Leserbrief

 

                                                                                           29.12.98

Redaktion Forum
Tages-Anzeiger
8021 Zürich

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Leserbrief: Suchtprävention - Gedanken zum Jahreswechsel

Neben politischen Ereignissen und Naturkatastrophen hat mich im vergangenen Jahr sehr betroffen gemacht, wie sang- und klanglos die Nachricht aufgenommen und gleich wieder verdrängt wurde, der Konsum von Alkohol und Tabak habe bei Jugendlichen dramatisch zugenommen; (während der Alkoholkonsum gesamthaft, wohl dank der Rezession, leicht rückläufig gewesen ist.)

 Für mich hat die neue Gesundheitsförderung und Suchtprävention, die in diesem Jahrzehnt zu Lasten der strukturellen Prävention entwickelt wurde, versagt und das Gegenteil der erhofften Wirkung erzeugt:

 - Sowohl der Tabak- wie der Alkoholkonsum haben unter den Jugendlichen massiv zugenommen.

- Da die Suchtprävention nicht mehr auf den Konsumrückgang setzt, der die Schäden reduziert, werden auch die andern Kriterien für eine gesunde Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen. Gerade der Alkohol spielt bekanntlich eine weitverbreitete Rolle (z.B. in der Familie, bei Schulleistungen, Gewalt, Unfällen, Verbrechen, illegalen Drogen, Suizidgefährdung, sexuellem Missbrauch)..

- Gut funktionierende Familien muss man bald suchen. Die Scheidungsraten sind deutlich gestiegen. Es werden mehr Ehen geschieden als geschlossen. Auch hier spielt der Alkohol eine massgebliche Rolle.

- Katastrophal ist, dass das nach langen Bemühungen endlich akzeptiert geglaubte Krankheitsprinzip teilweise wieder vom alten Schuldprinzip abgelöst wird. Der einzelne wird gegen die Unbillen des Lebens durch Prävention immunisiert. Also ist er für sein Fehlverhalten alleine verantwortlich, die Gesellschaft trägt keine Mitverantwortung. Die Krankenkassen und Versicherungen kürzen die Leistungen, stationäre Einrichtungen müssen schliessen, denn Kuren werden unbezahlbar. Gesetzliche Normen sind nicht mehr nötig.

Welches sind die Gründe für diese Entwicklung?

- Erziehung, wie es die Gesundheitsförderung vorsieht, ist ein langer Prozess. Schon in früheren Jahrhunderten gab es Optimisten, die an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen glaubten, z.B. Pestalozzi und Rousseau; das Christentum und andere grosse Religionen versuchen es mit uns seit Jahrtausenden mit bescheidenem Erfolg. Gerade jetzt wieder zur Weihnachtszeit. Aber trotzdem dürfen wir nicht müde werden, immer wieder neu zu beginnen. Nur, mit zählbarem Erfolg können wir noch lange nicht rechnen. Und das ist zu wenig.

- Im Kanton Zürich werden die privaten Organisationen, die bisher den Hauptanteil der Suchtprävention, meist ehrenamtlich, bestritten haben, an den Rand gedrängt und wegen ihrer "Ideologie" nach Möglichkeit ausgelöscht, indem man ihre verdienten Mitarbeiter unerträglichem psychischem Stress aussetzt, ihnen den Geldhahn zudreht oder sie zu Fusionen zwingt. Das seien Synergien. Kurz gesagt, Prävention wird verhindert statt gefördert. Krampfhafte Änderungsbemühungen in den Strukturen ersetzen und verunmöglichen Diskussionen über Ziele und Inhalte. Das ganze hat, so scheint es, Methode.

- Gerade diese Organisationen waren es, die die strukturelle, d.h. u.a. die politische Prävention betrieben. Sie sind nicht wie staatliche Stellen von den Parteien und ihren Amtsträgern und damit auch vielfach von der Wirtschaft direkt abhängig.

- Die Schwächung der strukturellen Prävention zu Gunsten der allgemeinen Gesundheitsförderung bewirkte in der Öffentlichkeit einen massiven Rückgang des Verantwortungsgefühls bei den Gesetzgebern. In mühsamer Arbeit erkämpfte Gesetze zur Alkohol-Prävention wurden in letzter Zeit im Rahmen der Liberalisierungswelle ersatzlos gestrichen; sogar die laufende Verfassungsrevision wird wesentliche Punkte der alten Verfassung nicht mehr berücksichtigen, die den Staat zwangen, die Gesetzgebung in Richtung Konsumverminderung zu gestalten. Der Bundesrat setzt neue Alkoholsteuersätze fest, die eindeutig im Widerspruch zur noch geltenden Verfassung stehen. Dabei bringen solche staatliche Kontrollmassnahmen die einzigen messbaren Erfolge in der Suchtprävention.

Was nun?

Wir können resignieren und sagen, die Politiker wollen es halt so, sie sind korrupt und dienen der Alkohol- und Tabak-Wirtschaft, statt ihrem Amtseid nachzuleben und mit entsprechenden Massnahmen den Konsum zu senken... - Oder wir bitten die Kantonsregierungen und den Bund, den Alkohol-Aktionsplan der WHO und die Europäische Alkoholcharta der Regierungen zur Hand zu nehmen und zu versuchen, diesen ausgewogenen Konzepten zum Durchbruch zu verhelfen. Die nationalen Regierungen müssten eigentlich froh sein, wenn private NGOs ihre undankbare Arbeit verrichten und dürften sie entsprechend finanziell und ideell unterstützen. Vielleicht könnten Politiker auch einmal zur Kenntnis nehmen, dass Gelder, die von der Bevölkerung nicht in die Suchtmittel investiert werden, der Wirtschaft nicht verloren gehen sondern in Form von alternativem Konsum oder Sparkapital erhalten bleiben und wieder in hoffentlich sinnvollere Sektoren der Wirtschaft zurückfliessen.

Selbstverständlich sollten alle auch weiterhin bei der allgemeinen Gesundheitsförderung mithelfen, wo sich eine Gelegenheit ergibt, aber ohne als Komplizen des Staates und der Suchtmittelindustrie bei der Liquidierung der wirksamen strukturellen Prävention mitzuwirken. Ob die massgeblichen Personen wohl lernfähig sind? Oder sollten andernfalls nicht bald personelle Änderungen vorgenommen werden? Bei den illegalen Drogen haben die grossen Parteien einen sinnvollen Konsens gefunden. Warum ist dies bei den für uns viel bedeutsameren legalen Drogen nicht schon lange geschehen?

Hermann Meyer, Effretikon  

 

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Stand: 11.11.2008