19.09.2008
E-Mail an: Fachverband Sponsoring, Hamburg
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie beklagen sich über die Bemühungen der
Drogenbeauftragten der deutschen Regierung, die Alkoholwerbung einzudämmen. Dazu
ein paar Bemerkungen:
Alkoholwerbung schafft ein Umfeld, das Prävention für Jugendliche unglaubwürdig
und damit erfolglos macht.
Alkoholwerbung erreicht Kinder und Jugendliche, die dadurch früher und mehr
Alkohol konsumieren. (Wissenschaftlich erhärtet)
Alkoholsponsoring bei Vereinen macht diese abhängig und weniger sensibel für
ihre jugendschützerischen Aufgaben betr. Alkohol im Verein.
Viele Jugendliche gewöhnen sich den Alkoholkonsum in Vereinen an, wo es zur
Clubkultur gehört, Sieg und Niederlage zu begiessen. Dabei sollten sie dort
präventive Betreuung erfahren.
Ihre Bestrebungen schaden der Volksgesundheit, der Wirtschaft und vor allem der
Jugend. Deren Alkoholprobleme gehen zu einem schönen Teil auf Ihre Kappe.
Wenn Sie wirklich interessiert sind, dass sich das ändert, prüfen Sie einmal die
Projekt-Idee, die auf www.alkoholpolitik.ch entwickelt wurde. Wenn Sie diese
unterstützen würden, könnte das Vereins-Sponsoring auf alkoholfreie Basis
gestellt werden, die Werbung würde noch mehr verdienen als heute - und mit einem
anderen ethischen Hintergrund. (Natürlich wären noch viele andere Vorteile damit
verbunden.)
Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
25.09.2008
E-Mail an: Fachverband Sponsoring, Hamburg
Sehr geehrter Herr Felten,
Besten Dank für Ihre Antwort. Gestatten Sie, dass ich zu Ihren Argumenten
Stellung nehme, obwohl ich nicht annehme, dass Sie dafür empfänglich sind, weil
sie diese Informationen als Profi längst auch haben:
1. Über Zusammenhänge von Alkoholwerbung und Alkoholkonsum Jugendlicher gibt es
mittlerweile genügend Studien, die den Zusammenhang zwischen Werbung und Wirkung
zeigen. Z.B.:
Das European Centre for Monitoring Alcohol
Marketing (EUCAM) hat nun seine neue Webseite aufgeschaltet:
www.eucam.info.
Auf dieser Seite können Fachleute und NGOs auf dem Gebiet
Alkohol einen Überblick über vorhandene Information zur Wirkung der Alkohol
Werbung finden. (19.06.2008)
Alkoholwerbung erhöht den Alkoholkonsum von Jugendlichen - Sieben
neue Studien belegen: Jugendliche trinken früher und mehr durch Alkoholwerbung.
FOCUS ONLINE, 1.9.08
Frankfurter Rundschau, 1.9.08.
PRESSEMITTEILUNG
Drogenbeauftragte der Bundesregierung, 1.9.08 Fachtagung‚ Alkoholwerbung -
Wirkung und (Selbst-)Kontrolle’ am 25. September im Roten Rathaus Berlin. Ich
nehme an, Sie sind dort vertreten.)
In USA: Youths Exposed to More Alcohol Ads in 2007.
Jugendliche in den USA von 12 - 20 Jahren waren im Jahr 2007 im
Durchschnitt 301 TV-Alkoholwerbesports ausgesetzt, verglichen mit 216 im Jahr
2001. (+39%) (26.06.2008)
Werbung, Alkohol und Jugendliche: Alkoholreklame, das Marketing für
Alkoholprodukte, Gruppendruck und Einfluss der Eltern, all das spielt eine Rolle
in Bezug auf die Alkoholkonsummenge bei Jugendlichen. Das hat ein Experten-Team
der University of Leicester gefunden, welches die Auswirkungen der
Alkoholwerbung auf junge Leute untersucht hat. Sie fanden auch, dass die Werbung
besonders effektiv bei Alcopops und alkoholischem Apfelmost wirke. (Source:
Medical News Today,
7.6.08)
Französische Ministerin über die Rolle der Alkohol- und Tabakwerbung: Mehr als
100'000 vermeidbare Tote pro Jahr - eine akzeptable kulturelle Tatsache?
(7.6.08)
Diese pessimistische Einschätzung trifft Lothar Zischke vom Kreisjugendamt auf
einer von der Verbandsgemeinde organisierten Informations-Veranstaltung. Er
sprach über den steigenden Alkohol-Missbrauch Jugendlicher in LANGENLONSHEIM.
Immer größer würden die Versuchungen, denen junge Menschen permanent ausgesetzt
seien. Zunehmend richteten die Getränkeunternehmen ihre Werbung gezielt auf
Jugendliche aus. Insbesondere mit vermeintlich "coolen" Mixgetränken wollten sie
junge Konsumenten gewinnen. Neueste Zielgruppe seien Mädchen, die bisher weniger
als männliche Jugendliche trinken.
(Quelle: Google Alkohol Alert, 28.04.08)
az-badkreuznach.de
Die Wirkung der Alkoholwerbung auf den
Alkoholkonsum bei Jugendlichen. Studie aus dem Jahr 2006 mit Links zu
verschiedenen ähnlichen Studien, welche die erste zitiert haben. (Quelle:
Arch
Pediatr Adolesc Med. 2006;160:18-24. (4.2.08)
Outdoor Alcohol Advertising Near Schools: What Does It Advertise and How Is It
Related to Intentions and Use of Alcohol Among Young Adolescents? /
Alkohol-Werbung im Freien in der Nähe von Schulen: Wie ist die Werbung gestaltet
und welcher Zusammenhang besteht zu den Absichten und zum Gebrauch von Alkohol
unter den jungen Jugendlichen. (Quelle/Source:
Medical News Today, 2.7.07)
Journal of Studies on Alcohol and Drugs, July issue
usw. Die Zitate stammen aus meiner Webseite, via Dossier
"Suchtmittelreklame". Das wichtigste Argument scheint mir die Aussage in
"Alkohol und Massenmedien", die als Einleitung über der erwähnten Seite steht.
Die Umwelt der Jugendlichen ist derart mit Alkoholreklame, Marketing,
Trinksitten verseucht, dass sie gar nicht anders können, als mithalten. Sie
wollen ja auch zur Erwachsenenwelt gehören. Entsprechend sind Bemühungen in der
Verhaltensprävention praktisch nutzlos, weil unglaubwürdig.
"Teufelszeug": Sehen Sie sich in der Literatur um. Sie finden genug Beispiele
von Schilderungen, welche diesem Ausdruck ziemlich gerecht werden. Oder fragen
Sie eines von Hunderttausenden von Kindern, die in alkoholbelasteten Familien
aufwachsen. Die können Ihnen ein Liedchen singen. Denn so harmlos, wie Sie
meinen, ist das Genussmittel Alkohol nicht. In der Schweiz wird die Hälfte des
Konsums von Alkoholkranken und Rauschtrinkern bewältigt. Ohne die könnte die
Alkoholindustrie wahrscheinlich schließen. Und was vor Jahren der damalige
"Werbepapst" in der Schweiz, Wirz sen., in einem mehrseitigen Interview im
"Schweizerischen Beobachter" über die Tabakwerbung sagte, gilt etwas abgewandelt
auch für die Alkoholwerbung: "Wenn wir die Jugendlichen nicht erwischen, sind
sie uns später als Konsumenten verloren. Übrigens wird geworben, um zu
verkaufen. Das Sponsoring ist nicht reine Nächstenliebe, eher mit dem
Rattenfänger von Hameln verwandt.
Die Rolle der Vereine: Ich kenne sie sehr gut, war ich doch selber in leitender
Stellung bis in einen Weltverbandsvorstand tätig. Nur gibt es leider zu viele
Vereine, in denen die Jugendlichen nicht lernen mit Alkohol umzugehen, wie es so
schön heisst, sie lernen ihn zu missbrauchen und viel zu früh kennen. Auch dazu
gibt es Studien:
Am kürzlichen Leichtathletikmeeting in Lausanne torkelte der russische
Hochspringer auf die Latte zu, statt sie zu überspringen, zum Amusement des
Publikums. Er hatte vorher Wodka mit Red Bull getrunken. Betrunkener
Hochspringer – das gabs schon früher:
Basler Zeitung, 5.9.08 5 schwedische Schwimmer wurden von Peking
wegen Bierkonsum nach Hause geschickt. (Quelle: NZZ, 18.8.08)
(Dies eher als Kuriosum, bei "Geschichten")
Aus Dossier "Sport und Alkohol": Sechs grosse Sportverbände Australiens haben
ein Abkommen zur Bekämpfung des Binge Drinking unter jungen Leuten getroffen.
(15.3.08)
Fußball und Alkohol - für viele gehört das zusammen. Eigentlich sollen
Jugendliche im Sportverein Körper und Geist trainieren. Doch eine neue Studie
zeigt: Trinker hält der Verein nicht vom Trinken ab, Alkohol-Exzesse sind bei
jungen Sportlern keine Ausnahme.
(Quelle: Google Alkohol-Alert, 8.11.07) Spiegel online,
7.11.07 Thomas Fritz:
Stark durch Sport –
stark durch Alkohol? Eine Untersuchung an jugendlichen Vereinsfußballern
Kommentar:
Bei der SFA ist eine ähnliche Studie in der Schweiz gemacht worden.
Sicher ist es beruhigend für die Vereinskassiere, wenn sie problemlos
Sponsorengelder kassieren können. Bekanntlich gibt es auch andere Branchen, die
zu diesem Zweck angegangen werden können. Es ist nur aufwändiger und braucht
auch Fantasie. Für das Wohl der Jugend sollte dies aber zugemutet werden können.
Dann verweise ich nochmals auf meine Projekt-Idee, mit der es Geld für die
Vereine "regnen" könnte. Und die Werbebranche hätte mindestens so viele
Aufträge.
Über die Nützlichkeit von Verboten, wie sie in der gegenwärtigen
Jugendschutzdiskussion diskutiert werden, kann ich Ihnen mit Ausnahme
Werbeverbote zustimmen. Die Selbstkontrolle der Werbung hat hingegen noch nie
funktioniert. Z.B.:
Das Marin Institute veröffentlichte heute eine aufschlussreiche, erstmalig
systematische Übersicht über das freiwillige Selbstregulierungssystem der
Spirituosen-Industrie. Der Bericht, "Why Big Alcohol Can't Police
Itself: A Review of Advertising Self-Regulation in the Distilled Spirits
Industry," prüft alle sieben Code der Verantwortungsbewussten Marketing
Praktiken Berichte, die von der Industrie- Handels-Gruppe Distilled Spirits
Council of the United States (DISCUS) 2004-2007 herausgegeben wurden.
Ergebnis: Die
Selbstkontrolle funktioniert nicht. (Quelle:
Join Together, 17.9.08)
Dass die Politiker nicht nach den wahren Gründen suchen, hängt damit zusammen,
dass sie die gar nicht wissen wollen, die Fachleute präsentieren sie ihnen ja
laufend, und dass die Alkoholindustrie eine starke Lobby unter ihnen hat.
Wirksame Massnahmen wie Alkoholbesteuerung und Verkaufseinschränkungen sind
unpopulär und bringen keine Stimmen.
Dass die Schweiz konsequenter ist, muss ich bezweifeln. Auch unser Nationales
Programm Alkohol wurde zum Alibipapier degradiert. Einige punktuelle gute
Präventionsideen sind nicht mehr als der Tropfen auf den heissen Stein und
vielfach Alibiübungen.
Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
PS. Gestatten Sie mir, diesen Briefwechsel auf meiner Webseite unter "Briefe
an..." zu veröffentlichen?