Leserbrief

14.06.2008                                     (Stark gekürzt am 21.06.08 mit drei andern veröffentlicht. 2 pro, 2 contra. Einer durfte schreiben:"Wie der NZZ zu
                                                        entnehmen ist, zeigt aber die Erfahrung im Ausland, dass Prävention an und für sich zu keiner Verbesserung der
                                                          Volksgesundheit (und auch nicht zu weniger Kosten führt." Das bewog mich zu einem anschliessenden Mail.)

 

Redaktion der
Neuen Zürcher Zeitung
Briefe an die NZZ
8021 Zürich

Per e-mail redaktion@nzz.ch

 

Leserbrief zu „Confederatio Praeventionitis" in der NZZ, 14./15.6.08

Sehr geehrte Damen und Herren,

Der besprochene Artikel bekämpft das Nationale Programm Alkohol (NAP) des Bundesrates auf einer halben Seite. Wenn Sie die Rechte und Pflichten der Journalisten gemäss Schweizer Presserat befolgen, müssten Sie eine ausführliche Gegendarstellung aufnehmen. Zum Beispiel diese.

Freundliche Grüsse

Hermann T. Meyer

 

Leserbrief zu „Confoederatio Praeventionitis“ am 14./15.6.08 

Mit diesem Artikel hat die NZZ ihre Diskussion um das geplante Nationale Programm Alkohol (NPA) eröffnet. Mit Sarkasmus, Halbwahrheiten und Auslassung von Tatsachen. Ich bezweifle, dass das die geforderte ehrliche Information ist, die der Presserat in seinen Rechten und Pflichten der Journalisten fordert. Hier ein paar Beispiele:

In der Einleitung wird mit Recht auf das grosse Bedürfnis der Schweizerinnen und Schweizer hingewiesen, ihre persönlichen Risiken abzusichern. Dass dies bei Genussmitteln ebenso sei, ist völlig falsch, weil das eigene Suchtverhalten viele daran hindert, präventiv richtig zu leben. Weil mit wenigen dringend nötigen Ausnahmen (0.5‰-Promillegrenze, Alcopopsteuer) seit Jahrzehnten keine wirksame Massnahme mehr ergriffen worden ist, beziehungsweise wichtige Versuche dazu mit Hilfe der Alkoholindustrie, der sich mit ihr solidarisierenden Wirtschaft und Werbebranche und der Alkohollobby im Parlament beerdigt wurden, ist inzwischen ein unerträgliches Mass an Schäden aufgelaufen, die nach Reduzierung rufen. Sicher braucht es unerhört viel, bis ein freisinniger Walliser Bundesrat sich für diese Prävention einsetzt. Offenbar ist nun sogar für ihn das Mass voll. Im zweiten Abschnitt wird erwähnt, das Land sei in den Jahrzehnten zuvor schon einer Welle von Vorbeuge-Kampagnen ausgesetzt gewesen. Wenn der Autor die zwei Volksinitiativen gegen die Suchtmittelreklame meint, kann man nur sagen, dass deren Niederlage mit dafür verantwortlich ist, dass wir heute diesen erschreckenden Jugendalkoholismus haben. Viele der damaligen Gegner wären heute wahrscheinlich froh, sie hätten zugestimmt. Wenn der Schreiber die grossen Plakataktionen des BAG oder des Kantons Zürich meint und diese negativ beurteilt, ist er ein Heuchler. Er weiss genau, dass diese Aktionen der Gesundheitsförderung nichts gebracht haben, weil Aufklärung nur das Wissen verstärkt, aber das Verhalten nicht ändert. Deshalb setzt ja die Alkoholindustrie heute auf diese Prävention. Einzig, damit sie das Wort Prävention in ihren Image-Werbefeldzügen gebrauchen kann.

In einem nächsten Abschnitt wird mit Zahlen jongliert. Dass die Schweiz nach Ermittlungen der OECD weniger für Prävention ausgibt, wird positiv gesehen. Dass die USA trotz höheren Ausgaben für die Prävention gesundheitlich schlechter als wir dastehen, sei der Beweis dafür, dass unser System besser sei. Ich vermute, dass der Autor damit gegen sein besseres Wissen schreibt, denn jeder halbwegs gebildete Zeitungsleser weiss, wie marode das amerikanische Gesundheitswesen ist und ahnt, welch immense Anstrengungen es noch braucht, dieses zu sanieren. Dass Prävention sich auch  finanziell rechnet, dafür gibt es amerikanische Untersuchungen. In der Schweiz fehlen leider die Grundlagen für eine solche Bewertung betr. Alkohol. Wenn die Präventions- und Rehabilitationskosten durch generelle Alkoholsteuern nach dem Verursacherprinzip gedeckt würden, wären keine zusätzlichen Steuermittel erforderlich, die Steuerzahler würden im Gegenteil grossen Profit ziehen. Würden dem Volk die korrekten Zahlen serviert, hätte die Alkohollobby keine Chance mehr. (ASSESSING THE RETURN ON INVESTMENTS (COST-BENEFITS) OF PREVENTION IN SWITZERLAND, Studie der Zürcher Hochschule Winterthur, Mai 2007)

Die bescheidenen Verbesserungen bei Alkoholschäden werden als Argument benützt, es seien keine weiteren Massnahmen nötig. Dabei ist der leichte Rückgang im Pro-Kopf-Konsum weitgehend der allgemeinen Gesundheits- und Fitnesswelle zu verdanken. Verschwiegen wird, dass es zu den Spitzenkonsumländern nur einen geringen Abstand gibt und es Länder in Europa hat, die ihren Konsum in letzten Jahrzehnten massiv senken konnten, darunter Weinländer wie Spanien, Frankreich und Italien. Auch gibt es Länder, die nur halb soviel konsumieren wie die Schweiz.  Schweden wurde kürzlich dank seiner Alkohol- und Tabakpolitik „Gesundheits- Europameister“. Die Schweiz schied ausgerechnet wegen ihres Alkohol- und Tabakkonsums früher aus. (Die Tagespresse berichtete natürlich nicht darüber.) Mit keinem Wort wird das katastrophale Ausmass des Jugendalkoholismus und seine Folgen erwähnt. Dieser ist ja auch die Hauptzielrichtung der vorgeschlagenen Massnahmen des NPA, das viel zu zurückhaltend mit Forderungen daherkommt.

Dann wird das Neue Programm Alkohol (NPA) direkt angegriffen. Es sei unnötig und weitere Werbebeschränkungen und eine Verteuerung nütze bei den Risikogruppen wenig, stattdessen werde die grosse Mehrheit der Bevölkerung und die Wirtschaft bestraft. Das ist die alte Taktik: Durch ständige Wiederholung der Unwahrheit wird sie am Ende glaubhaft. Klar senken deutlich höhere Preise den Konsum. Ebenso die Einschränkung der Erhältlichkeit und die Herabsetzung der Promillegrenze - auch bei Risikogruppen.

Inzwischen ist auch gesichert, dass Werbung wirkt, dass sie eingeschränkt gehört, weil sie die Jugendlichen beeinflusst und vor allem die Prävention für Jugendliche unglaubwürdig macht. Die Mehrheit der Bevölkerung, die nur mässig konsumiert,  wird belohnt durch Lebensqualität, Lebensjahre und geringere Sozialkosten. Die Wirtschaft als ganzes profitiert ebenfalls, denn Gesundheit bringt Wohlstand. Wirtschaftsbosse, die sich zu Komplizen der Alkoholindustrie degradieren lassen, schaden ihrer Firma und den Aktionären. Prävention zahlt sich auch für sie aus.  

Über die späten Ladenöffnungszeiten kann man streiten, aber dass Einschränkungen generell einen Minderkonsum bringen, ist sicher. Das ist in der Bequemlichkeit des Menschen begründet. Wenn sie nichts brächten, müsste sich ja niemand darüber aufregen.  

Dass das Erscheinungsbild von Bier mit und ohne Alkohol deutlich unterscheidbar sein sollte, hängt damit zusammen, dass die Alkoholindustrie vorhandene Werbeverbote mit dem gleichen Erscheinungsbild umgeht. Das hat mit Etikettierung oder abschreckenden Bildern auf Zigarettenpackungen gar nichts zu tun.

Zuletzt wird noch die Bundesprävention gegen die kantonale ausgespielt. Das NPA ist in dieser Sache sehr deutlich und will alle Kräfte bündeln, wobei die Kantone die grösste Rolle spielen werden. Dem BAG (Bundesamt für Gesundheit) wurden bereits derart viele Mittel gekürzt, dass es gegenwärtig kaum grosse Sprünge machen kann. Es braucht dringend mehr Mittel. Die sollten aber von Alkoholsteuern kommen und nicht bestehenden Programmen entzogen werden.

Unserer Bevölkerung kann man nur zurufen: „Be Under Your Own Influence"
("Sei unter deinem eigenen Einfluss".  Anti-Drogen Programm der Ohio Universität, USA)


 

Unser anschliessendes e-mail an den Inland-Redaktor der NZZ:

Sehr geehrter Herr Saxer,
Besten Dank für die Veröffentlichung eines bescheidenen Teils meiner detaillierten Antwort auf Ihren grossen Artikel. Dass Sie als Meister der Kürzungen einem Leserbriefschreiber  den folgenden Passus durchgehen liessen, befremdet mich aber schon etwas, wenn ich an die Qualitätsansprüche der NZZ denke.
Gilli Caflisch, Mühlethurnen, durfte schreiben:
"Wie der NZZ zu entnehmen ist, zeigt aber die Erfahrung im Ausland, dass Prävention an und für sich zu keiner Verbesserung der Volksgesundheit (und auch nicht zu weniger Kosten führt.")
Sie sehen, Ihre Saat trägt gute Früchte, auch beim Bundesrat.

Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer

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Stand: 03.01.2009