Briefe an....
Antwort auf Dr. Arnolds Brief vom 25.2.05
2.03.2005
Offener Brief
An die Geschäftsleitung
Der CVP des Kantons Zürich
per e-mail
Sehr geehrter Herr Dr. Arnold,
Ich hoffe, Sie haben nach dem Wahltag (Gratulation) etwas Zeit, um meine beiliegende ausführlichere Antwort in Ruhe zu lesen. Der Einfachheit halber habe ich mich an Ihre Punkte gehalten. Ich hoffe, Sie kommen mit meiner direkten Sprache zurecht. Ich bemühe mich, die Fakten sprechen zu lassen und gebe ab und zu auch Quellen an.
Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
- Der
angesprochene Dualismus ist längst nicht das einzige Problem in diesem
Zusammenhang. Ich denke dabei auch an den schrankenlosen, gewinnorientierten
Kapitalismus, der seit der industriellen Produktion auch der alkoholischen
Getränke im 19 Jh. darauf aus ist, immer mehr zu produzieren und abzusetzen
und dabei mit raffiniertesten Werbemethoden vorgeht, die dazu geführt
haben, dass nach dem 2. Weltkrieg auch die Frauen und die Jugendlichen
gewonnen wurden und wir uns einreden liessen, das ganze sei eine kulturelle
Errungenschaft. Diese Werbestrategien haben auch erreicht, dass eine grosse
Zahl der Politiker und Wirtschaftsvertreter glauben, sie müssten sich als
Teil dieses Netzwerks kooperativ und solidarisch verhalten, obwohl sie damit
der Wirtschaft und dem Land einen Bärendienst erweisen. Sogar die EU ist
auf dem Weg, diesbezüglich umzudenken.
- Wie
schon im letzten Brief angedeutet, sehe ich in Ihrem vereinfachten Schema
eine Lücke. Es ist sicher besonders der Staat, der Verantwortung trägt,
obwohl gerade dies in den letzten ca 12 Jahren der hochstilisierten „Gesundheitsförderung“
bewusst in den Hintergrund gedrängt wurde. Deshalb überrascht mich
eigentlich Ihre Aussage. Das Ergebnis war, auch im Zusammenhang mit der
Aktualität der illegalen Drogen, dass das Thema Alkohol in den Hintergrund
geriet und der Jugendalkoholismus stark anstieg.
Aber auch der einzelne Bürger
muss seinen Genuss kontrollieren; doch dies ist für einige sehr schwierig. So
verlaufen die Grenzen zwischen genussvollem mässigen Konsum und risikohaftem
bis krankmachendem Konsum fliessend. (Wie Sie auch in Ihrem Vortrag unter Punkt
3 schreiben.) Keiner, der krank wird, hat es sich einmal träumen lassen, dass
sein Genuss ihn später zur Krankheit führen würde. Alkohol am Steuer nach
genussvollem Konsum zeigt auch einen Mangel an Verantwortungsbewusstsein und
trifft das unschuldige Opfer genau so hart, wie wenn es von einem notorischen
Trinker umgefahren worden wäre. Die Freiheit des Individuums sollte sogar nach
liberaler Auffassung dort Grenzen finden, wo der Mitmensch darunter leidet.
Die Verantwortung, die hier angesprochen wird, beinhaltet meiner Meinung nach
auch, als mitverantwortliches Glied im Staat zu helfen, dass dieser seine
Verantwortung wahrnehmen kann. Leider steht dabei dem einzelnen nur zu oft seine
eigene Alkoholgeschichte hindernd im Wege. (Dies ist als Einleitungstext auf
meiner Webseite zu lesen.) Dies betrifft nicht zu letzt die mässigen Geniesser,
die sich keiner Schuld an der ganzen Alkoholproblematik bewusst sind und sich
nicht vorstellen können, warum auch von ihnen erwartet wird, dass sie
Mitverantwortung tragen. Sie bilden sogar die Mehrheit und könnten viel
bewirken.
- Die
Möglichkeiten, die dem Staat offen stehen, sind wissenschaftlich genau
abgeklärt. Es geht nur darum, welche Ziele verfolgen wir. Z.B. wie bisher:
Sozialkosten und Leid dem Staat und dem Volk, Profit einer
Wirtschaftssparte, die es verstanden hat, sich fast unangreifbar zu
machen, weil sie die Medien mehr oder weniger beherrscht und unter den
Politikern viele Komplizen hat.
- Sie
beharren auf dem Begriff Güterabwägung. Ich weiss nicht, ob ich Sie richtig
verstehe. Sie wollen die Ware Alkohol bewerben lassen, obwohl Sie die
negativen Auswirkungen dieser Werbung kennen. (Oder auch nicht?) Die letzte
Untersuchung des angesehenen Zürcher Instituts für Suchtforschung vom
Januar 2005 zeigte nochmals klar, was man schon früher wusste, dass ein
Werbeverbot 5% bis 8% Konsumabnahme bewirkt. Das ist nicht viel, aber
verglichen mit den geringen Kosten, doch beeindruckend. (Konsumverminderung
bedeutet Schadenrückgang.) Für mich bedeutsamer ist aber die Tatsache,
dass 1. durch ein Werbeverbot junge Menschen nicht mehr zum Alkoholkonsum
konditioniert werden können und 2. die Umwelt der Jugend von der
penetranten Allgegenwart von „König Alkohol“ entlastet wird. Es würde
zeigen, dass es der Erwachsenenwelt ernst ist mit der Prävention, und sie
selber (vordergründig) Opfer bringt. (In Wirklichkeit hilft sie sich
damit ja selbst auch.) Hierher gehört wohl auch das Zitat von Prof. Uchtenhagen (Tages-Anzeiger vom 6.1.05: „Das Suchtverhalten der Jugend ist
Spiegel der Gesellschaft und kein Naturereignis" - Damit würde Prävention
bei Jugendlichen glaubwürdig und somit wirksamer. Heute ist sie weitgehend
nutzlos. Denn die gesellschaftliche Wirklichkeit bietet ein völlig anderes
Bild, als was die Erwachsenen ihnen predigen. Millionen werden als Alibi in
den Sand gesetzt. (Siehe „Alkohol und Massenmedien, Publ. der WHO. Zitat
auf meiner Webseite/Homepage)
Vielleicht wollen Sie die eine Werbung gegen die andere ausspielen? Das
bringt wirklich nichts. Ob es politisch sinnvoll wäre, im Sinne eines Rückzugsgefechts
einzelne Sparten zu opfern? Das gäbe nur grossen Kontrollaufwand und
Juristenfutter. Sobald Werbung in der Öffentlichkeit sichtbar wird, wird
sie auch von den Jugendlichen wahrgenommen. Wollen Sie Zeitschriften ausnehmen?
Wo ist dann die Chancengleichheit? Und im Radio- und Fernsehgesetz:
Ausgerechnet die privaten Lokalsender, die am meisten von Jugendlichen
gesehen werden, sollen werben dürfen! Ist das auch Teil Ihrer Güterabwägung?
Ich hätte grosse Mühe, dafür Verständnis aufzubringen.
- Werbung
für alkoholische Getränke hat für Sie keine suchtfördernde Wirkung. Im
Gegensatz zu Tabak. Die Werbung konditioniert die ganze Gesellschaft in
ihrem Sinn. Wie fliessend der Übergang von Genuss zu Sucht ist, habe ich
bei Pkt. 2 versucht darzulegen. Sie selber ja auch im Vortragstext. (Es gibt
übrigens auch nichtsüchtige Tabakkonsumenten. Sie bekennen sich ja auch
zu ihnen.)
Konkret: Aus „Zahlen und Fakten 2004“ der Schweiz. Fachstelle für
Alkohol- und andere Drogenprobleme: 23% der über 15-Jährigen in der
Schweiz trinken keinen
Alkohol; 33% trinken 10% des Gesamtkonsums, 33% trinken 40% und 11%
trinken 50% des Gesamtkonsums.
- Es
ist rührend, wie bemüht die Alkoholindustrie ist, sich als Saubermann zu
präsentieren. Sie gibt Millionen aus für Imagekampagnen, deren
Hauptslogan ihr Bemühen um verantwortungsbewusstes Konsumieren ist. Sie tut
das gern, dient es doch nur der Aufrechterhaltung ihrer Präsenz und fördert
den Absatz. Sie tritt gross in allen internationalen Gremien als
Interessenvertretung auf und verhindert laufend, dass wirksame
Formulierungen und Massnahmen für eine echte Prävention getroffen werden.
Sie lebt in erster Linie von den risikoreichen und kranken Konsumenten. Ohne
deren 50%-igen Konsumanteil könnten sie wahrscheinlich schliessen.
Wenn Sie in der Wein-Zeitschrift, die ein Teil oder ein Nebenprodukt dieser
globalen Meinungsbildung ist, für Sie nützliche Informationen finden, mag
das ja für Sie das Geld Wert sein. Über Wert oder Unwert gewisser
„Wein-Informationen“ und Lobgesängen mag ich mich nicht äussern. Das
tat die Presse erst kürzlich recht ausführlich. Ich würde mich an
Degustationen bei seriösen Winzern informieren. Ich mag jedem seinen mässigen
Weingenuss gönnen, wenn es bei diesem bleibt. Nur - aus Erfahrung weiss
jeder ehrliche Beobachter, dass das berühmte Gläschen in Ehren oft nicht
das letzte ist.
- Ob
beim Tabak oder beim Alkohol, der Preis spielt die wichtigste Rolle in der
Prävention. Er beeinflusst am meisten die starken Trinker, die Jugendlichen
und die Armen. (Aus Präsentation zum Alkoholproblem bei der EU am 20.1.05.
Siehe meine Webseite/Internationales und Veranstaltungen)
Ich hoffe, zu Ihren Punkten fürs erste genug differenziert
geantwortet zu haben und bin aber gerne bereit, weitere Punkte zu diskutieren.
Ihren Vortragstext habe ich gelesen. Ich finde ihn (mit Einschränkungen)
sogar gut, das heisst, ich habe keine Probleme damit.
Zu Ihrem Satz bei Punkt 3.2.2: „Insofern sind Genussmittel, die schon in
kleinen Dosen meine Handlungsfähigkeit beeinträchtigen, sittlich
abzulehnen.“ Fällt Ihnen dabei nicht Alkohol ein? Bei 0,3‰ (1-2 Gläser)
sind bereits Beeinträchtigungen feststellbar. Sehr bald werden die menschlich
wichtigen Funktionen gestört, z.B. das Verantwortungsgefühl; später leiden
die Körperfunktionen, z.B. das Gleichgewicht. Dazwischen geht die Menschenwürde
verloren, die bei Ihnen, trotz theologischem Hintergrund kein Thema, für mich
aber zentral ist. Bei Ihrer sehr theoretischen Abhandlung vermisse ich auch
den Hinweis auf die verheerende Wirkung auf die Kinder und den/die Partner(in)
in einer alkoholbehinderten Familie. Es tönt alles so klinisch rein und verhindert,
dass es einen wirklich betroffen machen könnte. War das Absicht, Zufall oder
einfach fehlende eigene Erfahrung?
Ich finde immer noch, dass sich Ihre Partei ernsthafter mit
ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in diesem Bereich auseinandersetzen müsste.,
trotz eigener Genuss-Haltung, oder gerade im Sinne der Verantwortlichkeit in
Ihrem Vortragstext.
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