Leserbrief

24.1.2003

 

An die Redaktion
des Leserforums
Tages-Anzeiger
8022 Zürich                                                                        

 

Leserbrief zu „Lehrer gegen legales Kiffen vom 23.1.2003

In der Debatte über die Freigabe des Konsums von Cannabis stehen sich verschiedene beteiligte Gruppierungen gegenüber: Z.B. die Konsumenten, die Eltern, die Lehrerschaft, die Gesellschaft vertreten durch die Politik, die Präventionsfachleute, der Justizapparat, die Produzenten und der Handel. Jede Gruppe hat ihre eigenen Interessen. Welche verdienen es nun, vielleicht zum Nachteil anderer Interessen, geschützt und unterstützt zu werden?

Die jugendlichen Kiffer finden es ungerecht, dass man sie kriminalisiert, während die Konsumenten der mindestens so gefährlichen legalen Drogen normalerweise unbehelligt rauchen oder trinken können.

Die Eltern werden geteilter Meinung sein. Die in Vereinigungen organisierten Eltern von Drogenabhängigen sind eher für Freigabe, weil sie glauben, dann besser mit den Kindern reden zu können. Auch glauben sie, der Handel finde dann nicht am gleichen Ort wie der mit harten Drogen statt.

Der Schweizerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (LCH) äussert sich nun strikt gegen die Legalisierung des Konsums, weil seine Mitglieder feststellen, dass die Zahl der „beduselten“ Schülerinnen und Schüler immer mehr zunimmt. Der Lehrerverband macht u.a. die liberale Haltung der Strafverfolgungsbehörden dafür verantwortlich.

Die Gesellschaft, d.h. PolitikerInnen und Behörden haben nun auf Antrag der Behörden des Kantons Zürich den Eindruck, mit einer Legalisierung des Cannabiskonsums sei eben dieser Konsum besser zu kontrollieren oder zu bekämpfen. D.h. die Diskussion im Nationalrat hat nun mit der entsprechenden Kommissionssitzung begonnen.

Die Präventionsfachleute, hier stellvertretend Dr. Richard Müller von der Schweiz. Fachstelle für Alkohol und andere Drogenfragen, sowie Prof. Gutzwiller vom Institut für Präventivmedizin an der Uni Zürich und FDP-Nationalrat sprechen sich auch für die Legalisierung aus und wollen die Lehrerschaft zu mehr Präventionsarbeit anhalten, auch wenn manche dies als lästig empfänden.

Der Justizapparat würde eine Legalisierung des Konsums vermutlich als Erleichterung gerne akzeptieren, obwohl z.B. der Berner Polizeidirektor vehement dagegen ist.

Produzenten und Handel werden sicher für die Legalisierung eintreten. Auch wenn der Handel mit einer Legalisierung des Konsums nicht freigegeben würde, müsste ja für sie über kurz oder lang irgend eine Lösung gefunden werden.

Sind nun die Lehrerinnen und Lehrer wirklich die einzigen (ausser einigen Besorgten, die vor den gesundheitlichen Folgen warnen), die gegen diese Liberalisierung sind?

Mir scheint, die Präventionsfachleute haben nur aus Verzweiflung das Handtuch geworfen. Sie glauben nicht mehr daran, in der Politik Verständnis für unsere Situation auf dem Gebiet der legalen Drogen zu finden und wollen nun dem Cannabis den gleichen Status wie den beiden bisherigen legalen Drogen Alkohol und Tabak verschaffen. Sie verschreiben der Schule Präventionsprogramme, die genau so wenig nützen werden wie die bisherigen in Bezug auf Alkohol und Tabak, denn die Schülerinnen und Schüler, die Lehrerschaft und die suchtmittelfreudige Gesellschaft sind immer noch die selben wie vorher.

Prävention kann nur Erfolg bringen, wenn der Preis massiv angehoben und/oder die Erhältlichkeit eingeschränkt wird und/oder die Gesellschaft ihre drogenfreundliche Haltung (bei den legalen Drogen) aufgibt und damit Prävention glaubwürdig macht. Auch die Lehrerschaft als Teil der Gesellschaft würde in ihrem präventiven Bemühen glaubwürdiger und entsprechend erfolgreicher.

Egal ob die Legalisierung kommt oder nicht, wir werden weiterhin eine steigende Zahl unserer Jugend den legalen Drogen opfern, weil wir Erwachsene nicht bereit sind, unsere eigene Haltung den legalen Drogen gegenüber zu überdenken und zu ändern. Die Politiker und die von ihnen finanziell abhängigen Präventionsfachleute werden weiterhin fantasievolle Präventionsprojekte erfinden und von den Jugendlichen erwarten, dass diese darauf ansprechen und sich von den Drogen fernhalten oder zumindest „vernünftig“ mit ihnen umgehen, auch wenn sie selber nicht bereit sind, über die Bücher zu gehen. (Radio- und Fernsehgesetz: Alkoholwerbung; allgemeine Werbebeschränkungen bei Suchtmitteln, schadendeckende Steuern nach dem Verursacherprinzip, Kampf um die 0,5-Promillegrenze, Liberalisierung der Gastwirtschaftsgesetze [Erhältlichkeit]; usw.) Die legalen Drogenmulties und die „Mafia“ werden ihnen weiterhin dankbar sein.

Hermann T. Meyer, Effretikon

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Stand: 30.12.2008