Briefe an ....

04.04.2006

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An die Mitglieder von Redaktionen
     Parteien, PolitikerInnen, Suchtfachleute und weitere Interessierte

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

Zum Thema "Bringt mässiger Alkoholkonsum gesundheitliche Vorteile" ist nun eine grosse Untersuchung veröffentlicht worden, die bei 54 früheren Studien die Stichhaltigkeit ihrer Resultate überprüfte. (Auch Schweizer Studien waren darunter.) Ich habe nun eine Übersicht von relevanten Daten zusammengestellt, die Ihnen eigene Nachforschungen erleichtern oder ersparen könnte. Den Text finden Sie in der Beilage als doc. und pdf Dokument. Die Links führen Sie auf die entsprechenden Stellen auf meiner Webseite, wo weitere Links zu den entsprechenden Zeitungsberichten und Forschungstexten führen.
Ich hoffe, damit Ihre Tätigkeit im Dienste unserer Volksgesundheit unterstützen zu können.
Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer


Lindenstr. 32
8307 Effretikon
www.alkoholpolitik.ch

Beilage:

Nach zwei Jahrzehnten der Meldungen über wissenschaftliche Untersuchungen, wonach mässiger Alkoholkonsum gut für die Gesundheit sei, häufen sich nun die Studien, die dies relativieren oder ganz in Abrede stellen.

Ein wesentlicher Mangel der bisherigen Studien besteht darin, dass sie mässig Alkohol Konsumierende vergleichen mit Abstinenten. Wer sich mit der Alkoholfrage beschäftigt hat, wird leicht verstehen, dass es nicht gleichgültig sein kann, ob mit lebenslang Abstinenten oder mit ehemaligen Konsumenten, die z.B. seit einem Jahr alkoholfrei leben, verglichen wird. Genau dies geschieht in der grossen Mehrzahl solcher Studien.

Dazu kommt, dass die Alkoholindustrie ein beträchtliches Interesse daran hat, mit ihren Getränken gesundheitliche Vorteile verbinden zu können, was sie denn auch mit grossem Einsatz umgesetzt hat. Ihr nicht zuletzt aus diesem Grunde gegründetes Institut in Washington, ICAP, International Center for Alcohol Policies (www.icap.org)  ist wohl das Zentrum in diesem Bemühen. Bereits im Juni 2000 veröffentlichte das ICAP den Bericht Nr. 8, "Who are the abstainers?" (Wer sind die Abstinenten?) Darin wird sehr genau gezeigt, wie unterschiedlich der Gesundheitszustand der nicht lebenslangen Abstinenten sein kann. Ob sich gerade wegen dieses Berichts die Untersuchungen über gesundheitliche Vorteile des Alkoholkonsums plötzlich derart häuften?

Nicht nur das ICAP ist auf dem Gebiet der Wissenschaft im Alkoholbereich tätig. Tausende Wissenschafter und renommierte Institute sollen von der Alkoholindustrie mindestens teilweise für Ihre Untersuchungen bezahlt worden sein, was die Glaubwürdigkeit deren Resultate nicht gerade stärkt. Bekannt wurde kürzlich der Fall des prominenten Forschers der Harvard Universität, USA, Meir Stampfer. Er hörte auf, von Anheuser-Busch, dem grössten amerikanischen Bierbrauer, gesponserte Vorträge über gesundheitliche Vorteile des Bieres zu halten (bisher in Chicago und New York), nachdem das Wallstreet Journal am 9.12.05 darüber berichtet hatte. Er fürchtete für seinen Ruf, wenn die Presse noch mehr darüber berichtete. Die Universität war mit $150'000 ebenfalls gesponsert. Auch in Zürich fand unter der Ägide der Schweizer Bierbrauer am 27.4.05 ein ähnliches Seminar statt, u.a. mit zwei ausländischen Referenten, die auch im Mai 06 an einem gleichen Internationalen Komposium in Brüssel teilnehmen werden.

Bereits 1988 äusserte Dr. Gerry Shaper, GB Zweifel an der Praxis, wie Abstinente mit Alkoholkonsumenten verglichen wurden.

Aus  http://www.alkoholpolitik.ch/forschue/forsch61.htm 2.05.05 Forschungsergebnisse:

Im American Journal of Preventive Medicine, May 2005 issue:
Wissenschafter der Centers for Desease Control and Prevention der amerikanischen Regierung analysierten die Daten von 250'000 Amerikanern, die an einer Telefonumfrage im Jahr 2003 teilgenommen hatten. Sie fanden, dass die Vergleichsgruppe der Abstinenten viel mehr Risiken für Herzkrankheiten aufwies, z.B. Übergewicht, Bewegungsmangel, hohen Blutdruck und Diabetes, als die mässigen Alkoholkonsumenten.

Auf Grund dieser Ergebnisse konnte die Agentur nicht sagen, dass mässiger Alkoholkonsum ein Faktor sei, um das Herzkrankheit-Risiko zu vermindern. 

Aus  http://www.alkoholpolitik.ch/forschue/forsch76.htm am 6.9.05 Forschungsergebnisse:

Source/Quelle:

Tages-Anzeiger/British Journal of Social Psychology, Bd.43

Authors/Verfasser:

Prof. Adrian Bangerter, Arbeits- u. Organisationspsych., Universität
Neuenburg

Theme/Thema:

The Mozart effect: Tracking the evolution of a scientific legend /
Der Mozart-Effekt: Der Evolution einer wissenschaftlichen Legende
nachspüren.

 

Der Begriff "Mozart-Effekt" beruht auf einer amerikanischen Studie von Francine Rauscher und Gordon Shaw, die 1993 in "Nature" veröffentlicht wurde. Das Ergebnis war: Der IQ von Collegestudenten wurde kurzfristig erhöht, wenn sie 10 Minuten Mozart hörten. In der Schweiz wurde darauf sogar versucht, mit Mozartmusik die Leistung von Milchkühen zu verbessern. Obwohl die Autoren öffentlich klarstellten, die Studie sei falsch interpretiert worden, hielt sich diese wissenschaftliche Legende bis heute. Bangerter untersuchte nun, wie solche Legenden entstehen und sich weiter entwickeln. Z.B. anhand des "French Paradox". Die Amerikaner würden nun mehr Rotwein trinken, um das Herzinfarkt-Risiko zu reduzieren.

 

Die neuen Legenden hätten dann Chancen zu Volksweisheiten zu werden, wenn sie auf ein Bedürfnis der Bevölkerung antworteten, die Medien dies auszunützen verstünden und die Wirkung verstärkten.

 

Aus  http://www.alkoholpolitik.ch/forschue/forsch86.htm am 10.11.05 Forschungsergebnisse:

 

Alcohol and Health: Current Evidence / Addiction. 2005;100(8):1150–1157

Poikolainen K, Vahtera J, Virtanen M, et al. 

Alcohol and coronary heart disease risk–is there an unknown confounder? 


Abstinente und Herzkranzgefäss-Erkrankungen: Sind unbekannte Risikofaktoren schuld?

Epidemiologische Studien haben herausgefunden, dass Erkrankungen der Herzkranzgefässe (CHD) bei mässigen Alkoholkonsumenten viel weniger vorkommen als bei Abstinenten. Um abzuklären, ob unbekannte Risikofaktoren diese Ergebnisse erklären können, haben Forscher in Finnland 1161 lebenslange Abstinente mit 27'311 mässigen Alkoholkonsumenten (<6 Drinks pro Woche) verglichen. Die Analysen wurden für mögliche Störfaktoren berichtigt. (z.B. Sex, Alter, Einkommen)

- Von den 16 untersuchten möglichen CHD-Risikofaktoren waren nur niedriger Körpermass-Index (BMI) und geringe körperliche Betätigung in der Freizeit häufiger bei Abstinenten als bei den mässig Konsumierenden. 

- Fünf der Risikofaktoren (Rauchen, Schlaflosigkeit, Angst, wenig berufliche Anerkennung, Schicksalsschläge) kamen bei den Abstinenten weniger häufig vor.

Kommentar von Peter Friedmann, MD, MPH:

Um den Alkoholkonsum als Grund für weniger CHD bei leichten Konsumenten auszuschliessen, müsste ein unbekannter Risikofaktor bei den Abstinenten viel häufiger auftreten als bei den mässigen Konsumenten. Keiner der in der Studie untersuchten 16 CHD-Risikofaktoren hat dieses Kriterium erfüllt. Trotzdem bleibt die Möglichkeit einer multifaktoriellen oder andern unbekannten Erklärung bestehen. 

Es sollte erwähnt werden, dass diese Ergebnisse sich von denjenigen einer kürzlichen amerikanischen Studie unterscheiden, vielleicht weil in dieser finnischen Studie die Gruppe der Abstinenten lebenslange Abstinenten waren und nicht ehemalige Alkoholiker, die aus gesundheitlichen Gründen abstinent wurden. Bei der Fülle von Beobachtungs-Studien über das mässige Alkoholtrinken könnte nur eine gut angelegte Untersuchung nach kontrolliertem Zufallsprinzip mehr definitive Beweise liefern.

Kommentar von H.T. Meyer: 

Es ist gut möglich, dass diese Studie die Reaktion auf unsere Intervention auf eine frühere finnische Studie ist, bei der mässiger Alkoholkonsum vorteilhafter abschnitt als Abstinenz. Wir wiesen darauf hin, dass wahrscheinlich die Abstinentengruppe mehrheitlich aus ehemaligen Alkoholikern mit körperlichen Langzeitschäden bestand. Auch andere Krankheiten, z.B. Diabetes, können ein Grund für eine abstinente Lebensweise sein. Eine Antwort erhielten wir nicht.

Nun wurden die Risikofaktoren in den beiden Gruppen verglichen, wobei diesmal lebenslange Abstinente erfasst wurden. Wir erfahren nur, was man sich ziemlich logisch selber denken könnte, wobei das weniger Rauchen wahrscheinlich ins Gewicht fällt, vielleicht von der geringeren körperlichen Betätigung aber wieder ausgeglichen wird. Welche Gruppe aber wirklich mehr oder weniger CHD aufweist, erfahren wir nicht. Die Studie vernebelt mehr als sie aufklärt. Es bräuchte Studien, die lebenslange Abstinente mit willkürlich zusammengesetzer Abstinentengruppe vergleichen, wobei in jedem Land die Verhältnisse anders sein können, d.h. der Anteil der lebenslang Abstinenten in der Gesamtzahl der Abstinenten. Dazu Studien, die lebenslange, nicht wegen einer Krankheit motivierte, Abstinenten mit den mässigen Alkoholkonsumenten betreffend ihre CHD-Häufigkeit vergleichen. Eigentlich kann nur diese letztere Untersuchung interessieren. 

 

Aus  http://www.alkoholpolitik.ch/forschue/forsch89.htm am 08.12.05 Forschungsergebnisse:

Join Together, 12/05/05 / CNN, 12/02/05/ The Lancet, 12/05/05

Rod Jackson and colleagues from the University of Auckland in New Zealand 

Study: Alcohol Health Risks Outweigh Benefits / Alkohol-Risiken übertreffen Nutzen.

Von Join Together (Übersetzung H.T. Meyer):

 

"Verwirrte Forschung" könnte hinter der populären Theorie stecken, dass leichter bis mässiger Alkoholkonsum gut sei für die Gesundheit der Herzkranzgefässe. Dies die Meinung von Forschern, die sagen, dass alle gesundheitlichen Vorteile eines solchen Konsums wahrscheinlich von dessen Risiken übertroffen werden. 

 

CNN berichtete am 2.12.05, dass eine Studie von Rod Jackson und Kollegen der Universität von Auckland, Neuseeland zum Schluss kam, dass „eine Schutzwirkung für die Herzkranzgefässe durch leichten bis mässigen Alkoholkonsum sehr klein sein wird.“

 

Die Forscher sagten, dass starke Trinker den grössten Schutz für ihr Herz durch das Trinken erhielten – Untersuchungen bei toten Alkoholikern fanden, dass viele klare, saubere Arterien hatten – aber bei grossen Kosten für ihre übrige Gesundheit.

Eine Anzahl Studien seit den 1970er-Jahren haben auf gesundheitliche Vorteile für das Herz durch mässigen Alkoholkonsum hingewiesen. Aber Jackson bezweifelte die Gültigkeit der nicht nach dem Zufallsprinzip durchgeführten Studien, weil mögliche mildernde Faktoren nicht berücksichtigt waren.


“Während mässiges bis starkes Trinken vielleicht schützend für das Herz wirkt, wird jeder Gewinn durch die bekannten Schäden übertroffen,“ sagt die Studie. „Wenn dem so ist, ist die Botschaft für die öffentliche Gesundheit klar. Schliesse nicht, dass es ein Fenster gibt, in dem die Gesundheitsvorteile durch Alkohol grösser sind als die Schäden.“

 

Kommentar:  Es berührt einen eigenartig, aus Forschermund von "verwirrter Forschung" zu hören. Ob damit bezahlte, absichtlich verwirrende Lobbyisten-Forschung gemeint ist? Wir werden ziemlich sicher vergeblich darauf warten, dass diese Untersuchung in unseren Medien grosses Echo findet.

 

Ich verzichte darauf, weitere Hinweise zu Untersuchungen zu geben, die ebenfalls Zweifel an den Ergebnissen betr. gesundheitlichen Vorteilen hervorrufen, es sind solche ebenfalls auf meiner Webseite einsehbar. Die neueste Studie, die entsprechend auch ein weltweites Echo ausgelöst hat, sollte nun die letzten Skeptiker überzeugen:

Aus: http://www.alkoholpolitik.ch/forschue/forsc117.htm am 3l.3.2006

 

World Health News / Los Angeles Times online / Addiction Research and Theory /
Medical News Today / Join Together

Kaye Middleton Fillmore A1, William C. Kerr A2, Tim Stockwell A3, Tanya Chikritzhs A4,
lan Bostrom A5: 
A1
 Department of Social and Behavioral Sciences, University of California, San Francisco,
Box 0612, San Francisco, CA 94148-0612
A2 Alcohol Research Group, 2000 Hearst Avenue, Suite 300, Berkeley, California 94709-2130        
A3 Centre for Addictions Research of British Columbia, University of Victoria, PO Box
1700 STN CSC, Victoria, BC V8W 2Y2, Canada
A4 National Drug Research Institute, Curtin University, GPO Box U1987, Perth WA 6845,
Australia
A5 Department of Epidemology and Biostatistics, University of California, San Francisco,
Box 0840, San Francisco, CA

Moderate alcohol use and reduced mortality risk: Systematic error in prospective studies
Mässiger Alkoholkonsum und vermidertes Todesfallrisiko: Systematische Fehler in
 prospektiven Studien

Übersetzung  von H.T. Meyer:

"Eine Studie schlägt einen Zapfen in den Glauben, dass ein bisschen Wein dem Herzen helfe"
Thomas H. Maugh II, (Los Angeles Times, Mar. 30, 2006)

"Wenn du glaubst, ein Glas Wein am Abend ist gut für dein Herz, überleg nochmals. Der lange gehegte Glaube, dass mässiger Alkoholkonsum dein Risiko für Herzinfarkt oder Tod verringere, basiert auf falschen Daten und ist höchstwahrscheinlich falsch, gemäss einer heute veröffentlichten Studie." 

Zusammenfassung:

Die Mehrheit der prospektiven Studien über Alkoholkonsum und tödlichen Risiken zeigen, dass Abstinente ein grösseres Todesfallrisiko haben sowohl von allen Ursachen wie auch von Herzkranzkrankheiten (CHD). Diese Meta-Analyse von 54 publizierten Studien untersuchte das Ausmass in welchem ein systematisch falschklassifizierender Irrtum begangen wurde, indem als "Abstinente" viele Menschen bezeichnet und eingeschlossen wurden, die den Alkoholkonsum eingeschränkt oder gestoppt hatten, ein Phänomen, das mit dem Altern oder mit Krankheit im Zusammenhang steht. Die Studien, die als fehlerfrei beurteilt wurden, fanden keinen signifikanten Schutz für alle Ursachen oder für die Herzkrankheiten, was nahe legt, dass der Schutz bei Herzkrankheiten, der von Alkohol gewährt wird, wahrscheinlich überschätzt wurde. Schätzungen der Todesfälle durch starken Alkoholkonsum könnten ebenfalls höher sein als bisher geschätzt.

Effretikon, 4.4.2006/ Hermann T. Meyer

PS  Bei der Verwendung obiger Materialien ist den verschiedenen Copyrights Beachtung zu schenken. Meine Texte sind frei verwendbar.



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Stand: 03.01.2009