Briefe an...

Offener Brief an:

22.01.2002

 

Schweizer Bischofskonferenz 
Sekretariat
av. du Moléson 21
1700 Fribourg
Schweiz. Evang. Kirchenbund
Sekretariat
Sulgenauweg 26

3007 Bern

Sehr geehrte Damen und Herren

Sie haben seit 1998 wichtige Themen unserer Zeit in Arbeitsgruppen behandelt und die Ergebnisse als „Wort der Kirchen“ im letzten Sommer dem Bundespräsidenten überreicht. Dieses Farbebekennen halte ich für sehr erfreulich, allerdings ist es für mich mit einem nicht unwesentlichen Makel behaftet: Der Tages-Anzeiger vom 5.7.01. erwähnt, dass Sie sich mit Ihren Forderungen an das politisch Machbare gehalten haben. Somit hat die ganze Übung nur der inneren Weiterbildung gedient, ohne zukunftsweisende Verbesserungen anzustreben, wie es eigentlich von der Kirche erwartet werden dürfte, die doch eine wesentliche Botschaft zu verkünden hat, die sie auf Jesus Christus zurückführt, der als ein eigentlicher Sozial-Revolutionär auftrat.

Ich habe Verständnis dafür, wenn die Kirchen nicht das gleiche Schicksal wie Jesus erleiden wollen und von radikalen Forderungen absehen. Etwas mehr Mut und das Anpacken auch heisser Eisen sollte man aber doch erwarten können. Wir denken z.B. an die Alkoholfrage, das wichtigste sozialmedizinische Problem in der Schweiz.

Das Wort der Kirchen beruft sich auf die Menschenwürde, auf Solidarität, Verantwortung, Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit als oberste gesellschaftliche Werte. In der Alkoholproblematik werden alle diese Maximen in höchstem Masse tangiert. Es wäre wirklich an der Zeit, dass Sie Ihre Verantwortung auf diesem Gebiet wahrnehmen und aktiv würden. Die Politik allein ist offenbar unfähig, in dieser Frage zu tragfähigen Lösungen zu kommen, sie braucht den Druck und die Unterstützung grosser gesellschaftlicher Gruppierungen wie der Kirchen.

Einige Stichworte dazu:

  • 3,5 Milliarden Sozialkosten, von der Allgemeinheit zu tragen,

  • ständig steigende Krankenkassenprämien,

  • seit Jahren mehr Unfälle mit Alkohol am Steuer und doch keine Promillegrenzesenkung,

  • unverantwortliche massive Reduzierung der Steuersätze auf importierten Spirituosen mit dem vorausgesagten Konsumanstieg als Folge,

  • Liberalisierung der Gastgewerbegesetze,

  • keine Reaktion auf die im Anrollen befindliche Welle der neuen Modegetränke, z.B. mit Absinth-Nachahmungen,

  • keine allgemeine Alkoholsteuer zur Konsumreduzierung und Bezahlung der Schäden nach dem Verursacherprinzip,

  • die kommende Revision der Radio- und Fernsehgesetze mit Einführung der Alkoholwerbung, die die Glaubwürdigkeit einer Suchtprävention noch weiter herabsetzt, usw.

Sie könnten in einem ersten Schritt, ebenfalls im Sinne der Weiterbildung der Mitglieder, die eigene Haltung erforschen und mit dem heutigen Wissensstand in Einklang bringen. In einem zweiten Schritt wären dann die gesellschaftspolitischen Massnahmen zu erarbeiten, zu fordern und in Zusammenarbeit mit andern interessierten Kreisen diese Verbesserungen zu erkämpfen.

Auf der Webseite www.alkoholpolitik.ch finden Sie diesbezügliche Anregungen, Informationen, Motivationshilfen, eine Projekt-Idee, wie mit einer Lenkungsabgabe der Alkoholkonsum vermindert und gleichzeitig den Wein- und Obstbauern bei ihren Strukturproblemen geholfen werden könnte. Weitere Nutzniesser wären z.B. die Werbeindustrie, jeder Einzelne über verringerte Versicherungsprämien und Steuern, Kultur und Sportveranstaltungen, die Familien, usw. Über Links können Sie zu den wichtigsten Internetseiten von Institutionen, Behörden und Dokumenten im Zusammenhang mit der Alkoholpolitik wechseln.

Ich erwarte gerne Ihre Stellungnahme, die ich, wie diesen Brief, ebenfalls in der erwähnten Webseite publizieren werde, denn es wird sicherlich eine breite Oeffentlichkeit interessieren, ob die Kirchen wirklich „auf der Höhe der Zeit“ sind und erkennen, dass sie „in der Politik gefragt sind“, wie der Tages-Anzeiger am 5.7.01 und am 3.9.01 in diesem Zusammenhang titelte.

Mit freundlichen Grüssen  


 

Antwort vom 30.01.02

Sehr geehrter Herr Meyer

Eine Kopie Ihres offenen Briefes ist an mich weitergeleitet worden, weil ich einer der beiden Projekteliter der Oekumenischen Konsultation war, die zum "Wort der Kirchen: Miteinander in die Zukunft" geführt hat. Haben Sie sich damals an der Konsultation beteiligt? Denn die Konsultation war die Gelegenheit, um Anliegen wie Ihres im öffentlichen Diskurs einzubringen.

Offene Briefe haben es an sich, dass sie an alle und niemand gerichtet sind. Um sicherzustellen, dass Sie eine Eingangsbestätigung erhalten, sende ich Ihnen diese Zeichen. Die Einschätzung, die Kirchen hätten sich "an das politisch Machbare" gehalten, ist jene eines Journalisten. Ob die Kirchen selbst das so sehen, hängt m.E. von der Interpretation des "Machbaren" ab. Sicher haben sie sich im Wort der Kirchen nicht für etwas Nicht-Machbares eingesetzt, für Illusionen: sondern für wertvolle, anzustrebende Ziele und Grundwerte. Aber eben gerade für Ziele, die über das normalerweise zu Erreichende hinausgehen, für Ziele, die aus Lethargie und Pragmatismus "ziehen". Und sie haben sich, gestützt darauf, mit konkreten Empfehlungen und Folgerungen (auch für den eigenen Tätigkeitsbereich) exponiert Ich kann Ihrem Brief nicht entnehmen, ob Sie das Wort der Kirchen selbst kennen oder nur aus dem Artikel von H. Meier. Vielleicht würde sich eine (nochmalige) Lektüre für Sie lohnen. Bestellungen für die Broschüre (und auch für eine Kurzfassung) können an den SEK, Postfach, 3000 Bern 23 gerichtet werden.

 
Wie sie aus dem Wort der Kirchen ersehen, kann es sich nicht mit allen konkreten Problemen befassen. Die Konzentration war auf die grossen bewegenden Fragen der Zeit: Familie, Arbeit und Migration, Politik, Wirtschaft und Umwelt, die Globalisierung. Zu den Problemen unter diesen grossen "Rubriken" gehört selbstverständlich das von Ihnen erwähnte Alkoholproblem. Warum meinen Sie, die Kirchen hätten sich diesem noch nicht gestellt? Haben Sie nachgefragt? haben Sie im Bereich der Diakonie nachgeschaut, was getan wird? kennen Sie etwa die Verwurzelung der Blaukreuz-Bewegung in den Kirchgemeinden? Sicher ist, dass immer (und bei allen schwerwiegenden Problemen) mehr gemacht werden könnte und sollte, nur: mit welchen Kräften? Wer stellt sie zur Verfügung?
 
Ob Sie meine Antwort wie Ihren Brief im Internet bekannt geben möchten, überlasse ich Ihrem Geschmacksurteil. Meine Haltung ist: Briefe sind an einen Adressaten gerichtet, persönlich, erwarten eine persönliche Antwort und sind deshalb Kommunikation zwischen zwei Personen (oder Institutionen). Wenn ich mich an die Oeffentlichkeit wenden will, muss ich einen Artikel schreiben. Offene Briefe sind gewissermassen ein Widerspruch in sich selbst: weder das eine noch da andere. In welcher Weise soll man sie ernst nehmen?
Mit freundlichen Grüssen

Hans-Balz Peter
Prof. Dr., Leiter ise-ies
Institut für Sozialethik des SEK
CH-3007 Bern  -  Sulgenauweg 26
0041 (0)31 370 25 51  -  FAX 370 25 59
e-mail: hans-balz.peter@ise-ies.ch
(Uni: hans-balz.peter@theol.unibe.ch)


Neues e-mail an Herrn Prof. Dr. Peter am 1.2.02 (als normaler Brief)


Antwort der Schweizer Bischofskonferenz

SCHWEIZER BISCHOFSKONFERENZ
CONFERENCE DES EVEQUES SUISSES
CONFERENZA DEI VESCOVI SVIZZERI 
CONFERENZA DILS UESTGS SVIZZERS                                                                      
SEKRETARIAT
SECRETARIAT
SEGRETARIA
SECRETARIAT

 

 

02/1 15/AR/jk

Herrn
Hermann T. Meyer
Lindenstrasse 32
8307 Effretikon

 

                                                                                             Freiburg, 31. Januar

Sehr geehrter Herr Meyer,

Ich möchte Ihnen vorab für Ihr Schreiben vom 22. 1. 02 danken sowie für Ihr sichtbares Engagement in gesellschaftlichen Fragen, die - wie Sie richtig bemerkt haben - vielen ein oft zu heisses Eisen sind und mit denen sich kaum jemand gerne herumschlägt. Ein solcher Einsatz verdient Anerkennung und Lob!

Aus Ihrem Brief wurde leider nicht ersichtlich, ob Sie das ‚Wort der Kirchen’ jemals selbst gelesen haben. Sie zitieren aber einen Artikel des Tagesanzeigers vom 5. 7. 01, in welchem behauptet worden zu sein scheint, die Kirchen schmiegten sich in ihren Forderungen zu sehr an den Vorschlägen, die der Realpolitik ohnehin vorschwebten und die diese verfolgen möchte. Dies stimmt so nicht. Die Forderungen der Kirchen stehen oft genug quer zu den landläufigen Ansichten unserer Zeit und auch unserer Politik, weil der Zeitgeist sich in vielen Fragen schwerlich mit der Botschaft und dem Geiste Jesu Christi vereinen lässt. Es wäre fatal, in diesem Falle auf ein klares Bekenntnis und eine eigene Position zu verzichten, um damit den Ansprüchen einer wandelbaren und kurzfristigen Denkungsart gerecht zu werden. Diese ist in der Regel nicht mehr als ein epochales Phänomen von sowohl kurzer Dauer als auch von kurzer Voraussicht.

Es darf den Kirchen andererseits auch nicht als Verrat am Evangelium, das in unseren Augen weitaus mehr als ein soziales Reformprogramm für die jüdische Gesellschaft zur Zeit Jesu ist, angelastet werden, wenn sie bei ihren Forderungen realistisch bleiben möchte. Es wäre schlichter Unsinn, ein Paradies auf Erden fordern zu wollen, und es wäre in gewisser Weise sogar eine ausgesprochene Geringschätzung und Verkennung der menschlichen Natur, der man selbst in seinen kühnsten Visionen auf der Ebene der grossen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit gerechtwerden muss und die man nicht mit unrealistischen Konzepten überfordern darf Wenn die Kirchen sich deshalb fragen, was politisch machbar ist, so doch gerade deswegen, weil ihnen daran gelegen ist, dass sich in den grossen Themen unserer Zeit wirklich etwas bewegt und wir den Lösungen und Antworten auf unsere Fragen etwas näherkommen. Es ist nicht in unserem Sinne, Rezepte zu bieten, die zwar glanzvoll das Übel anprangern und goldene Lösungen anbieten, dabei aber von einer unwirklichen Situation ausgehen, die sich so nicht stellt und die es auch nicht zu lösen gilt. Dies würde unsere Beiträge letztlich überflüssig und lächerlich machen. Ich glaube, wenn Sie das Wort der Kirchen einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachten und sich fragen, welche die gesamthaft relevanten Faktoren der Problemerkennung und -bewältigung in Gesellschaftsfragen sind, werden Sie sicherlich zu einem versöhnlicheren Urteil über Wert und Effekt dieses kirchlichen Beitrages kommen und ihn nicht länger bloss für einen internen Selbstzweck zur Weiterbildung halten. Für den Fall, dass Sie das letzte Wort der Kirchen noch nicht gelesen haben sollten, habe ich mir erlaubt, Ihnen ein Exemplar beizulegen.

Sie sprechen in einem letzten Punkt die Thematisierung des Alkoholproblems in der Schweiz an, die Sie bislang im Wort der Kirchen vermissen. Tatsächlich ist dieses Problem ein grosses, und seine lange und traurige Tradition in unserem Land und in ganz Europa, verbunden mit dem Leid, dass es über die Alkoholabhängigen bringt, machen es nicht weniger gewichtig. Es darf nicht sein — und da bin ich mir mit Ihnen sicherlich einig — dass Missstände mit der Zeit stillschweigend akzeptiert werden, weil man sich inzwischen an sie gewöhnt hat und mit ihnen leben kann. Eine solche falsche Akzeptanz geht vielfach auf Kosten jener direkt Betroffenen, die zu einer zunehmenden Anonymisierung und Verbannung aus unserem Alltagshorizont gezwungen werden. Und den an sich elenden Anblick einiger armer Teufel, die sie noch auf den Parkbänken antreffen, verharmlosen und veralbern viele Leute innerlich oder äusserlich, ohne sich der damit verbundenen Herzlosigkeit und Grausamkeit gegenüber dem Leiden anderer noch so recht bewusst zu werden.

Allein, das Wort der Kirchen hat sich in der jüngeren Vergangenheit zu Recht mit den akuteren Themen unserer Zeit befasst, eben gerade weil die Kirchen von einer Gesellschaft wie der unseren gezwungen werden, sich zuerst einmal über die Kanäle Gehör zu verschaffen, die bei der chronischen Eindrucksüberreizung unserer Zeitgenossen noch halbwegs zugänglich sind. Sie mögen denken, dies sei eine Konzession seitens der Kirchen, die meinen zuvor gemachten Aussagen widerspricht, doch Sie müssen dabei auch bedenken, dass man die Menschen erst einmal erreichen muss, bevor man mit ihnen auch über scheinbar und wie gesagt eben fälschlicherweise „trivialere" Themen spricht. Insofern glauben wir, richtig vorgegangen zu sein.

Es steht somit ganz ausser Frage, dass das Alkoholproblem ein schwerwiegendes ist, das es ebenso zu lösen gilt wie akutere Probleme. Allerdings würde ich vorschlagen, die Perspektive hier noch etwas auszuweiten, denn Alkohol ist durchaus nicht das einzige Suchtmittel, das unseren Mitmenschen heute zu schaffen macht. Es geht generell darum, dass wir uns Gedanken über den Konsum und die Abhängigkeit von Drogen aller Art machen. Auch das Phänomen eines überspannten und auf seine Weise bereits wieder verklemmten Umgangs mit der Erotik trägt für mein Dafürhalten viele Züge von Sucht. Die zwanghafte Hemmungslosigkeit und Vermarktung der menschlichen Sexualität entwickelt sich immer mehr zu einem Industrieartikel, und so ist es nicht zu verwundern, dass immer mehr Menschen ein völlig gestörtes Verhältnis zur Sexualität haben. Denken Sie nicht auch, gerade dies ist die wesentliche Eigenschaft von Sucht, egal welcher Art, sei es von Alkohol oder anderen Rauschmitteln?

Ich hoffe, Ihnen mit meiner Antwort gedient zu haben und dass ich einige Klarheit in Bezug auf das Wort der Kirchen schaffen konnte. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft und Gottes Segen für Ihr Engagement.

Mit freundlichen Grüssen,

Dr. Agnell RICKENMANN
Generalsekretär der Schweizer
Bischofskonferenz

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Stand: 03.01.2009