Von
Jean-Martin Büttner*
Man kann sagen, der Mann stehe im Schilf. Beziehungsweise, metaphorisch präziser,
es habe ihn aus der Kurve getragen. Denn Filippo Lombardi, der trinkfreudige
Autofahrer, nebenamtlich als Ständerat der Tessiner CVP aktiv, hat vor kurzem
wieder einen Autounfall gebaut. Im angetrunkenen Zustand. Auch das nicht zum
ersten Mal. Jetzt hat er seinen Fahrausweis abgegeben. Das immerhin ist neu.
Die letzten fünf Mal tat es die Polizei für ihn, nachdem er zu schnell oder
zu wenig nüchtern gefahren war oder beides.
Filippo
Lombardi, der Überzeugungsfahrer. Umso bedauerlicher, dass sich der
Tessiner, der sonst so gerne und vor allem so ausführlich
redet, derzeit stark zurückhält. Zu gerne hätte man gewusst, was er sich
noch alles vorgenommen hat. Welche Promillegrenzen er als Nächstes zu überwinden
gedenke. In welchen Pfosten er seinen Wagen als nächsten lenken wolle. Und in
welchem Tempo.
Klar ist nur eines für ihn, der
sich derzeit von einer Herzoperation gut erholt: dass er unbedingt im Amt
bleiben möchte. Nötigenfalls auch ohne die CVP. Sein jahrelanger Slalomkurs
beginnt nämlich selbst die Familienpartei leicht zu enervieren, die sich im
Slalomfahren bekanntlich auskennt. So verlangen mehrere Parlamentarier der CVP
seinen Rücktritt. Sogar im Tessin sorgt sein Fahrstil für Irritationen.
Lombardi scheint das nicht zu
verstehen, wozu passt, dass er immer nur zugibt, was ihm nachgewiesen werden
kann. Man kann gut verstehen, dass er das nicht versteht. Denn Lombardi hat völlig
Recht: Lombardi muss bleiben. Statt ihn abzusetzen, müsste man ihn ermutigen.
Statt ihn zu kritisieren, müsste man ihn loben. Für seinen Mut. Für seine
Konsequenz. Und für seine selbstlose Bereitschaft, den Wählerauftrag bis zur
Neige auszufüllen.
Denn erstens wurde Lombardi von
der Tessiner Bevölkerung noch vor anderthalb Jahren klar wieder gewählt,
obwohl er schon damals wiederholt rasend, trinkend oder rasend trinkend
angetroffen worden war. Also wollen seine Wähler offensichtlich, dass er
weiterhin rast, trinkt und bei Bedarf beides
verschweigt. Zweitens reiht er sich mit seinen Delikten, zu denen auch der
begründete Verdacht auf Urkundenfälschung gehört, in die Tradition grosser
Tessiner Staatsmänner ein wie Flavio Maspoli (Wahlfälschung) oder Giuliano
Bignasca (Betrug, Urkundenfälschung,
Drogenbesitz). Drittens gehört das Saufen im nationalen Parlament zu den
hauptsächlichen Nebenbeschäftigungen, ist also gewissermassen berufsbedingt.
Schliesslich muss sein Fahrverhalten als Bemühen um
die regionalen Wirtschaften gewürdigt werden. Auf seine originelle Art
protestiert der Tessiner nämlich gegen das Beizensterben auf dem Lande. Ohne
Rücksicht auf Verluste solidarisiert er sich mit den Restaurants,
denen auf Grund der neuen Promillegrenzen die Kunden ausbleiben. Das Fahren im
lombardinischen Zustand ist somit ein Zeichen gegen die Reglementierung und
Bevormundung freier Bürger.
Rechthaber werden einwenden, es
mangle dem mäandernden Ständerat an Verantwortungsgefühl, Anstand und
Ehrlichkeit. Rechthabern sei gesagt: Mit Kollateralschäden
ist zu rechnen, wenn einer so konsequent - wenn auch nicht so gerade - seinen
Weg geht.
***
* Der Autor vertritt a!s Interimskolumnist den
turnusgemässen Hauptkolumnisten Viktor Giacobbo, der zurzeit wegen
Filmaufnahmen unpässlich ist.