Briefe an...                        (Antwort darunter)

                                                                                                                                                     18.12.2002

 

Ombudsstelle DRS
Herrn Otto Schoch
Höhenweg 6
9100 Herisau

 

Beanstandung der Sendung „Voilà“ von SF DRS vom 17.12.2002

Sehr geehrter Herr Schoch,

Ich bitte Sie zu prüfen, ob der im obigen Sendegefäss gezeigte Film über einen Brauer im Jura nicht als Schleichwerbung für Bier gegen das Alkoholwerbeverbot im RTVG verstösst.

Begründung: Um das Werbeverbot zu umgehen, werden in letzter Zeit vermehrt Sendungen mit alkoholrelevanten Themen gesendet, sogar im Kassensturz unter dem Deckmantel der Konsumentenaufklärung. Der obige Film könnte durchaus von der Alkoholindustrie in Auftrag gegeben worden sein. Ob noch Sponsorengelder geflossen sind, weiss ich natürlich nicht. Ich weiss auch nicht, wie weit Ihre Befugnisse gehen, so etwas abzuklären.

Im Buch „Alkohol und Massenmedien“ der WHO (siehe unten) wird sehr treffend die Wirkung der ständigen „alkoholpositiven Botschaften“ in unserer Gesellschaft geschildert, die bewirkt, dass Alkoholprävention, vor allem auch bei Jugendlichen, ziemlich nutzlos ist und keine Verhaltensänderung erreichen kann, weil sie in diesem Umfeld völlig unglaubwürdig ist.

Wenn man den Geist des Werbeverbotes, d.h. den Willen des Gesetzgebers ernst nimmt, muss man auch diese Art von Schleichwerbung unterbinden. Vielleicht gibt es bereits Entscheide in ähnlichen Fällen?

Für Ihre Bemühungen danke ich Ihnen zum voraus bestens; ich wünsche Ihnen frohe Festtage und ein erfreuliches neues Jahr.

                                                                                Mit freundlichen Grüssen 

                                                                                     Hermann Meyer

 

 

„Alkohol und Massenmedien“
Regionale Veröffentlichungen der WHO
Europäische Schriftenreihe Nr. 62, 1998, 194 Seiten
ISBN 92 890 7344 6

 

OTTO SCHOCH                                                                                            9100 Herisau, 24. Januar 2003  os/bk
OMBUDSSTELLE DRS                                                                               Höhenweg 6

 

Herrn
Hermann Meyer
Lindenstrasse 32
8307 Effretikon

 

Geschäftsnummer 1675

Sehr geehrter Herr Meyer

Ich bin heute in der Lage, auf das Schreiben zurückzukommen, das ich Ihnen am 24. Dezember 2002 zugestellt und mit dem ich den Empfang Ihrer vom 18. Dezember 2002 datierten Zuschrift bestätigt habe. Mit Ihrem Brief haben Sie die durch das Schweizer Fernsehen DRS am 17. Dezember 2002 ausgestrahlte Sendung "Voilà" beanstandet und mich gebeten, zu prüfen, ob der im Rahmen dieser Sendung gezeigte Film über einen Bierbrauer im Jura nicht gegebenenfalls "als Schleichwerbung für Bier gegen das Alkoholwerbeverbot im RTVG verstösst", Sie haben dabei die Meinung zum Ausdruck gebracht, dass "in letzter Zeit vermehrt Sendungen mit alkoholrelevanten Themen gesendet" würden und halten das für umso fragwürdiger, als, wie Sie argumentieren, der durch Sie beanstandete Film "durchaus von der Alkoholindustrie in Auftrag gegeben" worden sein könnte. Deshalb stellen Sie auch die Frage, ob nicht allenfalls sogar Sponsorengelder geflossen sein könnten.

Wie ich Ihnen am 24. Dezember 2002 mitgeteilt habe, musste ich mich zunächst informieren und mit dem Sachverhalt vertraut machen. Mittlerweile hatte ich nun aber Gelegenheit, eine Videokopie des durch Sie beanstandeten Beitrages zu besichtigen. Gleichzeitig habe ich Kenntnis genommen von der Stellungnahme der Programmverantwortlichen von SF DRS. In dieser Stellungnahme wird geltend gemacht, es gehöre zum Sendeauftrag von "Voilà", interessante Personen aus der West- und Südschweiz zu porträtieren und deren Lebensumstände einem Deutschschweizer Publikum näher zu bringen. Im Zentrum des beanstandeten Berichtes hätten in diesem Sinne, wird durch die Redaktionsleitung argumentiert, klar die Person und nicht die Tätigkeit des porträtierten Bierbrauers gestanden, habe es dieser doch mit viel Unternehmergeist offensichtlich geschafft, in einer wirtschaftlich besonders benachteiligten Region eine Existenz aufzubauen. Dabei liege es in der Natur der Sache, dass der Bierbrauer - übrigens ein ausgebildeter Önologe - seinen Beruf und seine Tätigkeit positiv schildere. Diese Darstellung könne nicht als "Schleichwerbung" für den Alkoholkonsum ausgelegt werden, und im übrigen sei es zweifellos auch nicht die Absicht des Gesetzgebers gewesen, mit dem Alkoholwerbeverbot auch Berichte über Personen zu verbieten, die berufsmässig mit Alkohol zu tun hätten. Schliesslich weist die Redaktionsleitung den Verdacht, dass im Zusammenhang mit dem beanstandeten Beitrag Sponsorengelder geflossen sein könnten, "ganz entschieden zurück".

Ich selbst gelange bei der Beurteilung des durch Sie gerügten Beitrages zu Ergebnissen, die sich im wesentlichen mit dem decken, was seitens der Redaktionsleitung von SF DRS geltend gemacht wird. Insbesondere scheint mir der Gedanke von zentraler Bedeutung zu sein, dass es ungeachtet des Werbeverbotes für Alkohol möglich sein muss, Berufsleute vorzustellen, deren Erwerbstätigkeit in irgendeiner Weise mit alkoholischen Getränken oder mit Alkohol überhaupt zu tun hat. Zwar ist durchaus richtig, dass "Werbung für alkoholische Getränke, Tabak und Heilmittel" verboten ist; vgl. Art. 18 Abs. 5 RTVG. Dieses Verbot bezieht sich indessen eindeutig auf echte Werbesendungen und nicht auf redaktionelle Beiträge, in denen Zeitgenossen porträtiert werden, deren berufliche Aktivität mit Alkohol zu tun hat. Alkoholische Getränke und Alkohol überhaupt gehören nun einmal zu unserem täglichen Leben, und wenn im Rahmen einer Fernsehsendung  über dieses tägliche Leben berichtet werden soll, dann lässt sich auch nicht umgehen, dass dabei früher oder später einmal ein Thema zur Diskussion gestellt wird, das mit Alkohol zu tun hat. Und dazu gehört nun einmal der Beruf eines Bierbrauers, ebenso wie dazu auch der Beruf eines Weinbauers, eines Önologen oder ähnliche Berufsgattungen gehören würden. Unter diesem Gesichtspunkt gelange ich zur Auffassung, dass die durch Sie gerügte Sendung vertretbar war und die durch Gesetz und Konzession festgelegten Vorgaben nicht verletzt hat.

Ich bitte Sie, diesen Brief als den der Ombudsstelle vorgeschriebenen Schlussbericht im Sinne von Art. 61 Abs. 3 RTVG zu betrachten. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI (Schwarztorstrasse 59, Postfach 8547, 3001 Bern) orientiert Sie der beiliegende Auszug aus dem Bundesgesetz über Radio und Fernsehen.

Mit freundlichen Grüssen

(gez. Schoch)

Beilage:

-Auszug aus dem RTVG

 

Kopien dieses Schreibens gehen an:

- Schweizer Fernsehen DRS, Ueli Haldimann, Chefredaktor

- Schweizer Fernsehen DRS, Jörg Lehmann, Nachrichtenchef a.i.

- Radio- und Fernsehgesellschaft DRS, Dr. Kurt Nüssli

- Rechtsdienst SRG

 

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Stand: 03.01.2009