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Kommentar zum Weltwoche-Artikel von Peter Holenstein vom
26.8.04:
"Die Hicks-Society"
Zuerst das Erfreuliche: Noch nie seit vielen Jahren wurde das Alkoholproblem
derart fulminant vorgetragen. Einige Stichworte: "Ausgeblendet wird jenes
Schlachtfeld, das unangefochten im Mittelpunkt des helvetischen Drogenproblems
steht: der Alkohol." Es stimmt: Zuerst wurde es durch die Aktualität der
illegalen Drogen zugedeckt und jetzt durch die Tabakfrage. Es wäre sinnvoll,
das ganze Suchtproblem in seiner Gesamtheit anzugehen.
"..verheerende Folgen für die Volksgesundheit, ...fatalen Auswirkungen
auf alle Bereiche von Familie und Gesellschaft, ...exorbitante Belastung für
die Volkswirtschaft, ... müsste eigentlich landesweit der Notstand ausgerufen
werden, ...hat längst das Ausmass einer Epidemie angenommen." "Und
auf über 100 Milliarden schätzen Sucht- und Versicherungsexperten die der
Volkswirtschaft entstehenden jährlichen Folgekosten.." "Jeder
fünften Kündigung liegt heute ein Alkoholproblem zugrunde." ..sondern das
mit Abstand verheerendste Suchtmittel: Alkohol." "Bagatellisierung der
Droge Alkohol."
Leider zeigt der Bericht auch Schwächen: Er zitiert die Werbe- und
Alkoholindustrie unkommentiert mit ihren unsäglichen Sprüchen vom
Umsteigen auf andere Marken, dabei ist Markenwerbung immer auch Branchenwerbung.
Nicht die Werbung sondern das soziale Umfeld sei massgebend, habe eine Studie
der Uni Bonn herausgestellt. Wenn aber das gesellschaftliche Umfeld dank der
Werbung von Suchtmitteln geprägt wird, haben wir u.a. den Effekt, der in der
Schrift der WHO "Alkohol und Massenmedien" (siehe Homepage) treffend
beschrieben wird: Die Jugend kann in einem solchen Umfeld durch Prävention
nicht glaubwürdig erreicht werden. Neueste Untersuchungen zeigen, allerdings,
dass Werbeeinschränkungen zu den beschränkt wirksamen Massnahmen gehören,
wenn der Konsum reduziert werden soll. Daneben gibt es die wirksamen
(Preisgestaltung, Steuern, und Erhältlichkeitsbeschränkungen) und die nicht
wirksamen (Schulprävention, Aufklärungsaktionen durch Behörden) Letztere
können sinnvoll sein zur Wissensvermittlung und Vorbereitung weitergehender
Massnahmen. (Thomas Babor u.a.: Alcohol no Ordinary Commodity (Oxford Press,
2003).
Dass Konrad Studerus, Direktor des Schweizerischen Bierbrauervereins, den
wissenschaftlich erhärteten amtlichen Statistiken über die Zahl der
Abhängigen nicht glaubt, ist sein Problem. Vielleicht müsste er seinen Job
aufgeben, wenn die Zahlen stimmen würden, also verdrängt er sie. Das spräche
für seine ansatzweise moralische Gesinnung. (Allein mir fehlt der Glaube.)
Der Verfasser zählt die Volksabstimmungen auf, die, abgesehen vom
Absinthverbot, alle negativ ausfielen. Warum sie chancenlos waren, darüber sagt
er nichts.
Zum Thema Warnhinweise auf Verpackungen ist zu sagen, dass diese auch zu den
kaum wirksamen Massnahmen gehören. Es überrascht deshalb nicht, wenn ein
Werber nichts dagegen einzuwenden hat. Dann könnte er neue Etiketten
gestalten.
Auch wenn der Artikel möglicherweise von der Tabaklobby als
Ablenkungsmanöver inszeniert worden sein sollte oder als Gegengewicht zu NZZ am
Sonntag und Tages-Anzeiger, die mit dem Tabak ihre Sommerlöcher füllten,
müsste er eigentlich die Politik aufrütteln. Dann hätte er einen löblichen
Zweck erfüllt. Man darf gespannt sein.
PS Leserbrief in Vorbereitung
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