Leserbrief

22.11.2004            veröffentlicht: -  Statt dessen brachten sie am 6.1.05 ein Interview.

 

Redaktion „Kiebitz“  (erscheint wöchentlich, Donnerstags)
Schlimpergstr. 33
8307 Effretikon

 

Eingesandt zur Veranstaltung im Jugendhaus über Jugend und Alkohol am 18.11.04

Woran mag es wohl liegen, dass nur so wenig Personen der Einladung der Elternvereinigung gefolgt sind? Ist Effretikon vom Jugendalkoholismus bisher verschont geblieben? Die Geschichte im Konfirmandenlager vor zwei Jahren oder die Ergebnisse der Testkäufe in unserer Stadt vermitteln eigentlich einen andern Eindruck. Oder herrscht bei den Eltern der Eindruck der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit vor, dass auch die Fachleute ja doch keinen Rat wissen?

Das Referat der Vertreterin der Jugendberatungsstelle des Bezirks und eine Gruppenarbeit vermittelte den Anwesenden Verhaltensmöglichkeiten, falls ein Kind oder ein Kollege von ihm betrunken nach Hause käme. Dazu wies sie auf das Hilfsangebot ihrer Stelle hin. Die Anwesenden wurden gefragt, ob sie zuversichtlich seien, das Problem, wenn es auftauchen sollte, mit ihren Kindern bewältigen zu können. Praktisch alle waren es. Vermutlich mit gutem Grund, vermittelten sie doch mehrheitlich den Eindruck, von der sozialpädagogischen Seite zu kommen. Jene, die es nötig haben, kommen meist gar nicht freiwillig an solche Veranstaltungen. Was einmal mehr zeigt, dass solche Veranstaltungen nur Alibifunktion haben. Dem Pflichtenheft der Fachstelle ist genüge getan worden.

Meinem Hinweis auf die wertvolle Funktion von gut geführten Jugendgruppen wurde mit Unverständnis begegnet. Dabei ist seit langem klar, dass die Einflussmöglichkeiten der Eltern mit zunehmendem Alter der Jugendlichen abnehmen und an ihre Stelle die Peergroup, die Gruppe der Gleichaltrigen tritt, die in Bezug auf Drogen vielleicht nicht die gleiche Meinung wie die Eltern vertritt. Wenn die Jugendlichen von früh her in einer guten Jugendorganisation verwurzelt und aufgehoben sind, können die Eltern viel ruhiger schlafen. Sie müssen sich allerdings vorgängig die Mühe nehmen und sorgfältig abklären, was für eine Gruppe und was für LeiterInnen das sind. Es gibt leider auch schlechte Beispiele, sogar unter Sportvereinen, bei denen ja die Gesundheit eine wichtige Rolle spielen sollte.

Ich fühlte mich frustriert und mehr als 25 Jahre zurückversetzt, als meine Kinder im Primarschulalter waren und in Zürich 11 mehrere Elternabende zu diesem Thema durch kantonale Koryphäen angeboten wurden. In Seebach kamen 200 Personen. (Bevölkerung etwa doppelt so gross wie Illnau-Effretikon) Anschliessend sprach mich eine Nachbarin und Mutter an und klagte, jetzt sei sie noch mehr verunsichert als vorher. Sie hätten ihr keine konkreten Hilfestellungen geben können. Sie bestätigte meinen eigenen Eindruck.

Darauf entwarf ich auf zwei A4-Seiten ein kleines Faltblatt, eine Eltern-Information „Mit gutem Beispiel voran.“ Es wurde vom Kanton mitfinanziert und erschien in 4. Auflage zuletzt 1988 mit 110'000 Exemplaren auf Deutsch und Italienisch, die auf Bestellung in Schulen und Gemeinden verteilt wurden. Der damalige Effretiker  Schulpräsident lehnte die Verteilung ab, weil der Prospekt von einem privaten Verein herausgebracht wurde: „Da könnte ja jeder Verein kommen!“. Vermutlich aber störten ihn gewisse Textstellen im Abschnitt Gesellschaft. Ich habe den Prospekt wieder ausgegraben und gelesen. Er ist noch genau so aktuell und zutreffend wie damals und böte Stoff für eine ganze Reihe von Abenden. Die Pro Juventute brachte etwas später ein Heft mit ähnlichem Inhalt, etwas ausführlicher gestaltet, heraus.

Auch an diesem Abend hier stiess mein Hinweis auf die gesellschaftlichen Komponenten des Alkoholproblems auf keine Resonanz. Man wollte sich auf das Angebot der Jugendberatung beschränken. Für das Politische seien andere Stellen zuständig. Von ihrem Pflichtenheft her mag das stimmen und es bewahrt sie vor Konflikten mit vorgesetzten Behörden und der Alkohollobby. Für die Bevölkerung ist es ein Verlust, denn der Hinweis auf das Prinzip Hoffnung und notfalls der Weg zur Jugendberatung sind eindeutig zu wenig, was den Eltern angeboten werden kann. So ist jede Elterngeneration auf sich selber gestellt. Die andern kümmert es wenig. Ihre Kinder sind über das Ärgste hinaus. Die Probleme wachsen weiter und die ganze Gesellschaft leidet immer mehr. Die Alkoholindustrie, die Werbung und gewisse Medien freut’s, die Zeche zahlen wir alle. (Finanziell: Nach der letzten Untersuchung: Fr. 900.—pro Kopf und Jahr)

Wer mehr über die gesellschaftliche Seite wissen möchte, liest im Internet www.alkoholpolitik.ch, die unabhängige, private und kritische Webseite aus Effretikon mit 6800 Besuchen pro Monat, Frequenz seit drei Jahren steigend. Da kann man fast jeden Tag lesen, wie in Amerika bald jede Region ihre Aktionsgruppe von Eltern, Behörden und Fachleuten gegen das Trinken Minderjähriger hat, und die Regierungen Millionen bereitstellen, Programme dafür zu finanzieren.  -  Vom Prospekt habe ich noch ein paar wenige Exemplare, die könnte man kopieren. Das Copyright würde sicher vom Herausgeber erteilt. 

                                                                        Mit freundlichen Grüssen

                                                                                             Hermann T. Meyer

Beilage: 1 Prospekt

                                                                        

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Stand: 30.12.2008