Die Lobby-Arbeit der globalen Alkoholindustrie

19.10.02

4. CBMC

Diese Organisation vereinigt die Bierindustrie aller EU-Mitgliedländer, sowie von Norwegen, der Schweiz und Rumänien. Ihre Hauptaufgabe ist es, in den europäischen Institutionen für ihre Mitglieder zu lobbyieren, auf allen Gebieten der Politik und Gesetzgebung, die Produktion, Marketing, Verkauf und Export von Bier in der Europäischen Union und weltweit betreffen. Hauptziel ist immer, mehr Bier zu verkaufen.

Der Rat der EU-Gesundheitsminister erliess im Jahr 2001 einstimmig eine Empfehlung zum Alkoholkonsum der Jugendlichen. Darauf verlangte EU-Kommissär Byrne von der Alkoholindustrie, mehr Verantwortungsbewusstsein zu zeigen. 

Als Antwort auf diese Herausforderung veranstaltete CBMC dieses Frühjahr die Ceps-Konferenz "Arbeiten für einen verantwortungsbewussten Konsum", dies als weiteren Versuch der Industrie, ihren guten Willen zu demonstrieren. Die sorgfältig geplante Veranstaltung hatte die Aufgabe zu beweisen, dass die Alkoholindustrie ein Teil der Lösung sein muss, wenn es um einen verantwortungsbewussten Konsum geht und dass unbedingt zwischen dem Produkt und dessen Missbrauch unterschieden werden muss. 

Nicht weniger als 160 Delegierte waren eingeschrieben. Im vollgepackten Programm wurden an einem Tag 14 Präsentationen dargeboten, die nicht viel Zeit für Fragen und Diskussionen offen liessen. Alles war gut organisiert, Simultanübersetzung war gewährleistet, einige Vertreter boten an Ständen gratis Dokumentationsmaterial an. 

Paul Bergqvist, CBMC-Präsident, nannte das Leitmotiv: Die Leute sollten das Trinken mit Verstand geniessen. (enjoy drinking sensibly) Die Industrie wünsche nicht, für ihr Produkt in einer Art zu werben, die zum Missbrauch  ermutigen würde. Und diese Konferenz sei organisiert worden, um herauszufinden, wie es möglich würde, (im Zusammenhang mit Alkoholkonsum) unsoziales Verhalten zu minimalisieren. Es sei wesentlich, zwischen dem Produkt und dem Individuum zu unterscheiden. Er hielt auch fest, dass hohe Alkoholsteuern nicht die Antwort auf den Missbrauch sein könne, dass die Kontroll-Politik nicht greife, weil "Einschränkungen jedermann bestrafe für den Fehler einiger weniger". Am Schluss hob er die Bedeutung der Bierindustrie als Arbeitgeber und grosser Förderer des wirtschaftlichen Prosperität in Europa hervor. 

Peter Kersten als Ersatz für Godfrey Theysen vertrat die EU-Kommission. Er erklärte, dass er gegenwärtig in der Task Force für das Gesundheitswesen arbeite. Er schilderte kurz die verschiedenen Kompetenzen der Kommission in Bezug auf die Alkoholpolitik: Besteuerung, der interne Markt, Transport, Forschung und die verschiedenen Bezüge zur Gesundheitspolitik. Die Kommission erachte Alkoholgebrauch und -Missbrauch als wichtige Gesunheitsfaktoren vor allem auf den Gebieten Arbeitsplatz und "Enlargement". Er erinnerte die Zuhörerschaft daran, dass, gemäss eines WHO-Berichts, 10% der Schäden und Verletzungen weltweit durch Alkohol verursacht würden und dass die Kommission diese Tatsache nicht ignorieren könnte. Auch wenn es schwierig wäre, alle Schäden aus dieser Welt mit Regeln zu verbannen, doch jede Anstrengung unternommen werden müsste, um weniger alkoholbezogene Schäden und Missbrauch zu erreichen. Herr Kesten hob die drei "E"s hervor: Enforcement, Enforcement, Enforcement. (Nach Langenscheidt: Durchsetzung, Erzwingung, Durchführung, Vollzug)

Nicole Leymarie von IREB, einer französischen unabhängigen Forschungsinstitution, die von der Industrie finanziert wird, erinnerte die Zuhörerschaft daran, dass Alkohol eine psychoaktive Droge wäre und es verschiedene Arten des Konsums gäbe, von "normal" bis "schädlich" und "abhängigmachend". Es sei nicht leicht, "Normalkonsum" zu definieren und viele Leute hätten verschiedene Ideen, was normal sei: Z.B. "Was mir passt", "Was meiner Umgebung passt", "Was meiner Gesundheit nicht schadet", "Ohne Risiko, abhängig zu werden", "Ohne Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung". Sie zeigte, dass die Grenze zwischen was normal und was schädlich ist, nicht klar gezogen werden könnte. 

Der Einfluss der Werbung auf den Alkoholkonsum wurde mit einem gefilmten Beitrag des nicht persönlich anwesenden Peter Mitchell auf sehr autoritäre Weise dargestellt. Er war früher strategic Affairs Director bei Guinness, früherer Chairman der World Federation of Advertisers und früheres Mitglied der UK Advertising Standards Authority. Seine Abwesenheit verhinderte leider, dass ihm Fragen gestellt werden konnten. 

Mitchell behauptete, dass die Alkoholwerbung den Alkoholkonsum nicht beeinflusse und dass er es beweisen könnte. Er benützte dazu eine "econometric study", die den Gesamtkonsum in Zahlen der Verkäufe und die Gesamtkosten für Werbung verglich und zeigte, dass keine Korrelation zwischen den beiden bestand. Er schloss mit der altbekannten Behauptung, dass ein Missverständnis über die Rolle der Werbung und zwischen den Begriffen Markenwerbung und Branchenwerbung bestünde. (1)

Mr. Helmut Wagner, Generaldirektor der Amsterdam Gruppe, gab Hinweise, weshalb Selbstregulation besser sei als Gesetzgebung. Er erläuterte auch, wie diese mit Hilfe einer unabhängigen Instanz durchgesetzt werden könnte. (2)

Herr Ejvind Sandal vom dänischen Kommittee für gemeinsame Standards für kommerzielle Kommunikation erläuterte die regulatorischen und kulturellen Zusammenhänge in Dänemark. Der Konsumentenschutz sei stark verankert als Resultat des wachsenden Einflusses der Konsumentenorganisationen und der NGOs. 

Kampagnen und Aufklärungsmaterial aus verschiedenen Ländern wurde vorgestellt. Einige davon sind bei Eurocare zu beziehen.

Mr. Mark E. Van Rijn (Heineken) gab eine sehr überraschende Präsentation über das Ansehen, das der Alkohol in der öffentlichen Meinung geniesst. Sie zeigte klar, dass die Industrie besorgt ist über ihr Image in der Öffentlichkeit (Alkohol und Tabak erhielten die tiefsten Noten: -18 und -35 verglichen mit +45 für den Hightech/Computer-Sektor) und dass sie sich bemühen sollte, dieses zu verbessern. Er bat die Zuhörerschaft zu überlegen, wie eine Firma wie Heineken die Berechtigung für ihr Produkt und ihre Marke erhalten könnte. Für ihn sei die Antwort CSR (Corporate Social Responsibility) Er erinnerte daran, dass positive Eindrücke mit verantwortungsbewusstem Trinken verbunden würden und negative mit Jugendlichen, Fahren, Arbeiten, Sport und unsozialem Verhalten. Er regte an, social aspect organisations wie Stiva in Holland, die Amsterdam Gruppe oder das International Centre of Alcohol Studies in Washington zu gründen, um das Image der Industrie zu heben. Das Ziel der Firma sei es, den verantwortungsbewussten Konsum der Alkoholprodukte zu fördern und Aktionen gegen den Missbrauch zu unternehmen, um die gesellschaftliche Akzeptanz des Bieres zu erhalten. Dies würde zu einem nahhaltigen Wachstum führen.

Kommentar:

(1) Seine Argumente sind, obwohl autoritativ vorgetragen, wenig überzeugend:

Werbeausgaben sind keine wissenschaftliche Grösse. Firmen werden ihre Zahlen nicht genau bekanntgeben, da zwischen ihnen harter Konkurrenzkampf besteht. Ungefähre Grössenordnungen könnten schon entnommen werden, doch rechtfertigen sie nicht derart kategorische Aussagen, wie er sie gebracht hat. Zweitens war nicht klar, ob die Werbeausgaben nur alkoholische Getränke betrafen. Dann sagt die Untersuchung nichts aus über das Verhalten von Untergruppen innerhalb des Alkoholmarktes. Dieser beinhaltet nämlich eine breite Mischung von Angeboten die auf bestimmte Zielgruppen gerichtet sind, z.B. Jugendliche. 

(2) Herr Wagner unterbreitete keine Vorschläge, welche Art von Durchsetzungs-Organisation die Amsterdam Gruppe meinte. Denken sie wohl an eine Organisation wie die BVP in Frankreich? Wer würde den Vorstand bestimmen? Wer die Finanzen bringen? Wie "unabhängig" würde sie sein und welche Durchsetzung-Kompetenzen würde sie haben? Würde sie europaweit operieren? 

(Bericht und Kommentar von Eurocare, übersetzt und zusammengefasst von H.T. Meyer)

Unser Kommentar:

Diese Tagung widerspiegelt die berechtigten Befürchtungen der Alkoholindustrie, die Folgen des Alkoholkonsums könnten zu einem weiteren Imageverlust führen. Wenn man die riesigen Werbeaufwendungen berücksichtigt, ist es eigentlich erstaunlich, dass die Öffentlichkeit nun doch immer mehr sensibilisiert wird, welchen Blutzoll und welche immensen wirtschaftlichen Schäden sie diesen sogenannten Kulturgütern zu verdanken hat. Auch wenn die Alkoholindustrie nun vermehrt versucht, einen verantwortungsbewussten Umgang mit ihren Produkten zu propagieren, kann sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ihr immer noch um die Steigerung des Umsatzes geht. In der Schweiz konsumieren 11% der Bevölkerung (14 - 74-Jährige) 50% des umgesetzten Alkohols. In andern europäischen Ländern  wird es nicht viel anders sein. Das bedeutet, dass die Industrie mindestens zur Hälfte am risikoreichen, krankmachenden Konsum verdient All ihren Beteuerungen zum Trotz kann sie auf diese Konsumenten gar nicht verzichten. 

So erstaunt es nicht, wenn ihren Beteuerungen immer wieder gegenteilige Aktionen folgen. Typische Beispiele dafür: Das mit allen Mitteln versuchte Eindringen in den Fernsehwerbemarkt in der Schweiz, die Ballermann-Feste in Gemeinden in Anlehnung an die Sauforgien auf Mallorca, die erneute Lancierung der auf Jugendliche zugeschnittenen Alcopops, der krampfhafte Widerstand gegen die schon lange fällige Einführung der 0,5 Promillegrenze im Strassenverkehr. 

 

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Stand: 30.12.2008