Leserbrief

13.6.2002

 

Redaktion „Kiebitz“
Bahnhofstr. 28
8307 Effretikon

Leserbrief zu „Schuelbrugg – Suchtverhalten an der Oberstufe“

Die Umfrage, die Kurt Brüngger im Rahmen der Suchtprävention an der Oberstufe durchgeführt hat, zeitigt „beängstigende“ oder „beunruhigende“ Ergebnisse. Nach ca 10 Jahren staatlich verordneter Prävention ist der Erfolg effektiv katastrophal. Millionen wurden in aufwändige Präventionskampagnen gesteckt, ein Netz von Regionalen Präventionsstellen wurde errichtet, und nun dieses Ergebnis, das sich absolut vergleichen lässt mit wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Zeit.

Die Kommentare der Suchtpräventionsstelle Zürcher Oberland und des Sozialarbeiters bei der Jugend- und Familienberatung tönen alle gleich hilflos, denn es sind die alten Rezepte, die mithalfen, die Situation zu verschlimmern statt zu verbessern:

„Der Jugendliche mus lernen, mit den Genussmitteln umzugehen“. Von wem soll er es lernen, wenn es die Erwachsenen nicht können?.

„Die Finanzen, welche für die Prävention ausgegeben werden, und das Geld, das zur Suchtmittelwerbung eingesetzt wird, stehen in einem grossen Missverhältnis“. Wo waren die Kreise der Präventionsprofis (abgesehen von einigen löblichen Ausnahmen), als es um die Guttempler-Initiative und später um die Zwillingsinitiativen ging, mit denen die Suchtmittelwerbung entscheidend eingeschränkt worden wäre? Wo sind sie und die Lehrerschaft heute, wo lauthals die Einführung der Suchtmittelwerbung beim Schweizer Privatfernsehen gefordert wird? (Nationalrat, 3. Sessionswoche in diesem Monat)

„Mit Kindern und Jugendlichen macht es Sinn, auf primärpräventiver Ebene zu arbeiten“. Solange die Erwachsenenwelt, das gesellschaftliche Umfeld, die Suchtmittel dermassen toleriert und sogar unterstützt, ist es illusorisch, von Prävention bei Schülern Positives zu erwarten. Sie dient einzig der Beruhigung des schlechten Gewissens von Lehrerschaft und Eltern (ich darf das als pensionierter Reallehrer ruhig sagen) und wird von den Politikern nur benützt, um ausweisen zu können, doch „etwas“ auf diesem Gebiet getan zu haben.

Etwas vom Grundlegendsten zu diesem Thema fand ich in „Alkohol und Massenmedien“, (Regionale Veröffentlichungen der WHO/Europäische Schriftenreihe Nr. 62, 1998):

(Seite 2) "Aus den bisherigen Berichten zur Forschungslage lässt sich allgemein schliessen, dass Alkoholaufklärung zwar aufklärt, Aufklärung allein aber nur selten das Verhalten beeinflusst."

(Seiten 4/5) "Alkoholaufklärung hat u.a. nur deshalb begrenzten Erfolg, weil sie gegen einen Schwall von Botschaften ankämpfen muss, die den Alkoholkonsum fördern. Die primäre Quelle alkoholpositiver Botschaften ist die gesellschaftliche Wirklichkeit, sind die verbreitete und sichtbare Verfügbarkeit alkoholischer Getränke sowie die Allge­genwärtigkeit und die Akzeptanz des Alkohols in unterschiedlichsten Alltagssituationen und Zusammenhängen. Wie sich die Menschen zu gesundheitsbezogenen Themen stellen, wird tendenziell stärker durch Erfahrungen als durch Information bestimmt. Oft machen persönliche Erfahrungen der gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen die weisen Ratschläge der Alkoholaufklärung unglaubwürdig."

Carmela Baechler-Burri (Jounalistin?) meint am Schluss ihres Kommentars „Meiner Ansicht nach dürfen wir dem Problem nicht aus dem Weg gehen, sondern wir müssen auch lernen, damit umzugehen. Auch in andern Lebenssituationen ist es wichtig, gegen den Strom schwimmen zu können und NEIN zu sagen. Dies ist ein erster Schritt“.Das tönt nicht schlecht. Aber was bringt’s? Alle Appelle an die Vernunft oder an die Moral sind kaum das Papier wert, auf dem sie stehen.

Messbaren Erfolg bringen einzig Kontrollmassnahmen, die über die Einschränkung der Erhältlichkeit oder über den Preis den Konsum drosseln und damit die Schäden verringern können. Wer diese Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen und nicht danach han­deln will, dient bewusst oder unbewusst der Suchtmittelindustrie, deren einziges Bestreben es ist, ihren Umsatz zu vergrössern. Gerade in Bezug auf die Jugendlichen, ist diese mit ihren süssen Schnaps-Modegetränken und Designerdrinks gerade wieder in der Offensive, obwohl sie nicht genug beteuern kann, sie sei nicht an den Jugendlichen interessiert. Wer dies gerne hört, glaubt es auch.

Wenn ein erster Schritt hiesse, NEIN zu sagen, müsste der nächste heissen, die gesellschaftliche Wirklichkeit von der Suchtmittelwerbung zu befreien, die allgemeine Alkohol- und Tabaksteuer nach dem Verursacherprinzip einzuführen und die Abgabe von Suchtmitteln wieder einzuschränken. Wenn die Erwachsenen ihre Hausaufgaben einmal gemacht haben werden, kann man hoffen, dass auch die Jugendlichen deren Vorbild wieder ernster nehmen und ihre Verhaltensmuster zum Positiven ändern. (Für Interessierte empfehle ich die besondere und unabhängige Webseite www.alkoholpolitik.ch.

                                                                                                                                                                                                                            Hermann T. Meyer

 

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Stand: 30.12.2008