der Schweiz eingegangen und erklärt, dass die Evaluation von Präventionsprogrammen vor allem aus finanziellen Gründen sehr mangelhaft sei und Studien aus dem Ausland befürchten lassen, dass viele solcher Massnahmen gar nichts bringen.

Mit keinem Wort wird erwähnt, was in vielen Ländern eine der Hauptursachen, wenn nicht sogar die Hauptursache von Gewalt ist: Der Alkoholkonsum. Das ist symptomatisch für den Umgang vieler Fachleute mit diesem Thema. Irgendwie haben sie Angst, ihre psychologischen Erklärungs- und Therapiebemühungen würden in den Hintergrund treten müssen, wenn aus dem Thema eine Alkoholdiskussion entstehen würde. Dabei wäre es höchst wünschenswert, wenn alle Fachkreise am gleichen Strick ziehen würden.

Über die Häufigkeit der alkoholbedingten Gewalt gibt es zahlreiche Studien, auch aus der Schweiz.  Wer interessiert ist, kann auf www.alkoholpolitik.ch in den Seiten „Forschung“, „Aktuell“ und „International“ oder im Dossier „Alkoholkonsum Jugendlicher“ eine ganze Reihe solcher Meldungen und Forschungsberichte finden. Die Angaben variieren zwischen 35,5% (Polizeidirektion Krumbach, D, am 29.2.08) bis 58% (in Schweden, 22.12.05). Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Nicht zu vergessen ist dabei auch die häusliche und sexuelle Gewalt, die zu grossem Leid führt. Die erschütterndste Meldung kam am 27.2.08 aus Timelkam, Oberösterreich, wo über das Wochenende regelmässig 1000 Jugendliche zusammenkommen. Die Polizei sieht sich ausserstande, dem Tun Einhalt zu gebieten. Zeitungsüberschrift: Timelkam versumpft in Alkohol und Kriminalität. Beim BAG, Bundesamt für Gesundheit, gibt es ein Faktenblatt Alkohol und Gewalt (pdf, 4S., 35Kb) Zitat daraus: „Gewalt gegenüber Kindern - In der Schweiz wachsen je nach Schätzung bis zu 110’000 Kinder und Jugendliche mit einem alkoholabhängigen Elternteil auf.“  Das ist eine der schlimmsten Formen dieser Gewalt. Noch ein Zitat: „- 40 bis 50% der Jungen und 30 bis 40% der Mädchen, die Opfer von Gewalttaten werden, haben selber einen problematischen Alkoholkonsum.“

Dass mit gezielter struktureller Prävention der Alkoholkonsum reduziert werden kann, was automatisch auch die Schäden, z.B. durch Gewalt, verringern würde, ist ebenfalls durch Studien seit Jahren erhärtet. Leider hat sich bis jetzt die Mehrzahl der Parlamentarier in Bern ziemlich uneinsichtig gezeigt, so dass jetzt in einigen Kantonen versucht wird, einzelne Massnahmen selber auszuprobieren. Das neue Nationale Programm Alkohol (NPA), ein Strategiepapier,  soll dieses Jahr vom Bundesrat behandelt werden. Dann müssen einzelne Massnahmen gegen den Widerstand der allmächtigen Alkohollobby beschlossen werden, weiter müssen die Kantone in den meisten Fällen den Vollzug regeln und durchsetzen – alles dauert viel zu lange. Täglich sind Menschen betroffen, erkranken, sterben, müssen hungern oder erfahren auf andere Weise alkoholbedingt grosses Leid – und die Alkoholfirmen, dahinter stecken natürlich alles ehrenwerte Personen, feiern zur Zeit ihre guten Jahresabschlüsse (vor allem auch in der Dritten Welt).

Freundliche Grüsse

Hermann T. Meyer

 

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Stand: 03.01.2009