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Eine Entgegnung zu: "Ziel: Genuss statt Sucht" (Aus: Ernst, Jugendbeilage des Tages-Anzeigers vom 9.4.97) Liebe Kolleginnen und Kollegen, Vielleicht hängt bei Euch im Lehrerzimmer auch noch dieser
Sonderabdruck aus dem Tages-Anzeiger, der in einer Sendung des Pestalozzianums
zur Suchtprävention enthalten war. Im Leitbild der Volksschule des neuen Lehrplanes für die Volksschule
des Kantons Zürich steht als eine der zehn Grundhaltungen, die die Schule prägen
sollen: "Urteils- und Kritikfähigkeit". (S. 4) Ich erlaube mir deshalb, Euch eine etwas differenziertere
Betrachtungsweise zur Suchtprävention darzulegen. Kurz zusammengefasst die wichtigsten Aussagen der obigen Veröffentlichung,
die auf Interviews mit Stefan Brülhart und Urs Abt von der Suchtpräventionsstelle
der Stadt Zürich basiert. 1. Die grossen Plakataktionen der Zürcher Suchtpräventionsstelle hätten
Schlimmeres verhindert. (Der Alkoholkonsum der Jugendlichen verdoppelte sich
innerhalb von etwa sieben Jahren). 2. Die Plakataktionen stiessen auf ein sehr grosses Echo im In- und
Ausland, aber "Plakate genügen nicht". "Wenn man sich auf persönliche
Plakate beschränkte, würde das heissen, dass die Individuen für alles selbst
verantwortlich sind, was ihnen widerfährt. Und das stimmt einfach nicht." 3. Heikel ist der die gesellschaftlichen Strukturen ansprechende Inhalt
bei gewissen Plakaten. "Suchtprävention ist hochpolitisch, darf aber nie
Parteipolitik werden". 4. Die Suchtprävention habe nicht versagt, im Gegenteil. Sucht sei
nicht mit fixen gleichzusetzen. Es gäbe auch die legalen Drogen, Fernsehsucht,
Kaffeesucht etc. Ziel sei nicht,
jeglichen Konsum von Suchtmitteln zu verhindern, wichtiger sei, dass man lerne,
mit der Eigenverantwortung umzugehen. "Der Weg muss sein, Selbstbewusstsein
zu entwickeln, Stärke und ein eigenes Ich. Das Nein zu Drogen kann nicht einfach befohlen werden". 5. Alle Menschen sollten ernst genommen werden und sollten vor allem
auch sich selbst ernst nehmen. Das Gegenteil von Sucht ist nicht Abstinenz
sondern Freiheit und Genuss. Stellungnahme:
1. Primärprävention wie Plakataktionen ergibt keinen messbaren Erfolg.
Sie kann bestenfalls Einsichten vermitteln, Anstösse geben, Wissen verbessern.
Die Behauptung, sie hätte Schlimmeres verhütet, kann nicht belegt werden. Das
Gegenteil ist viel wahrscheinlicher: Durch die Konzentration fast aller Mittel
auf diese Aktionen in den letzten ca. zehn Jahren wurde das Gefühl für die
Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, ganz im Trend der allgemeinen
Entwicklung, völlig verloren. Wenn der einzelne Schuld an seiner Abhängigkeit
ist, soll er sich gefälligst selber bemühen, aus seiner Krise herauszukommen.
Die Gesellschaft hat damit nichts zu tun. Deutliches Zeichen in dieser Richtung
ist die rigorose Deregulierung der letzten Zeit auch im Bereich der
Gastgewerbegesetzgebung, wo die präventiven Schutzmechanismen oft rigoros und
ersatzlos gestrichen wurden. Bedenken in dieser Richtung wurden von Urs Abt zu
Beginn dieser Plakataktionen vehement zurückgewiesen. 2. Genau dieser Aspekt wird von Stefan Brülhart richtig gesehen, und 3. sogar von Urs Abt ebenfalls angesprochen. 4. Obwohl die Politik von Urs Abt alibiweise erwähnt wird, wurde sie
gerade von den öffentlichen Suchtpräventionsstellen sträflich verdrängt.
Dabei ist nur über politische Massnahmen ein messbarer Erfolg zu erzielen und
Aufklärungsaktionen müssen den Boden bereiten, damit solche politischen,
sogenannte Kontrollmassnahmen ergriffen und vom Volk akzeptiert werden: Das Ziel
jeder Prävention muss vor allem sein, den Konsum von Suchtmitteln zu
reduzieren, das vermindert die Schäden. Im Sektor Alkohol heisst das in erster
Linie: Preisgestaltung über Steuern (im Zeitalter der EU kaum mehr wirksam),
b) Einschränkung der Verfügbarkeit und c) Senkung der Promillegrenze. Wer näheres darüber wissen möchte, sollte die Europäische Charta
Alkohol der Weltgesundheitsorganisation (WHO) studieren. Die Zürcher Suchtpräventionsstelle
wird sie kennen, hat sie aber offensichtlich noch nicht verinnerlicht. Dass es für eine öffentliche Suchtpräventionsstelle schwierig ist,
sich politisch zu äussern, liegt auf der Hand. Behörden (= Geldgeber) und
Politiker (= Parlamentarier = Gesetzgeber) sind sehr oft mit der Wirtschaft
verbunden und glauben, die Suchtmittelindustrie schützen zu müssen. Dabei ist
das Geld, das nicht in die Suchtmittelbranche fliesst, dem Wirtschaftskreislauf
nicht entzogen, sondern geht in andere Wirtschafts- zweige oder wird als
Sparbatzen von den Banken (möglicherweise sinnvoller) in die Wirtschaft
investiert. Bisher haben die privaten Suchtpräventionsstellen den politischen,
strukturellen Bereich abgedeckt. Leider werden sie nicht genügend unterstützt
oder sogar bekämpft. Dabei sind sie es, die als einigermassen unabhängige
Institutionen, diese undankbare Arbeit leisten könnten, die allein einen
merkbaren Rückgang des Suchtmittelkonsums und damit der Schäden bewirken kann.
5. Die Wünschbarkeit, dass sich die Menschen entwickeln sollten, steht
ausser Frage. Das Problem ist nur, dass der einzelne sich dabei sehr schwer tut,
und es noch Generationen dauern wird, bis, wenn überhaupt, eine merkliche
Verbesserung eintritt, ob mit oder ohne Plakataktionen. Man braucht kein
Kulturpessimist zu sein, um dies zu verstehen. Wir Lehrer stehen ja an
vorderster Front in diesem Bemühen und sind selber auch nicht besser dran als
der Durchschnitt. Das Gegenteil von Sucht sei nicht Abstinenz sondern Freiheit und Genuss.
Für einen, der die Abstinenz von Suchtmitteln als weltfremde, genussfeindliche
Askese ansieht, mag dies stimmen. Wer aber einmal eingesehen hat, dass echter
Rausch von innen kommt und nicht das Produkt von chemischen Stoffen sein muss,
die den Menschen fremdbestimmen, der weiss, dass es eine grosse Freiheit
bedeutet, suchtmittelfrei zu leben. Der weiss auch, dass er wegen
Suchtmittelkonsums nie in Gefahr geraten wird, seine Menschenwürde zu
verlieren oder andere zu gefährden. Der kann auch freudige Ereignisse bis zur
Neige bei vollem Bewusstsein und in guter körperlicher Verfassung geniessen und
auch am andern Morgen wieder vollwertig da sein. Wer wirklich für Freiheit und
Genuss einstehen will, dürfte ruhig diese Zusammenhänge berücksichtigen.
Dazu kommt, dass für die meisten Suchtmittelabhängigen die Abstinenz das
wichtigste Therapieziel sein muss. Auch Solidarität zu diesen Abhängigen
kann eine Motivation zu persönlicher Abstinenz sein. - Es ist klar, nicht alle können
oder wollen ihre (Er)kenntnisse in ihrem Lebensstil umsetzen. Aber Suchtpräventionsfachleute
sollten wenigstens ehrlich bleiben und keine falschen Signale setzen.
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