Leserbrief

28.01.2005                    

Redaktion 

Der Landbote

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Leserbrief zu „Abgrenzung oder Ausgrenzung?“
                        „Trinkverhalten der Jugendlichen änderte sich“  vom 28.1.05

Die launige Einführung des Stadtpräsidenten und Podiumsgesprächsleiters wirkte eher verharmlosend, als dass sie unserm wichtigsten sozialmedizinischen Problem gerecht worden wäre. Auch die meisten Voten der Fachleute auf dem Podium, mit Ausnahme des einzigen Fachmanns für Prävention, dienten nur dazu, zu zeigen, dass man das Problem im Griff hat und Besorgnis nicht am Platze ist. Wenn jemand im Publikum gewesen ist, der das Problem am eigenen Leib erfahren hat, muss sich ziemlich dumm vorgekommen sein. Das einzige Resultat war, dass man sich einig war, die Jugend ersäuft noch nicht im Alkohol. Dass bis dahin aber viele Probleme gar nicht entstehen sollten, davon merkte man höchst selten etwas. Etwa wenn ein Zuhörer die Verantwortung der Erwachsenen ansprach.

Dabei wäre dies eigentlich der Start zu einer echten Auseinandersetzung mit dem Alkoholproblem gewesen. Wie es kürzlich Prof. Ambros Uchtenhagen im Tages-Anzeiger sagte, ist die Jugend der Spiegel der Gesellschaft. Wenn wir nicht warten wollen, bis die Rauschtrinken-Welle von Amerika, via Deutschland bei uns vollends einschlägt, sollten die Erwachsenen sich klar sein, dass es an ihnen liegt, eine Trendwende einzuläuten. Solange die Erwachsenen-Gesellschaft nicht zeigt, dass es ihr ernst ist, sind ihre Präventionsbemühungen völlig unglaubwürdig und deshalb wirkungslos.

Die meisten der Besucher gehörten wahrscheinlich zu den 56% Schweizerinnen und Schweizer über 15 Jahren, die keinen oder nur 10% des gesamten Alkohols im Lande konsumieren. Sie sind nicht durch ihr eigenes Trinkverhalten gehemmt, nüchtern und verantwortungsbewusst die nötigen Massnahmen zu unterstützen. Leider fehlt oft das Wissen, das Überzeugung schafft. Hier will die private Webseite www.alkoholpolitik.ch, die mit kritischem Blick und unabhängig, für Fachleute, Politiker und Laien die wichtigsten Meldungen aus aller Welt sammelt und weitergibt, eine Lücke schliessen.

Heute ist es ganz klar wissenschaftlich erhärtet, dass die alkoholbedingten Sozialkosten, ca 500 Fr. pro Kopf/Jahr, und das meist versteckte Leid nur wesentlich gesenkt werden können, wenn der Alkoholkonsum deutlich zurückgeht. Dies wird erreicht durch die Preisgestaltung (eine allgemeine Alkoholsteuer nach dem Verursacherprinzip wäre schon lange fällig), die Einschränkung der Erhältlichkeit (heute wird genau das Gegenteil betrieben mit den längeren Verkaufszeiten) und ein Werbeverbot auf Alkoholika, das immerhin 5 – 8% Konsumrückgang brächte. Das würde der Jugend signalisieren, dass die Erwachsenen auch kleine Opfer bringen wollen. Alkoholprävention in der Schule würde auf einmal sinnvoll und könnte den Jugendalkoholismus bremsen. Heute wird nur das Wissen verbessert ohne Einfluss auf den Konsum.

Dass die Langeweile der Jugendlichen und die Jugendarbeitslosigkeit das Problem verschärfen, ist klar. Es betrifft vor allem Jugendliche mit schlechterer Ausbildung und entsprechend schlechteren Chancen, die keine Perspektiven erkennen können. Bei 150 Vereinen in der Stadt sollte es den meisten möglich sein, eine Freizeitbeschäftigung mit Geselligkeit zu finden. Hier müsste die Stadt Initiative entwickeln und grosszügig finanzielle Unterstützung leisten, damit die Vereine neue Angebote entwickeln können, die auch für eher randständige Jugendliche attraktiv sein können. Langfristig entlastet dies die Stadtkasse. Dass sich ein Wirt als Wohltäter fühlen kann, weil er in seinem Lokal einen Billardtisch und einen Fussballkasten bereitstellt, ist ja eher ein Witz und ein Armutszeugnis für die Stadt.

Für diese ergäben sich einige Möglichkeiten, aktiv zu werden:

-         Die Kontrollen in den Verkaufsstellen vermehren (unangemeldete), Sanktionen nach höchstens einer Verwarnung aussprechen; Sanktionen im Kiebitz veröffentlichen;

-         Die Alkoholwerbung auf öffentlichem Grund - und von öffentlichem Grund einsehbarem Grund - verbieten;

-         Dafür werben, dass die Politiker unserer Stadt alle Massnahmen auf allen Ebenen unterstützen, die präventiv wirken. (Gesundheit schafft Wohlstand, auch in der Wirtschaft. Und wer Cannabis nicht freigeben will, sollte sich klar sein, dass Alkohol oft als Einstiegsdroge für andere Drogen wirkt.

-         Die Festwirte über ihre Pflichten genau instruieren, damit sie die Jugendschutzgesetze nicht unterlaufen. (Auch Sirupartikel) Strafen nicht nur androhen, sondern auch vollziehen.

-         Blutalkoholkontrollen von der Stadtpolizei häufig und gezielt durchführen lassen;

-         Bei öffentlichen Anlässen, Empfängen usw. mindestens auch eine gepflegte alkoholfreie Auswahl bereitstellen;

-         Zu Jubiläen und andern festlichen Gelegenheiten nicht immer die fantasielose Flasche Wein schenken, es gibt bekanntlich sinnvollere Geschenke als ..., es braucht nur ein bisschen mehr Einsatz. Der Staatskeller z.B. hat einen sehr schön etikettierten Traubensaft;

-         Die Vereine animieren, neue Angebote für Jugendliche zu entwickeln und diese finanziell unterstützen.

-         Darauf achten, dass nur Vereine unterstützt werden, die für die Jugendlichen kein Alkoholrisiko bedeuten. Geselligkeit z.B. im Sportverein kann gemäss einer Studie Alkoholprobleme mit sich bringen.

Es würde mich freuen, wenn Illnau-Effretikon zu den Gemeinden gehören würde, denen es ernst ist mit gemeindenaher Prävention. Es gibt dafür bereits ein schweizerisches Projekt mit einer Reihe aktiver Gemeinden.

Freundliche Grüsse

Hermann T. Meyer

 

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Stand: 30.12.2008