Forschungsergebnisse / Research results

23.05.2006  (forsc127.htm)

Source/Quelle

SFA Schweiz. Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme, Lausanne

Authors/Verfasser:

Gerhard Gmel, Emmanuel Kuntsche, SFA

Theme/Thema:

Alkohol-Intoxikationen Jugendlicher und junger Erwachsener. Eine Sekundäranalyse der Daten Schweizer Spitäler


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zu SFA Pressemitteilung, 23.5.06

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zu Forschungsbericht pdf, 42 S.  


Jugendliches Rauschtrinken endet zu häufig im Spital
Pressemitteilung


Neue Studie der SFA zu Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen

In der Schweiz werden jeden Tag drei bis vier Jugendliche wegen Alkoholvergiftung oder Alkoholabhängigkeit im Spital behandelt, wobei die grosse Mehrheit der Diagnosen auf Alkoholvergiftung lautet. Dies ist das Ergebnis einer neuen Studie der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Die Studie macht deutlich, wie schwerwiegend die Folgen des Rauschtrinkens bei Jugendlichen sein können.

Täglich endet für drei bis vier Jugendliche der Alkoholmissbrauch im Krankenhaus. Im Untersuchungsjahr (2003) wurden in der Schweiz rund 1300 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 10 und 23 Jahren wegen Alkoholvergiftung oder Alkoholabhängigkeit im Spital behandelt. Bei 900 von ihnen wurde eine Alkoholvergiftung festgestellt – in der Fachsprache „Alkoholintoxikation“. Diese ist durch einen akuten Alkoholrausch gekennzeichnet, der zu Störungen des Bewusstseins, der Wahrnehmung, des Verhaltens oder zu Gesundheitsschäden führt. Die Zahl der Alkoholintoxikationen (Haupt- und Nebendiagnosen) steigt bei den 14-Jährigen deutlich an und ist bei den 18- und 19-Jährigen am höchsten. Bei den 20-Jährigen nimmt sie wieder leicht ab. (Siehe Grafik)

Mehrere Hundert junge Alkoholabhängige
Rund 400 Jugendliche wurden wegen Alkoholabhängigkeit behandelt. Die Zahl der Diagnosen „Alkoholabhängigkeit“ nimmt mit steigendem Alter zu und ist in dieser Studie in der Kategorie der 20- bis 23-Jährigen am höchsten. Dass bereits Jugendliche alkoholabhängig sind, ist besorgniserregend. Fachleute gingen bisher davon aus, dass es sehr viele Jahre braucht, um eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln. So sind die meisten Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit in der Regel im mittleren Alter. Die Untersuchung bestätigt ausserdem den wissenschaftlichen Befund, dass Alkoholprobleme ein eher männliches Phänomen sind. So sind sowohl von Alkoholintoxikationen wie von Alkoholabhängigkeit deutlich mehr junge Männer als junge Frauen betroffen.

Nur die Spitze des Eisbergs
Das Rauschtrinken Jugendlicher hat eine Vielzahl negativer Auswirkungen und kann sogar tödliche Folgen haben. Neben den klassischen Vergiftungsfolgen wie Gedächtnislücken, Kopfschmerzen und Übelkeit berichtet die wissenschaftliche Literatur über Unfälle und Verletzungen, Gewalt und aggressives Verhalten, ungeschützten Geschlechtsverkehr, Beeinträchtigung sozialer Beziehungen, Probleme mit Autoritäten und schlechte Schulleistungen.
Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung basieren auf der Statistik der Schweizer Spitäler, die Personen stationär oder teilstationär behandelten. Sie bilden folglich nicht das ganze Ausmass des Problems ab. Jugendliche, die mit einer Alkoholvergiftung in eine ambulante Notfallaufnahme, eine Drogenberatungsstelle, zum Hausarzt oder zur Polizei gelangen, sind hier nicht erfasst. „Wir müssen deshalb annehmen, dass die vorliegenden Ergebnisse nur die Spitze des Eisbergs bilden“, erklärt der Autor der Studie, Gerhard Gmel von der Forschungsabteilung der SFA.


Tendenz eher steigend
Für die Schweiz ist diese Studie, die auf Spitaldaten des Bundesamtes für Statistik basiert, ein Novum: Es liegen damit erstmals Fakten vor, welche die Folgen des Alkoholmissbrauchs bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufgrund medizinischer Diagnosen beschreiben; bisherige Studien dokumentierten dagegen den von Jugendlichen selbstberichteten Alkoholkonsum und seine Folgen. Obwohl das Forschungsteam die Spitalstatistiken von 1999 bis ins Jahr 2003 analysiert hat, lassen sich nur mit Vorsicht Aussagen über Entwicklungstrends machen, da die Daten vor dem Jahr 2003 lückenhaft sind. „Die Zahl der Alkoholintoxikationen und der Alkoholabhängigkeiten dürfte im Laufe der letzten Jahre zugenommen haben“, schätzt Gerhard Gmel.
Einen Beleg dafür, dass Rauschtrinken bei den Schweizer Jugendlichen zunehmend ein Problem darstellt, ist die nationale Schülerbefragung (HBSC) der Stiftung SFA. So hat sich der Anteil der 15-/16-Jährigen, die in ihrem Leben mehr als einmal betrunken waren, in den letzten 20 Jahren verdoppelt: bei den Jungen von 19 auf 42 Prozent und bei den Mädchen von 13 auf 25 Prozent.

Alkoholkonsum nicht banalisieren
„Der Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen darf nicht bagatellisiert werden“, betont Michel Graf, Direktor der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA). Eine wirksame Prävention muss nach Ansicht des SFA-Direktors einerseits beim Individuum ansetzen und Jugendliche wie Erwachsene über die Gefahren des Rauschtrinkens aufklären. Andererseits muss sie aber auch die Gesellschaft in die Pflicht nehmen: „Auf struktureller Ebene sind die Einschränkung der Erhältlichkeit und die stärkere Besteuerung billiger alkoholischer Getränke wichtige Massnahmen, um dem Alkoholmissbrauch entgegenzuwirken. Das meistkonsumierte Getränk junger Männer ist Bier, das oft billiger zu haben ist als Softdrinks. Hier müssten die Politiker etwas unternehmen.“

Auskunft: Janine Messerli, Mediensprecherin SFA,
Tel. 021 321 29 74
E-Mail: jmesserli(at)sfa-ispa.ch


Grafik: „Alkoholintoxikationen“ bei jugendlichen Männern und Frauen
(Haupt- und Nebendiagnose), 2003

 

Broschüren der SFA:
 „Achtung Rutschgefahr! Wann werden Suchtmittel ein Problem?“ Broschüre für Jugendliche. 
 „Alkohol und Rausch – zwischen Risiken und dem Wunsch nach Entgrenzung“ , Pädagogisches Hilfsmittel für Lehrpersonen der Oberstufe.


[23/05/2006]

Kommentar: Endlich ist es möglich, auch in der Schweiz das Ausmass des Binge-Trinkens zu beziffern. Wenn aus den USA oder von England entsprechende Zahlen bekannt wurden, war jedermann sehr schnell bereit, diese zu bagatellisieren: Bei uns doch nicht! Völlig zu Recht verlangt denn auch die SFA, dass die Gesellschaft in die Pflicht genommen werden müsse. „Auf struktureller Ebene sind die Einschränkung der Erhältlichkeit und die stärkere Besteuerung billiger alkoholischer Getränke wichtige Massnahmen, um dem Alkoholmissbrauch entgegenzuwirken. Das meistkonsumierte Getränk junger Männer ist Bier, das oft billiger zu haben ist als Softdrinks. Hier müssten die Politiker etwas unternehmen." Aufklärende Prävention bei Jugendlichen, die auch gefordert wird, hat aber nur einen Sinn, wenn die Gesellschaft der Erwachsenen bereit ist, eine glaubwürdige Prävention zu betreiben, der auch sie sich unterzieht, d.h. der Stellenwert des Alkohols in der Gesellschaft muss reduziert werden.

 

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Stand: 23.12.2008