Homepage - Top aktuell 14.05.05

Vom Autor genehmigter Abdruck aus dem Tages-Anzeiger vom 13.5.05

SCHLAGSEITE

Fahren im lombardinischen Zustand

Von Jean-Martin Büttner*

  Man kann sagen, der Mann stehe im Schilf. Beziehungsweise, metaphorisch präziser, es habe ihn aus der Kurve getragen. Denn Filippo Lombardi, der trinkfreudige Autofahrer, nebenamtlich als Ständerat der Tessiner CVP aktiv, hat vor kurzem wieder einen Autounfall gebaut. Im angetrunkenen Zustand. Auch das nicht zum ersten Mal. Jetzt hat er seinen Fahrausweis abgegeben. Das immerhin ist neu. Die letzten fünf Mal tat es die Polizei für ihn, nachdem er zu schnell oder zu wenig nüchtern gefahren war oder beides.

Filippo Lombardi, der Überzeugungsfahrer. Umso bedauerli­cher, dass sich der Tessiner, der sonst so gerne und vor allem so ausführlich redet, derzeit stark zurückhält. Zu gerne hätte man gewusst, was er sich noch alles vorgenommen hat. Welche Promillegrenzen er als Nächstes zu überwinden gedenke. In welchen Pfosten er seinen Wagen als nächsten lenken wolle. Und in welchem Tempo.

  Klar ist nur eines für ihn, der sich derzeit von einer Herzoperation gut erholt: dass er unbedingt im Amt bleiben möchte. Nötigenfalls auch ohne die CVP. Sein jahrelanger Slalomkurs beginnt nämlich selbst die Familienpartei leicht zu enervieren, die sich im Slalomfahren bekanntlich auskennt. So verlangen mehrere Parlamentarier der CVP seinen Rücktritt. Sogar im Tessin sorgt sein Fahrstil für Irritationen.

  Lombardi scheint das nicht zu verstehen, wozu passt, dass er immer nur zugibt, was ihm nachgewiesen werden kann. Man kann gut verstehen, dass er das nicht versteht. Denn Lombardi hat völlig Recht: Lombardi muss bleiben. Statt ihn abzusetzen, müsste man ihn ermutigen. Statt ihn zu kritisieren, müsste man ihn loben. Für seinen Mut. Für seine Konsequenz. Und für seine selbstlose Bereitschaft, den Wählerauftrag bis zur Neige auszufüllen.

  Denn erstens wurde Lombardi von der Tessiner Bevölkerung noch vor anderthalb Jahren klar wieder gewählt, obwohl er schon damals wiederholt rasend, trinkend oder rasend trinkend angetroffen worden war. Also wollen seine Wähler offensichtlich, dass er weiterhin rast, trinkt und bei Bedarf beides verschweigt. Zweitens reiht er sich mit seinen Delikten, zu denen auch der begründete Verdacht auf Urkundenfälschung gehört, in die Tradition grosser Tessiner Staatsmänner ein wie Flavio Maspoli (Wahlfälschung) oder Giuliano Bignasca (Betrug, Urkundenfälschung, Drogenbesitz). Drittens gehört das Saufen im nationalen Parlament zu den hauptsächlichen Nebenbeschäftigungen, ist also gewissermassen berufsbedingt.

  Schliesslich muss sein Fahrverhalten als Bemühen um die regionalen Wirtschaften gewürdigt werden. Auf seine originelle Art protestiert der Tessiner nämlich gegen das Beizensterben auf dem Lande. Ohne Rücksicht auf Verluste solidarisiert er sich mit den Restaurants, denen auf Grund der neuen Promillegrenzen die Kunden ausbleiben. Das Fahren im lombardinischen Zustand ist somit ein Zeichen gegen die Reglementierung und Bevormundung freier Bürger.

  Rechthaber werden einwenden, es mangle dem mäandernden Ständerat an Verantwortungsgefühl, Anstand und Ehrlichkeit. Rechthabern sei gesagt: Mit Kollateralschäden ist zu rechnen, wenn einer so konsequent - wenn auch nicht so gerade - seinen Weg geht.

***

* Der Autor vertritt a!s Interimskolumnist den turnusgemässen Hauptkolumnisten Viktor Giacobbo, der zurzeit wegen Filmaufnahmen unpässlich ist.

 

  Homepage          

 

 

Inhaltsverzeichnis 

Entwicklungen der schweizerischen Alkoholpolitik der letzten Jahre anhand von Leserbriefen

Aktuell

Hinweise für Unterrichtende

Ihre Meinung interressiert uns

Links zu Fachleuten und Institutionen

Internationales

Briefe an ....

Die Lobby-Arbeit der globalen Alkoholindustrie

Veranstaltungen

Parlamentsdebatten

Zitatensammlung

Newsletter

Forschungsergebnisse

Archiv

English Texts      

Dossiers: Suchtmittelwerbung; Alcopops; Absinth; WTO - GATS; Alkoholkonsum Jugendlicher; Alkohol und Verkehr /  Drink Driving; Wein (Alkohol) sei (mässig genossen) gesund; Sport und Alkohol; Strukturelle Prävention; NPA (Nationales Programm Alkohol); botellón

Geschichten

Interventionen

Wir über uns

Projekt-Idee     Project in English


Herausgeber/Editor:

Hermann T. Meyer, Projekte und Dienstleistungen, Lindenstr. 32, CH-8307 Effretikon, Switzerland, 
Tel. +41 (0)52 343 58 75, Fax: +41 (0)52 343 59 29    e-mail

Copyright © 2001-2008: Hermann T. Meyer. Alle Rechte vorbehalten. Unsere eigenen Texte dürfen gerne unter Quellenangabe übernommen und weiterverbreitet werden. Fremde Texte entsprechen nicht unbedingt unserer eigenen Auffassung.

All rights reserved. Our own texts may be copied and distributed with stating the source. Texts from other sources do not necessarily represent our views.

Stand: 30.12.2008