
Forschungsergebnisse
Quelle:
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Deutsches Ärzteblatt 98, Ausgabe
42 vom 19.10.2001, Seite A-2716 / B-2311 / C-2175
MEDIZIN
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Verfasser
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Hein, Jakob; Lobbedey, Lars; Neumärker,
Klaus-Jürgen
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Thema:
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Absinth – Neue Mode, alte Probleme
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Autorisierte Übernahme (Mit bestem Dank an Verlag und Autoren)
Zusammenfassung
Das Syndrom des chronischen Absinthmissbrauchs ist
aus historischen Beschreibungen bekannt.
Gastrointestinale Probleme, visuelle und
auditorische Halluzinationen, epileptiforme Anfälle
und psychotische Erkrankungen wurden darauf zurückgeführt.
Absinth war in Deutschland 75 Jahre lang verboten.
Seit 1998 ist er wieder zugelassen und entwickelt
sich zum Modegetränk, das über das Internet und
in Bars erhältlich ist. Aktuell steht die Einführung
einer Vielzahl von als „Absinth“ deklarierten
Getränken in Deutschland bevor. Neuere Veröffentlichungen
weisen auf eine neuro-, nephro- und gastrotoxische
Wirksamkeit des im Absinth enthaltenen Thujons
hin. Mit der Renaissance des Absinths in
Deutschland sind daher künftig auch
gesellschaftliche und gesundheitspolitische
Probleme zu erwarten.
Schlüsselwörter: Absinth, Thujon, Neurotoxizität,
Intoxikation, Porphyrie
Summary
Absinthe – New Fashion, Old Problems
The syndrome of chronic absinthe abuse is
well-known from historical descriptions.
Gastrointestinal problems, visual and auditory
hallucinations, epileptiforme convulsions, and
psychotic illnesses are some of its symptoms.
Absinthe has been prohibited in Germany for the
past 75 years, but is now licensed again since
1998. It is currently developing into a
fashionable drink, available in bars or over the
internet. A number of new “absinthes” will
soon be introduced to the German market.
Absinthe characteristically contains thujone, a
substance shown to be neuro-, nephro-, and
gastrotoxic described even in recent publications.
The renaissance of absinthe thus constitutes a
significant matter of public health.
Key words: absinthe, thujone, neurotoxicity,
intoxication, porphyria
Nach dem ersten Glas siehst Du die Dinge wie Du wünscht,
dass sie wären. Nach dem zweiten, siehst Du die
Dinge, wie sie nicht sind. Zum Schluss siehst Du
die Dinge, wie sie wirklich sind, und dies ist das
schrecklichste auf der Welt.“ So beschreibt der
Dichter Oscar Wilde die ihm bekannte Wirkung des
Absinth. Auch andere Künstler dieser Zeit waren
Absinthtrinker, darunter herausragende Persönlichkeiten
wie Picasso, Toulouse-Lautrec, Gauguin,
Baudelaire, Rimbaud und Hemingway.
Absinth erlebt zurzeit eine Renaissance. Aufgrund
veränderter gesetzlicher Bestimmungen ist der
Verkauf dieses Getränks nach nahezu 80 Jahren des
Verbots nunmehr in Deutschland zugelassen. Eine
wichtige Rolle spielt auch das Internet. Hier kann
man sich Absinth bestellen und gezielte Hinweise
zu dessen psychoaktiven Substanzen erhalten.
Trotz des historisch bekannten Krankheitsbildes
bei Absinthmissbrauch, steht die moderne Medizin
dem Problem weitgehend ratlos gegenüber. Über
die Auswirkungen des Konsums dieses Getränks gibt
es wenig moderne Forschungsergebnisse, und es
gibt, außer für Äthanol, kein Nachweisverfahren
für dessen neurotoxischen Inhaltsstoffe. Die Rückkehr
des Absinths ist in Fachkreisen noch weitgehend
unbekannt, selbst die Vergiftungszentralen sind
nicht ausreichend auf die damit einhergehende
Problematik vorbereitet. Eine Stichwortsuche in
der Datenbank medizinisch-wissenschaftlicher Veröffentlichungen
„medline“ der Jahre 1966 bis 2000 wies 27 Veröffentlichungen
zum englischen Stichwort „absinthe“ aus. Eine
Internetsuche zum gleichen Stichwort ergab 26 808
relevante Treffer. Da die Wiedereinführung des
Absinths in Deutschland einen gesellschaftlich und
gesundheitspolitisch nicht zu unterschätzenden
Risikofaktor darstellt, ist es aus medizinischer
Sicht wichtig, alles für die Verringerung dieses
Informationsungleichgewichts zu tun.
„Die grüne Fee“
Absinth ist ein alkoholisches Getränk, dessen
Rezeptur im Wesentlichen durch alkoholische Auszüge
aus Anis, Fenchel, Zitronenmelisse und Wermut geprägt
ist. Die spezifische neurotoxische Wirkung des
Getränks scheint vor allem auf seinen Gehalt an
Thujon zurückzuführen zu sein, einem
Inhaltsstoff aus den ätherischen Ölen der
Wermutpflanze (Artemisia absinthum). Thujon kommt
ebenfalls in Beifuß, Salbei, Rainfarn und dem
Lebensbaum vor.
Absinth ist im Ausgangszustand aufgrund seines
Chlorophyllgehalts smaragdgrün, was ihm den
Beinamen „Die grüne Fee“, eingebracht hat.
Wegen seines hohen Gehalts an pflanzlichen
Bitterstoffen wird er zum Trinken in der Regel mit
kaltem Wasser verdünnt. Dadurch werden die ätherischen
Öle ausgefällt, und die entstandene kolloidale Lösung
ergibt ein milchig-weißes Getränk.
In dem nach der Pflanze selbst benannten
Wermutwein finden sich keine bedeutsamen
Thujonkonzentrationen, da dieser im Gegensatz zum
Absinth mit wässrigen Auszügen der Wermutpflanze
versetzt wird, Thujon jedoch nicht wasserlöslich
ist.
Historischer Aufstieg
Bereits Plinius d. Ä. (23 bis 79 n. Chr.)
beschreibt den Beifuß als neutralisierendes Agens
bei Opiatvergiftungen, was aufgrund der
zentralnervösen Effekte des Thujons im Sinne der
kompetitiven Hemmung nachvollziehbar erscheint.
Ebenso waren eine anthelminthische und eine
uterusstimulierende Wirkung thujonhaltiger
Pflanzen bekannt. Bei Missbrauch größerer Mengen
Salbei zu Abtreibungszwecken wurden
Vergiftungserscheinungen beschrieben, die vor
allem auf eine Thujonintoxikation zurückzuführen
sein dürften (1).
Die „Blütezeit“ des Absinths wurde 1769
eingeleitet, als die Schwestern Henriod in einer
Zeitungsannonce im Schweizerischen Neuchatel für
einen „Bon Extrait d’Absinthe“ warben. Kurz
vor der Jahrhundertwende kaufte Henri Dubied den
Schwestern das Geheimrezept ab und errichtete mit
seinem Schwiegersohn Henri-Louis Pernod eine
Spirituosenfabrik im französischen Pontarlier,
nahe der Schweizer Grenze, die 1805 ihre
Produktion aufnahm. Zunächst wurde jedoch nur 400
Liter Absinth
jährlich produziert. Der kommerzielle Durchbruch
kam mit dem französischen Algerienfeldzug. Den
französischen Truppen stand eine Absinthration
zu.
Ob diese Maßnahme wegen der anthelminthischen
Wirksamkeit oder allein zur Steigerung der
Kampfmoral durchgesetzt wurde, ist nicht bekannt.
Jedenfalls konnte Pernod seine Absinthproduktion
zur Mitte des Jahrhunderts auf 20 000 Liter
steigern, und allein in Pontarlier entstanden 20
weitere Destillerien (5).
Absinth fand in der Folgezeit eine weltweite
Verbreitung, besonders in den aufblühenden Großstädten.
Da französische Soldaten dazu erheblich
beitrugen, betraf dies vor allem französische
Kolonien wie Indochina und Tahiti oder frankophile
Städte wie Prag und New Orleans. Der Schwerpunkt
des Absinthkonsums lag jedoch eindeutig in
Frankreich. Zur Mittagsstunde wurde die „heure
verte“, eine dem Absinth gewidmete „Grüne
Stunde“, zelebriert. Zwischen 11 und 13 Uhr saßen
die Pariser in den Straßencafés und tranken mit
kleinen Schlucken die „Grüne Fee“ (Abbildung
1). Doch oftmals blieb es nicht bei einem Glas.
Zum Ende des Jahrhunderts konnte Pernod die
Absinthproduktion auf circa 100 000 Liter
steigern. Die Destillerien setzten immer weniger
Branntwein zur Herstellung des Getränks ein; sie
griffen vielmehr auf den billigeren
Industriealkohol zurück. Dadurch wurde Absinth für
alle Schichten erschwinglich. Im Zusammenhang mit
wiederholt schlechten Weinernten kam es so zu
einem nochmaligen Anstieg der Produktion am Anfang
des 20. Jahrhunderts.
Historischer Niedergang
Infolge des massenhaften Konsums traten zunehmend
auch die damit verbundenen medizinischen Probleme
in den Blickpunkt. Das Syndrom des chronischen
Missbrauchs, oder „Absinthismus“, wurde in
Abgrenzung vom Alkoholismus beschrieben.
Gastrointestinale Probleme, visuelle und
auditorische Halluzinationen, epileptiforme Anfälle,
Hirnschäden und ein erhöhtes Risiko für
psychiatrische Erkrankungen sowie Selbstmord
wurden mit chronischem Absinthgebrauch in
Verbindung gebracht (5). Da Wein in Frankreich
nicht als alkoholisches Getränk galt, wurden die
Wirkungen des Äthanols jedoch noch wenig von den
spezifischen Effekten des Absinths differenziert.
Auch Tuberkulose, Syphilis, Kriminalität und der
Verfall der Moral wurden auf Absinthismus zurückgeführt,
was aus heutiger Sicht eher als Sekundärproblematik
der Sucht zu verstehen ist.
Im damaligen Geist des Prohibitionismus wurden
Gesetze gegen den Absinth beschlossen (Belgien
1905, Schweiz 1907, USA 1912, Italien 1913) (5).
Andere Länder, in denen das Getränk nie in großen
Mengen konsumiert wurde, verabschiedeten solche
speziellen Gesetze nicht (Großbritannien,
Tschechien, Spanien).
Wegen der hohen Steuereinnahmen aus dem
Absinthverkauf konnten sich die Absinthgegner in
Frankreich lange Zeit nicht durchsetzen. Im
Vorfeld des Ersten Weltkriegs drängte jedoch die
militärische Führung auf ein Verbot, da sie die
Verteidigungskraft Frankreichs in Gefahr sah.
Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurde von der
Regierung ein solches Verbot ausgesprochen. Am 1.
März 1915 trat in Frankreich ein Gesetz in Kraft,
welches die Herstellung und den Verkauf von
Absinth untersagte. Damit wurde die Hochkonjunktur
eines Getränks durch die gleiche Macht beendet,
die den Boom ausgelöst hatte: das französische
Militär.
Pernod entfernte die Wermutpflanze aus der
Rezeptur und brachte den noch heute bekannten „Pastis“
auf den Markt. Da dieses Getränk jedoch nicht die
gleiche Wirkung hatte, konnte es nie die Popularität
des Absinth erreichen (12).
Situation in Deutschland
Der Absinthkonsum spielte in Deutschland nie eine
große Rolle. Dennoch wurde es mit In-Kraft-Treten
des „Gesetzes über den Verkehr mit Absinth“ (AbsinthG)
vom 27. April 1923 in Deutschland verboten, „den
als Absinth bekannten Trinkbranntwein, ihm ähnliche
Erzeugnisse oder die zur Herstellung solcher Getränke
dienenden Grundstoffe einzuführen, herzustellen,
zum Verkaufe vorrätig zu halten, anzukündigen,
zu verkaufen oder sonst in den Verkehr zu bringen
(...)“ Ferner wurde untersagt, „Wermutöl oder
Thujon (Tanaceton) bei der Herstellung von
Trinkbranntwein (...) zu verwenden (....)“
(Abbildung 2). Dieses Verbot erstreckte sich sogar
auf die Erstellung einer Rezeptur.
Das AbsinthG trat Ende 1981 außer Kraft, die
Rechtslage blieb aber beinahe unverändert, da die
Aromenverordnung (AromenV) vom 2. April 1985 die
Verwendung von Wermutöl und Thujon weiterhin
untersagte. Eine grundlegende Änderung wurde erst
mit In-Kraft-Treten der „Verordnung zur Änderung
der AromenV und anderer lebensmittelrechtlicher
Verordnungen“ vom 29. Oktober 1991 rechtsgültig.
Diese Verordnung stellt die Umsetzung von
EU-Richtlinien zur Angleichung europäischer
Rechtsvorschriften dar. Die Verwendung
thujonhaltiger Pflanzen und Pflanzenteile
(Wermutkraut, Beifuß) sowie von Aromaextrakten
aus solchen Pflanzen ist nunmehr gestattet. Obwohl
das Verwendungsverbot von Thujon offiziell
erhalten blieb, sind tatsächlich die Grenzwerte für
Thujon in der fertigen Spirituose maßgeblich: 5
mg/l bei bis zu 25 Volumenprozent Alkohol, 10 mg/l
bei darüber liegendem Alkoholgehalt und 35 mg/l
in Bitterspirituosen. Die Grundannahme dieser
Richtlinien ist, dass durch den Alkoholgehalt
beziehungsweise die Bitterstoffe, keine größeren
Mengen Thujon durch einen Menschen aufgenommen
werden können.
Mit dem Wegfall der europäischen Handelsgrenzen
begann so der Wiederaufstieg des Absinths. Anfangs
wurde er in den Ländern hergestellt, in denen die
Absinthproduktion nie untersagt war. Hier sind
besonders Großbritannien und Tschechien zu
nennen. Aus diesen Ländern wurde der Absinth
importiert. Aktuell steht in Deutschland die
Markteinführung einer Vielzahl von als
„Absinth“ deklarierten Getränken bevor. Dabei
wird vor allem die „halluzinogene Kraft“ der
„psychoaktiven Substanzen“ beworben (10).
Absinth entwickelt sich zunehmend zum „Mode-“
und „Szenegetränk“ (3), das über das
Internet und in Bars der Großstädte erhältlich
ist. Der Spiegel spricht von der „Rückkehr der
Grünen Fee“ (7), in der Tagespresse und
gastronomischen Fachzeitschrifen wird auf das neue
Modegetränk und seine zunehmende Verbreitung
hingewiesen (8, 11). Allein der Markführer
Lohmann-Spirituosen vertreibt das Getränk an mehr
als 200 Fachgeschäfte . Die Thujonkonzentration
im Absinth ist dabei sehr unterschiedlich. Über
die Deklaration als „Bitterspirituose“ wird
teilweise gezielt versucht, die zulässige Thujonhöchstgrenze
auszuschöpfen. Bei einigen der Produkte war bei
einer lebensmittelchemischen Analyse kein Thujon
nachweisbar, bei anderen lag der Thujongehalt bei
53,2 mg/l, also 50 Prozent über der zulässigen Höchstgrenze.
Interessant ist auch die Art des Konsums. Im
Gegensatz zum historisch bekannten langsamen
Trinken des verdünnten Absinths hat sich nun eine
andere Methode verbreitet: Ein Löffel mit Zucker
wird in den Absinth getaucht und über dem Glas
angezündet. Der Alkohol verbrennt, und der Zucker
tropft ins Glas. Wenn die Flamme verlischt, wird
der restliche Zucker ins Glas gerührt und der
Absinth schnell ausgetrunken. Inwieweit sich die
Thujonkonzentration im Vergleich zum Äthanol
durch diese Methode verändert, wird gerade durch
die Arbeitsgruppe des Autors untersucht.
Vermutlich kann auf diese Weise wesentlich mehr
Thujon aufgenommen werden.
Thujon – eine toxische Substanz
Es besteht allgemein Übereinstimmung, dass es
sich beim Inhaltsstoff Thujon um die Substanz
handelt, die eine qualitative Unterscheidung des
Absinths von anderen alkoholischen Getränken
notwendig macht. Thujon ist ein bizyklisches
Monoterpen aus der Reihe der Thujanderivate. Es
wurde von Otto Wallach als Bestandteil des Thujaöls
aus dem Lebensbaum (Thuja occidentale) entdeckt.
Seine chemische Struktur wurde 1900 erstmals von
Friedrich Wilhelm Semmler aus Greifswald korrekt
beschrieben (2).
Die historischen Beschreibungen der Wirkungen von
Thujon erfüllen oft nicht moderne
wissenschaftliche Kriterien. Neuere Erkenntnisse
liegen unter anderem zur Neurotoxizität und
Nephrotoxizität von Thujon vor.
Neurotoxizität
Ratten, die chronisch mit Thujon behandelt wurden,
zeigten eine erhöhte Spontanaktivität in ihrer
Tagesrhythmik (14). Die Injektion von Thujon in höheren
Dosierungen löst in Versuchstieren Krampfanfälle
aus, die erst tonischen und dann klonischen
Charakter haben. Die Wahrscheinlichkeit für
solche Krampfanfälle steigt noch in Verbindung
mit der Gabe von Nikotin (1). Diese
experimentellen Beobachtungen stimmen mit den
historisch beschriebenen Epilepsien der „Absinthisten“
überein.
Ähnlichkeiten bestehen in der molekularen
Struktur von Thujon und Tetrahydrocannabinol
(THC), dem Hauptwirkstoff der Cannabispflanze (6).
Thujon bindet an den Cannaboidrezeptor des
Gehirns. Eine biologische Wirksamkeit an diesem
Rezeptor konnte experimentell nicht nachgewiesen
werden. Da es jedoch viele Hinweise auf eine
spezifische Wirkung des Thujons auf das Gehirn und
ein eigenständiges Suchtpotenzial dieses Stoffes
gibt (1, 12), muss davon ausgegangen werden, dass
es sich hier um eine neurotoxisch wirksame
Substanz handelt, möglicherweise mit einer
spezifischen Wirksamkeit.
Nephrotoxizität
Thujon und andere Terpene erhöhen die
Porphyrinproduktion der Leberzellen. Sie stellen
damit Risikosubstanzen für Patienten mit einer
fehlerhaften Hämsynthese dar (4). Hierbei ist
besonders die akute intermittierende Porphyrie zu
nennen, eine autosomal dominant vererbte
Krankheit, die potenziell lebensbedrohlich ist. Während
einer akuten Episode kommt es zu einem Anstieg von
Porphyrinen im Körper mit so unterschiedlichen
klinischen Manifestationen wie akuten
Abdominalschmerzen, zerebralen Krampfanfällen,
Extremitätenschmerzen oder Tachykardie. Die
Differenzialdiagnose ist daher schwierig. Der
Nachweis gelingt durch die Bestimmung abnorm hoher
Porphobilinogen- und Aminolavulinsäurekonzentrationen
im 24-Stunden-Urin (13).
Weisbord und Kollegen beschreiben den Fall eines
sonst gesunden 31-jährigen Patienten. Dieser
hatte im Internet über die Wirkung von Thujon
erfahren, sich online Wermutöl bestellt und etwa
zehn ml unverdünnt eingenommen. Es kam zu einer
akuten Rhabdomyolyse mit Nierenversagen, und der
Patient wurde intensivpflichtig. Durch den Einsatz
maximaler Ressourcen des Gesundheitswesens konnte
sein Zustand erfolgreich behandelt werden (15).
Vincent van Gogh: eine Kasuistik des Absinthismus
Wilfred Arnold hat sich intensiv mit dem Leben und
der Krankheit von Vincent van Gogh beschäftigt
(2). Sein Fall bietet unabhängig von seinem künstlerischen
Schaffen einen wichtigen Einblick in die
Vielschichtigkeit der Problematik eines
Absinthmissbrauchs.
Van Gogh war abhängiger Absinthtrinker. Häufig
erwähnte er den Absinthkonsum in seinen Briefen
und setzte sich in Gemälden damit auseinander.
Wohl dokumentiert ist seine lange
Krankheitsgeschichte, die im dritten
Lebensjahrzehnt begann. Van Gogh hatte
psychopathologische Symptome wie auditorische und
visuelle Halluzinationen, Stimmungsschwankungen
und Bewusstseinsstörungen. Weniger bekannt sind
seine häufigen gastrointestinalen Beschwerden wie
Bauchschmerzen und hochgradige Verstopfung. Die
akute Symptomatik setzte häufig nach Phasen übermäßiger
Arbeit, starkem Absinthkonsum und mangelhafter Ernährung
ein. Eine Krankenhausbehandlung mit
Absinthabstinenz und verbesserter Ernährung
brachte meist eine rasche Besserung. Aus seinen
letzten zwei Lebensjahren wird berichtet, dass van
Gogh Kampferöl und Terpentin konsumierte. Dies
wurde als ein Zeichen des geistigen Verfalls
interpretiert. Bedeutsam ist jedoch, dass beide
Substanzen Pinen enthalten, ein mit dem Thujon
chemisch eng verwandtes Terpen. Am 27. Juli 1890
schoss van Gogh auf sich selbst und verstarb an
den Verletzungsfolgen in den frühen Morgenstunden
des 29. Juli, im Alter von 37 Jahren (1).
Muss sich Geschichte wiederholen?
Es wird diskutiert, dass eine durch Absinthkonsum
ausgelöste akute intermittierende Porphyrie die
Hauptursache für van Goghs Symptomatik sein könnte.
Dafür spricht auch seine Familienanamnese. Belegt
ist zudem eine psychotische Störung des Malers,
wobei die kausalen Zusammenhänge des
Krankheitsbildes wohl nie endgültig geklärt
werden können (9). Von größerer Bedeutung
scheint jedoch das Zusammenspiel der verschiedenen
Risikofaktoren zu sein. Die Rolle des Äthanolmissbrauchs
und seiner Folgen ist mittlerweile bekannt. Eine
Eiweißmangelernährung, nicht selten die Folge
des Alkoholismus, ist ebenso wie Stress ein
Risikofaktor der akuten intermittierenden
Porphyrie, die nachweislich durch Thujongabe
ausgelöst werden kann. Sowohl die Porphyrie als
auch eine Thujonintoxikation können eine
neuropsychiatrische Symptomatik auslösen. Dabei
sind vor allem exogene Psychosen und Krampfanfälle
zu nennen. Die Krampfbereitschaft wird durch
Nikotinkonsum noch erhöht. Die Auswirkungen des
Alkohols auf das Nervensystem werden also verstärkt.
So entsteht ein komplexes, sich wechselseitig
verstärkendes Netz gesundheitsgefährdender
Faktoren für den Absinthtrinker (Grafik). Dies
gilt in besonderem Maße, wenn eine defekte Hämsynthese
vorliegt, die ohne die Exposition von
Risikofaktoren häufig latent verläuft.
Gleichsinnig wirkende toxische Substanzen addieren
bei gleichzeitiger Einnahme ihre Wirkungen
gegenseitig nicht nur, sondern potenzieren sie.
Müssen wir uns darauf vorbereiten, dass in
Zukunft vermehrt Fälle akuten Nierenversagens und
akuter intermittierender Porphyrie nach
Absinthkonsum auftreten werden? Können wir
Forschungsarbeiten zum „Van-Gogh-Syndrom“
erwarten? Sollen wir uns langfristig auf die
besonderen gesundheitlichen Probleme chronischer
Absinthisten einstellen? Welches sind die nächsten
Modedrogen, die über das Internet entdeckt, und
durch Gesetzeslücken hindurch auf unseren Markt
drängen werden?
zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 2716–2724 [Heft 42]
Literatur
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thujone connection. JAMA 1988; 260: 3042–3044.
2. Arnold WN: Vincent van Gogh: Chemicals,
crisis and creativity. Boston, Basel, Berlin:
Birkhäuser Verlag 1992.
3. Bolz A: Schlauer, schöner, stärker.
Frankfurter Rundschau 31. 12. 1999.
4. Bonkovsky HL, Cable EE, Cable JW et al.:
Porphyrogenic properties of the terpenes camphor,
pinene, and thujone (With a note on historic
implications for absinthe and the illness of
Vincent van Gogh). Biochem Pharm 1992; 43:
2359–2368.
5. Conrad B: Absinthe: History in a bottle.
San Francisco: Chronicle Books 1988.
6. del Castillo J, Anderson M, Rubottom GM:
Marijuana, absinthe and the central nervous
system. Nature 1974; 253: 365–366.
7. Die Rückkehr der Grünen Fee. Der
Spiegel 1. 1. 2001; 1: 114.
8. Kultgetränk mit bewegter Geschichte.
Allgemeine Hotel & Gastgewerbe 23. 9. 2000,
39: 13.
9. Leonhard K: Van Gogh vor und in seiner
Angst-Glücks-Psychose. In: Bedeutende Persönlichkeiten
in ihren psychischen Krankheiten. Berlin: Ullstein
Mosby 1992; 35–64.
10. Licha M: 2000; http://www.absintheon.de.
11. Martin T: Die Aufhebung des Absinthverbots in
der Weinmeisterstraße. FAZ 3. 6. 2000.
12. Meschler JP, Howlett AC: Thujone exhibits low
affinity for cannabinoid receptors but fails to
evoke cannabimetic responses. Pharm Biochem Behav
1998; 62: 473–480.
13. Petrides P: Die akute intermittierende
Porphyrie. Dt Ärztebl 1997; 94: A-3407–3412
[Heft 50].
14. Pinto-Scognamiglio W: Effetti del tujone
sull'attivita' spontanea e sul comportamento
condizionato dell ratto. Boll Chim Farm 1968; 107:
780–791.
15. Weisbord SD, Soule JB, Kimmel PL: Poison on
line – acute renal failure caused by oil of
wormwood purchased through the internet. N Eng J
Med 1997; 337: 825–827.
Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Jakob Hein
Universitätsklinik für Psychiatrie und
Psychotherapie
des Kindes- und Jugendalters
Charité, Campus Mitte
Schumannstraße 20/21, 10117 Berlin
E-Mail: jakob.hein@charite.de
1 Universitätsklinik für Psychiatrie und
Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
(Direktor: Prof. Dr. med. Klaus-Jürgen Neumärker)
der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität
zu Berlin, Charité, Campus Mitte
2 Versuchs- und Lehranstalt für
Spiritusfabrikation und Fermentationstechnologie
am Institut für Gärungsgewerbe und
Biotechnologie
Abbildung 1: „Die grüne Muse“ von Albert
Maignan aus dem Jahr 1895
Medizinisch relevante Interaktionen des
Absinthkonsums
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© Deutscher
Ärzte-Verlag
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Gekürzte und bearbeitete Version aus "GUTTEMPLER" 4/01




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