
Leserbrief
25.9.1995
Redaktion
Leserbriefe
Tages-Anzeiger
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Zürich
Leserbrief
zu: Polizeidruck soll anhalten (TA vom 20.9.95)
Sieben
Monate nach der Lettenschliessung hielt die Drogendelegation von Stadt- und
Regierungsrat eine "Bilanzpressekonferenz" ab. Das Ergebnis ist sehr
ernüchternd. Kaum Abnahme der Süchtigen, die Szene verdeckt in 200 Wohnungen,
die Motivation zum Ausstieg ist abgeflaut, die Ueberstunden der überforderten
Polizeikorps sind kaum mehr zumutbar und bezahlbar.
Mich
hat eines sehr gewundert: Dass niemand den Finger auf die wesentliche Möglichkeit
zur mittel- und langfristigen Verbesserung der Situation gelegt hat: die Prävention. Wir werden die Drogenprobleme nie einigermassen
in den Griff bekommen, wenn wir die Nachfrage nach Drogen nicht reduzieren
wollen und können.
Die
Lettenschliessung wurde möglich, nachdem sich die drei grössten
Bundesrats-Parteien zu einer einigermassen gemeinsamen beschränkten
Drogenpolitik durchringen konnten. Warum sollte dies bei der Prävention nicht
auch möglich sein? Wir erleben, wie hemmungslos ersatzlos dereguliert wird, was
während langer Zeit als bewährtes Präventivgesetz galt. Nur weil es Mode
ist, und man als Parlamentarier nicht als unmodern gelten möchte, arbeitet man
dem Drogenkapital in die Hände, nicht bedenkend, dass Alkohol- und Tabakprävention
die beste Prävention für Probleme mit illegalen Drogen darstellt.
Leider
ist heute auch die "indirekte" Prävention im argen. D.h. die Politik
für eine lebenswerte Zukunft, die ein "no future"-Gefühl nicht
aufkommen lässt. Zu viele Parlamentarier sind Vertreter von Einzelinteressen
statt für das Volkswohl. Eine Jugendpolitik, die diesen Namen verdient, gibt es
nur kurz nach Unruhen, die ehemals Jugendbewegten vergessen, kaum sind sie ins
Erwerbsleben eingetreten, ihre damaligen Ideale, die Familie ist in Auflösung
begriffen und trotzdem wird sie finanziell und steuerlich immer noch
benachteiligt.
Bei Energie- und Umweltfragen ist immer noch die Rendite und nicht unsere
Zukunft massgebend. Das Kapital ist immer noch wichtiger als der arbeitende
Mensch. Das Recht auf Arbeit wird auf das Recht auf eine begrenzte
Arbeitslosenunterstützung reduziert, neue Arbeitsmodelle werden kaum
diskutiert. Und und und..
Es
ist müssig zu lamentieren; wir selbst wählen unsere Parlamentarier; aber sie
haben ganz unterschiedliche Mittel, uns Sand in die Augen zu streuen, und so wählen
viele von uns Kälbern ihre Metzger selber.
Mit freundlichen Grüssen
Hermann Meyer
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