Interventionen

07.02.2008

Antwort des zuständigen Stadtrats auf unsern Brief vom 16.1.08 (Darunter unsere Replik)

 

Stadt Zürich
Departement der industriellen Betriebe

 

Herrn
Hermann Meyer
Lindenstr. 32
8307 Effretikon


Zürich, 4. Februar 2008 / RH

 

Ihr Mail vom 16. Januar betreffend Sponsoren-Trams

Sehr geehrter Herr Meyer

Vielen Dank für Ihr Mail betreffend Carlsberg-Tram. Wir verstehen Ihre Einwände und nehmen sie sehr ernst, verfolgen doch die VBZ mit ihren Bestimmungen die von Ihnen genannten Ziele.

Wie Sie richtig erwähnen, bestehen  klare Vorschriften betreffend Werbung, die in irgendeiner Form Anstoss erregen könnte. Darin wird jegliche Art von Werbung abgelehnt, die den Konsum von Alkohol oder anderen Suchtmitteln unterstützt oder gar fördert. So werden Sie nie Tabakwerbung (auch nicht "light") auf oder in den Fahrzeugen sehen. Es ist aber durchaus zulässig, für alkoholfreie Getränke Werbung zu platzieren. Die VBZ behandeln die Anfragen immer mit der nötigen Sorgfalt und machen sich Gedanken zu möglichen Auswirkungen.

Es wurde deshalb im Vorfeld der Vertragsverhandlungen mit der Firma Carlsberg der gewünschte Auftritt auf die erwähnten Bestimmungen hin überprüft. Ausschlaggebend für die Zustimmung war, dass das Tram hauptsächlich für die EURO 2008 Werbung macht. Es handelt sich nicht um ein Alkohol-, sondern um ein Fussballtram. Auf dem Tram ist kein Bier, sondern nur das Logo von Carlsberg abgebildet. Den Zusammenhang mit Alkohol erkennt also nur, wer das Carlsberg-Bier schon kennt.

Die Firma Carlsberg ist ein offizieller Sponsor der EURO 2008 und wird während des gesamten Anlasses in vielfältiger Form in der Stadt Zürich präsent sein. Carlsberg weist auf und im Fahrzeug auf sein alkoholfreies Bier hin, welches auch während den Spielen verkauf wird. Im Vordergrund steht bei Carlsberg aber die Zusammenarbeit mit der Schweizer Fussballnationalmannschaft. Die Sitze im Fahrzeug sind im Rot der Nationalmannschaft überzogen, und auf der Rückseite sind die Spielernamen mit der Rückennummer platziert. Zudem findet man auf der Aussenhaut die Nationalspieler Barnetta, Cabanas und  Spycher in voller Aktion.

Die Bestimmungen über Werbung auf öffentlichem Grund sind also mit dem Carlsberg-Tram nicht verletzt. Es ist mir aber bewusst, dass wir sie stark ausreizen und mit diesem Sondertram eine Gratwanderung machen. Die Verkehrsbetriebe stehen unter starkem finanziellem Druck, so dass sie auf Einnahmen aus der Fahrzeugwerbung angewiesen sind. Bei einem nächsten ähnlich gelagerten Fall werden wir aber die Chancen und Risiken für die VBZ noch kritischer gegeneinander abwägen - und möglicherweise anders entscheiden.

Wir hoffen, dass Sie trotz dieses Trams den VBZ nicht untreu werden und weiterhin mit der VBZ Züri-Linie fahren.

Mit freundlichen Grüssen

Andreas Türler
Vorsteher des Departementes
der industriellen Betriebe

 

Kopie an:    Stadtpräsident
                 VBZ


Unsere Replik vom 7.2.08

per Internet-Kontakt  (die offizielle e-mail-Adresse wurde abgewiesen(?))

 

Sehr geehrter Herr Stadtrat Türler,

Besten Dank, dass Sie meinen Brief doch noch und ausführlich beantwortet haben.
Ich kenne die Bestimmungen der VBZ, aber was nützen sie, wenn sie nicht eingehalten und mit grösster Spitzfindigkeit  umgangen werden?

Aus Ihrem Schreiben habe ich einiges lernen können. Ihr dritter Abschnitt allerdings ist für mich eine Lachnummer. So etwas ernsthaft zu schreiben, bedarf wirklich starker Nerven. Nach Ihrer Logik braucht es also keine Werbung mehr für einen Artikel, der bereits bekannt ist. Die Werbebranche würde sich bedanken. Man könnte auch folgern, dass noch niemand Carlsberg-Bier kennt, sonst wäre dies ja unerlaubte Werbung. Von Namens/Markenwerbung haben Sie auch noch nie gehört.
Egal wie fantasiereich Sie das Tram benennen, wenn Carlsberg darauf steht, die Farbe typisch Carlsberg-flaschengrün ist und der Zusatz "non-alcoholic" kaum und in der Distanz, bei fahrendem Tram und auf Fotos nicht lesbar ist, bieten Sie eine tolle Carlsberg-Reklame. Der Werbeeffekt für das alkoholfreie Bier ist klein, für das alkoholhaltige aber gross. Genau das bezweckt Carlsberg und Sie ermöglichen es.

Dass Alkohol und Sport immer noch eine skandalöse Zusammenarbeit pflegen, brauchen Sie nicht hervorzuheben. Traurig ist es, dass sich Spieler dafür hergeben müssen, unserer Jugend als Vorbild in Verbindung mit der fünftgrössten Bierbrauerei der Welt hingestellt zu werden.

Das Carlsberg-Tram nenne  ich unlautere Werbung. Und ich weiss, dass ich damit nicht alleine stehe. Ein Beispiel dafür finden Sie im Anschluss auf meinen diesbezüglichen Leserbrief auf meiner Webseite.

Sie haben nicht auf den Vorschlag reagiert, den Zusatz "non-alcoholic" mindestens so gross zu gestalten wie die Marke Carlsberg. Dann würde es wirklich ein non-alcoholic Tram. Auch wenn es immer noch ein Carlsberg-Tram wäre, würde es die Leute wenigstens zum Nachdenken anregen. Das wäre eine Art Tatbeweis, dass Ihre Beteuerungen ernst gemeint sind.

Heute abend gibt es im Radio DRS 1 eine Doppelpunkt-Sendung zum Thema Jugendalkoholismus. Muss ich wohl betonen, dass wir diesen Albtraum, wenn wir an die Zukunft dieser Jugendlichen denken, zu einem wesentlichen Teil unserer Erwachsenengesellschaft verdanken, die es der Alkoholindustrie und ihrer Lobby ermöglicht, der Jugend ein Umfeld zu bieten, in der Alkohol eine wichtige Rolle spielt. Verhaltensprävention hat deshalb bei der Jugend keinen Erfolg, sie ist unglaubwürdig. Sie und Ihre Firma tragen mit dem Carlsberg-Tram zu diesem Bild bei.

In den USA läuft eine Kampagne gegen Alkoholreklame bei Verkehrsbetrieben. Ich habe auf meiner Webseite darüber berichtet. Das Internet ist global. Es wäre schade, wenn sich Zürich eine Image-Verschlechterung holen würde.

Dass Sie mit "noch" kritischerer Prüfung solcher Projekte auf die Zukunft verweisen, ist ein schwacher Trost. Dass meine Gefühle für die VBZ gelitten haben, wird Sie nicht gross stören, so schlecht geht es ihr bekanntlich nicht.

Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
www.alkoholpolitik.ch

 

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Stand: 30.12.2008