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Brief an:
Thomas Rätz, Rektor am Gymnasium Liestal, mit Kopien an:
Sekretär von Urs Wüthrich, Bildungsdirektor Kanton Basel-Land
Kantonale Fachstelle für Gesundheitsförderung
31.10.2008
Sehr geehrte Damen und Herren,
Der Bericht über ein Wahlfach mit Weindegustation am Gymi Liestal haben
mich bewogen, einen Leserbrief einzureichen. Da nicht sicher ist, dass er
erscheint, sende ich Ihnen persönlich eine Stellungnahme.
Das ungute Gefühl bei Suchtfachleuten kann ich verstehen, ist doch die
Meinung, den Einstieg in den Alkoholkonsum so weit wie möglich hinauszuschieben
logischer als der Glaube, man könne die Jugendlichen zu vernünftigem Konsum
erziehen. Wenn es wie hier im Einzelfall durch hoffentlich kluge,
verantwortungsbewusste Lehrkräfte gelingt, korrekt zu informieren, und die
Schüler über 18 Jahre alt sind, sie ja die Wahlfreiheit hatten, kann dagegen
wenig eingewendet werden. Nur muss damit gerechnet werden, dass nun in andern
Schulen das Beispiel Nachahmung findet und wir schliesslich eine grosse,
staatlich betriebene Weinwerbung erleben. Meiner Meinung nach müsste dabei auch
eine kritische Lektionseinheit über die wirtschaftlichen und gesundheitlichen
Schäden des Alkoholkonsums, eventuell auch des Zuckerkonsums eingebaut werden.
Das könnte auf Gymnasialstufe sehr interessant sein.
Soweit mein Leserbrief. Ergänzen möchte ich noch, dass ich finde, dass für die
kritische Beleuchtung der Wirtschaftsmacht Wein/Alkohol eine Fachkraft
beigezogen werden müsste, da der Normalverbraucher damit überfordert wäre. In
jedem Fall möchte ich für die Erarbeitung eines solchen Stoffes meine Webseite
www.alkoholpolitik.ch empfehlen, die wahrscheinlich die umfassendste
Materialsammlung dafür abgibt. Zur Wirtschaftsmacht Zucker hat Al Imfeld ein
beachtenswertes Buch geschrieben.
Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
Lindenstr. 32
8307 Effretikon
www.alkoholpolitik.ch
PS Dieser Brief erscheint auf meiner Webseite unter "Briefe an …"
31.10.2008: Antwort: Raetz, Thomas BKSD
schrieb:
Guten Tag Herr Meyer
Besten Dank für Ihr Mail und
Ihre kritischen Worte. Leider hat der Baz-Artikel die Iddee
bzw. das Konzept des Wahlkurses
nicht in ausreichender Genauigkeit
wiedergegeben und leider hat auch die befragte Behörde vor ihrer
Stellungnahme nicht mit uns Kontakt aufgenommen.
Schon das Wort Degustation ist
irreführend und das übergrosse Bild suggestiv. Es wurden zwei
Weine miteinander verglichen und jede Schülerin, jeder Schüler
hatte ca 2-3 Hundertstel eines Liters pro Wein und die meisten
haben einen noch kleineren Schluck genommen und den Rest
weggeschüttet. Es ist nicht das Ziel des Kurses, SchülerInnen zu
guten Weintrinkern zu machen, sondern zu verstehen, was die
wirtschaftliche, historische und gesellschaftliche Bedeutung der
Genussmittel ist.
Die Schülerinnen und Schüler
des Kurses waren empört über den Artikel und fühlten sich (und
ihre Lehrpersonen) diffamiert.
Der positive Effekt ist nun:
Die Lehrpersonen bzw. die SchülerInnen haben die Behörden, die
Stellung bezogen haben, in den Unterricht eingeladen, so dass es
zu einer guten und fruchtbaren Diskussion kommen wird.
Mit freundlichen Grüssen
Thomas Rätz
31.10.2008: Unser 2. Brief:
Sehr geehrter Herr Dr. Rätz,
Besten Dank für Ihre prompte Reaktion. Ihre Einwände
gegen die Berichterstattung verstehe ich. Ich habe schon
ähnliches erlebt. Trotzdem finde ich, dass meine
Bemerkungen aus Sicht der Suchtprävention berechtigt
sind. Es ist zu befürchten, dass dieses Wahlfachangebot
nun auch anderswo Anklang findet, denn in vielen
Lehrerzimmern finden sich Wein-Fans, die nun eine
Profilierungsmöglichkeit erkennen und ausnützen wollen,
ohne das nötige Verantwortungsbewusstsein und ein
entsprechendes Wissen zu haben. (Ich hatte einen
Hobby-Weinhändler in meinem Kollegium.)
Bitte leiten Sie meine Bemerkungen an die beiden
Lehrkräfte weiter. Sie stehen nicht auf der
Schulwebseite. Beim Wahlfachangebot ist übrigens noch
die Ausgabe 2002 aufgeschaltet.
Ihre Antwort werde ich natürlich auf meiner Webseite
zeigen. (Ausser Sie möchten dies nicht und mailen dies
mir entsprechend.)
Um Ihnen einen Eindruck von meiner Webseite zu geben,
sende ich Ihnen einmalig den heute erschienen Newsletter
mit den Oktober-Eintragungen. Sollten Sie ihn weiter
beziehen wollen, können Sie mir das mitteilen. Als
Schulstoff ist die Webseite vielseitig verwendbar. Sie
wird von vielen Universitäten und Schulen besucht. Auch
für Abschlussarbeiten wird sie herangezogen.
Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
31.10.2008. Seine 2. Antwort:
Ich habe Ihr Mail an die beiden
Lehrpersonen weiter geleitet. Andere Kantone kennen unsere
Art der Wahlkurse nicht. Innerhalb des Kantons sind die 5
Gymnasien in dauerndem Kontakt. Ich werde die Sache auch mit
den anderen Rektoren besprechen. Ich glaube deshalb nicht,
dass es Nachahmer geben wird. Zudem ist der Wein bzw. das
Ausprobieren nur ein völlig unbedeutender Teil eines grossen
Projektes, das viel Arbeit braucht. Die Schüler des Kurses
haben 2 Bundesordner voll Material, das sie bearbeiten
mussten...
Mit den besten Wünschen für
ein schönes Wochenende
Thomas Rätz
31.10.2008:
Unser 3. Brief:
Sehr geehrter Herr Dr. Rätz,
Mit Nachahmer meinte ich die ganze Schulszene Schweiz. Und
jeder kann wieder sein eigenes Programm ausarbeiten. Da kann
Ihr Projekt noch so harmlos sein. Übrigens, das Standardwerk
der modernen Alkoholpolitik heisst "Alcohol - no ordinary
commodity". Alkohol ist wirklich ein besonderer Saft. Nur
wenige sehen hinter die Kulissen. Einer, der den Durchblick
hatte, war Prof. von Bunge, der an der Uni Basel lehrte.
Hier der Eintrag auf meiner Homepage am linken Rand:
Die Alkoholfrage
Ein Vortrag von Dr. med. Gustav von Bunge
ord. Professor der physiologischen Chemie der Universität
Basel
gehalten als Antrittsvorlesung am 23. November 1886
Seine Worte gelten auch heute noch weitgehend.
Auch Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende und den
beiden Lehrkräften Erfolg in ihren Bemühungen.
Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
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Basler Zeitung,
30.10.08
Leserbrief an die Basler Zeitung, 31.10.08
Aktuell, 31.10.08
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