Hinweise für den Unterricht

25.11.2008

Rezension zu "Flaschenpost nach irgendwo"

Kinder, Eltern und Flaschen

In Deutschland leben über 2,5 Millionen Kinder in Familien, in denen Vater, Mutter oder gar beide Eltern zuviel Alkohol trinken. Hilfen für diese Kinder gibt es kaum und die Fachöffentlichkeit in der Suchtarbeit nimmt sie erst seit rund 20 Jahren bewusst wahr. Entsprechend wenig Literatur ist vorhanden, praktisch gar keine, die sich unmittelbar an Kinder wendet.

Beim Mabuse-Verlag ist soeben das "erste illustrierte Kinderfachbuch" für Kinder suchtkranker Eltern erschienen, das die Geschichte des zehnjährigen Mark und seiner älteren Schwester Julia in Bildern erzählt. In ihnen werden die Stimmungsschwankungen des alkoholkranken Vaters, die Hilflosigkeit der Mutter und vor allem die Gefühle der Kinder in großflächigen, schlichten Illustrationen anschaulich beschrieben. Marks Selbstzweifel, womöglich für den Zustand des Vaters verantwortlich zu sein – ein typisches Gefühl für Kinder, die die Alkoholkrankheit noch nicht verstehen können – kommen zur Sprache. Auch die Enttäuschung über nicht eingehaltene Versprechen, Wut über Schläge und die Scham vor den Freunden, die den betrunkenen Vater erlebt haben, fehlen nicht. Die Bildergeschichte endet damit, dass der Vater auszieht, nachdem sich die Mutter zum ersten Mal schützend vor ihre Kinder gestellt und dem Vater ihre Entscheidung mitgeteilt hat: "Solange dir der Alkohol wichtiger ist als wir, werden wir nicht mehr zusammenleben!"

Doch damit ist das Buch noch längst nicht am Ende. Im Ratgeberteil für Kinder wird die Geschichte nach dem Auszug von Marks Vater weiter erzählt, wobei seine Alkoholkrankheit kindergerecht erklärt wird, und auch wozu eben diese Krankheit im Zusammenleben einer Familie führen kann. Auch die Hilfen, die es sowohl für den Vater als auch für die übrigen Familienmitglieder in dieser Situation gibt, werden beschrieben, wobei auch immer gleich entsprechende Adressen, Telefonnummern und Webseiten angeboten werden. Dadurch können die LeserInnen leicht selbst an Hilfe gelangen, wie z.B. im Internet durch kidkit.de oder kopfhoch.ch. Und es wird ihnen auch deutlich erklärt, dass sie keine Schuld daran tragen, wenn Vater oder Mutter alkoholkrank werden. Auch dass sie die Alkoholabhängigkeit der Eltern nicht beenden können – weder durch Wohlverhalten noch durch Renitenz – kommt darin zum Ausdruck.

Die in der Fachliteratur von Black, Woititz und anderen beschriebenen "Rollen", die Kinder in Suchtfamilien einnehmen können, wie z.B. den Clown, der gespannte Situationen durch Späße löst, oder die Verantwortungsbewusste, die die Hausarbeit der Eltern verrichtet und ihre jüngeren Geschwister betreut, tauchen in der Geschichte in einer Kindergruppe auf, die Mark kennen lernt und regelmäßig besucht. Welche Aufgaben diese Rollen in der Familie erfüllen und wie die Kinder lernen können, sich von ihnen zu befreien und ihr eigenes Leben wieder in den Mittelpunkt zu stellen, ist sicher mit der wichtigste Beitrag in diesem Kapitel.

Der dritte Teil des Buches schließlich wendet sich direkt an die Eltern oder andere Bezugspersonen und vermittelt Grundwissen über Entstehung und Verlauf von Abhängigkeit und Sucht, wie abhängige und nichtabhängige Elternteile miteinander häufig interagieren, wo sich die Kinder in diesem Beziehungssystem befinden und welche Hilfen sie dadurch benötigen.

Bei 9,5 Mio. Menschen in Deutschland, die mehr Alkohol trinken als ihnen guttut, kennt wohl jeder in seinem Bekannten- und Verwandtenkreis jemanden, auf den genau dies zutrifft. Sind auch Kinder davon berührt, ist es erste Pflicht sich dieses Buch zu besorgen und es mit ihnen gemeinsam zu lesen. Dadurch erfahren die Kinder zweierlei, zum einen, dass sie mit ihrer Geschichte nicht allein sind, und zum anderen, dass sie endlich einen möglichen Verbündeten auf der Suche nach Hilfe gefunden haben. Womit wir wieder bei der Flaschenpost wären, die der kleine Mark genau zu diesem Zweck auf die Reise schickte und welche dem Buch den Titel verlieh.

Schirin Homeier & Andreas Schrapp:
Flaschenpost nach irgendwo.
Ein Kinderfachbuch für Kinder suchtkranker Eltern.
Frankfurt: Mabuse 2009.
141 Seiten. 22,90 Euro.
ISBN 978-3-940529-17-6

Bestellmöglichkeit im Internet:
http://www.neuland.com/index.php?s=buc&s2=tit&bnr=112038

Rezension von Frank Lindemann
Der Autor ist Herausgeber des Buches "Den Suchtkreislauf durchbrechen" sowie Initiator der Kampagne Weiße Weihnacht (www.weisse-weihnacht.info)
 

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Stand: 23.12.2008