
Leserbrief
23.11.99
Redaktion Forum
Tages-Anzeiger
8021 Zürich
Fax 01 248 44 71
Leserbrief zu "Pausenzigarette, amtl.
bew." vom 23.11.99
Als eben pensionierter Oberstufenlehrer verstehe
ich die Probleme des Kollegiums im Schulhaus Milchbuck in Zürich aus
jahrzehntelanger Erfahrung. Der Kommentator nennt die ins Auge gefasste
Massnahme eines "Raucherpasses" hilflose Rauchzeichen. Ich bin mit ihm
völlig einverstanden, aber ich kann auch eine Erklärung dafür aufzeigen,
warum die Lehrerschaft und die sie unterstützenden Suchtberatungsstellen auf
eine solch ausgefallene Idee kommen, die ihre Hilflosigkeit zeigt: (Man braucht
im folgenden Text nur das Wort Alkohol durch Tabak zu
ersetzen.)
Zitat aus: Alkohol und Massenmedien"
(Regionale Veröffentlichungen der WHO/Europäische Schriftenreihe Nr. 62, 1998)
(Seite 2) "Aus den bisherigen Berichten zur
Forschungslage lässt sich allgemein schliessen, dass Alkoholaufklärung zwar
aufklärt, Aufklärung allein aber nur selten das Verhalten beeinflusst."
(Seiten 4/5) "Alkoholaufklärung hat u.a. nur
deshalb begrenzten Erfolg, weil sie gegen einen Schwall von Botschaften
ankämpfen muss, die den Alkoholkonsum fördern. Die primäre Quelle
alkoholpositiver Botschaften ist die gesellschaftliche Wirklichkeit, sind die
verbreitete und sichtbare Verfügbarkeit alkoholischer Getränke sowie die
Allgegenwärtigkeit und die Akzeptanz des Alkohols in unterschiedlichsten
Alltagssituationen und Zusammenhängen. Wie sich die Menschen zu
gesundheitsbezogenen Themen stellen, wird tendenziell stärker durch Erfahrungen
als durch Information bestimmt. Oft machen persönliche Erfahrungen der
gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen die weisen Ratschläge der
Alkoholaufklärung unglaubwürdig."
Solange sich die Erwachsenenwelt, diese
gesellschaftliche Wirklichkeit, nicht umbesinnt und die Probleme mit den legalen
Suchtmitteln nicht ernsthaft angeht, wird die ganze Prävention für Jugendliche
erfolglos bleiben und sich die Situation weiter verschlechtern.
Für die mehrheitlich der Wirtschaft verpflichteten
Politiker ist seit vielen Jahren der Profit einiger weniger wichtiger als das
Volkswohl. Und die von ihnen eingesetzten Präventionsfachleute und -Manager
wollen und/oder dürfen auch nach zehn Jahren nicht wahrhaben, dass mit
informativen Plakataktionen nur aufgeklärt aber kein Verhalten verändert wird.
Letztendlich wirft man die Flinte resigniert ins Korn und lässt die Zügel
schiessen.
Ich kenne auch einige hochqualifizierte
Präventionsfachleute, die diese Zusammenhänge seit langem begriffen haben und
frustriert sind, weil sie bei den Politikern für ihre berechtigten Anliegen
keine Unterstützung finden und immer wieder für Alibiübungen missbraucht
werden.
Mit freundlichen Grüssen
Hermann Meyer

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