betr. Aktuelles: Zur Revision der Radio- und Fernsehgesetzgebung. Alkoholwerbung in Privatsendern

 

Alkohol ist im Fernsehen

immer gegenwärtig

Schampus, Pils und Whisky satt

Untersuchungen von Fernsehprogrammen

Keine Flirt-Szene im Fernsehen ohne Cocktail, kein „Tatort“ ohne Bierwerbung, keine Sportübertragung ohne augenfälliges Sponsoring durch eine Alkoholmarke, kein Fußballspiel ohne Alkoholwerbung auf Trikot und Bande, kein Formel 1-Rennen ohne „Schumi“ auf dem Sieger-Treppchen mit riesengroßer, überschäumender Schampusflasche.

 Alkohol ist im deutschen Fernsehen allgegenwärtig. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie über “Alkohol im Fernsehen“. Sie wurde kürzlich vom Hans­Bredow-Institut für Medienforschung gemeinsam mit dem Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, der Hamburgischen Anstalt für neue Medien und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf der 20. Hamburger Mediendebatte vorgestellt.        

                                       

 *     Alkohol quer durch alle Sendungen und Programme

Acht deutsche Fernsehprogramme - ARD, ZDF, RTL, SAT 1, Pro Sieben, RTL 2, Hamburg 1 und Viva -  waren eine Woche lang im Jahre 2000 vom Forschungsteam in allen Programmarten analysiert und auf Häufigkeit und Art der Alkoholdarstellungen untersucht worden.

In nahezu allen Programmsparten, in Nachrichten, Serien, Filmen, Talkshows, Video-clips und natürlich in der Werbung, wird Alkohol konsumiert, thematisiert oder als Requisit verwendet.

Alkohol ist im Fernsehen auffallend präsent -  quer durch alle Formate und Programmgattungen, nicht nur in der Werbung. Er ist einfach da.

Wenn eine gemütliche Situation in einer Kneipe dargestellt werden soll und Männer über Fußball reden, wird kaum Mineralwasser auf den Tischen zu sehen sein. Und wenn die Schickeria nach der Arbeit ausgeht, wird diese Cocktails oder Prosecco trinken.

In Fiction-Formaten gibt es kaum eine Flirt-Szene ohne alkoholische Getränke. Der visuellen Präsenz des Alkohols steht jedoch nicht eine angemessene Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Alkohol, gegenüber, stellt das Forscherteam fest.

Alkohol ist also nicht nur allgegenwärtig, sondern in Verbindung mit TV-Helden, dem Sport und anderen positiv gestimmten Situationen prägt das Fernsehen die Einschätzungen über den Konsum und das Image von Alkohol mit.

*     Besondere Beeinflussung von Jugendlichen

Dieser Einfluss dürfte insbesondere bei Jugendlichen wirksam sein, die den Umgang mit Alkohol erst lernen. Eine Orientierung an den Botschaften des Fernsehens ist u. a. deshalb zu vermuten, so das Forscherteam,

- weil das Fernsehen bei Jugendlichen sehr beliebt ist und eine hohe Glaubwürdigkeit genießt,

- weil Trinkrituale erwachsener Vorbilder an Bedeutung gewinnen und diese im Fernsehen zahlreich geboten werden,

- weil der allgemein beobachtbare Rückgang kollektiver Rituale und Normen eine stärkere Selbststeuerung des Einzelnen hervorruft. Dies führt wiederum zu einem erhöhten Bedarf an Orientierung, den unter anderem das Fernsehen in seiner Funktion als kulturelles Forum erfüllt.

»   In Serien jede 4. Szene mit Suchtmittel

 

Das Forscherteam führt u.a. eine Studie der Regensburger Psychologin Monika Weiderer an, wonach im deutschen Fernsehen in Serien getrunken wird, was das Zeug hält.

Alkohol ist in diesen Serien ein “Begleiter in allen Lebenslagen“, wobei das Problem der Abhängigkeit durchweg verharmlost werde. Die Fernsehsendungen vermitteln ein Bild, nach dem regelmäßiges Trinken normal und akzeptiert ist, ohne auf die Folgen aufmerksam zu machen.

Die Psychologin wählte für ihre Pilotstudie Familien- und Krimiserien aus deutscher und amerikanischer Produktion aus. Ergebnis: In jeder vierten Szene spielen Suchtmittel eine Rolle. Spitzenreiter sei der Alkohol. Wenn Fernseh-Helden feiern oder schlecht drauf seien, dürfen Schampus, Pils und Whisky nicht fehlen.

Und wenn Darsteller einen trinken, geschehe dies aus denselben Gründen wie im realen Leben. Sie versprechen sich Stressabbau, Entspannung oder Kontakterleichterung.

Hier vermitteln die TV-Darstellungen folgende, meist überdeutliche Botschaften:

- dass “mit Alkohol bestimmte Wirkungen verbunden sind und erreicht werden können“ und

- “dass dieses Trinken angemessen ist“.

Es werde nicht thematisiert, dass “Alkohol nie ein adäquater Weg zu einer Problemlösung sein kann“. Mögliche langfristige negative Wirkungen in körperlicher, psychischer oder sozialer Hinsicht bleiben ausgeklammert.

*     Alkohol als Problemlöser ohne Gefahren

Problematisch ist auch die enge Verbindung zwischen Sport und Alkoholwerbung. Alkoholische Getränke und sportliche Aktivitäten schließen sich aus, Sport und Alkohol passen zueinander wie Feuer und Wasser, wie Schwarz und Weiß, wie tot und lebendig.

Aber so können wohl nur Ahnungslose und Menschen denken, die den Sport als Träger des Gedankens vom genießerischen und geselligen Trinken bisher übersehen haben. Tatsächlich geht in der seltsamen, weil eigentlich unvereinbaren Kombination von Sport und Bier/Schnaps allerlei ab.

Wenn Olaf Marschall und Ulf Kirsten vor einem Millionenpublikum im Fernsehen auf Torjagd gehen, sind deutsche Bierbrauer stets dabei. In ARD und ZDF “präsentieren“ sie Fußball-Live-Übertragungen vor und nach den Halbzeiten mit ihren Produkten gleich viermal.

*     Alkoholwerbung beim Sport unausweichbar

Anders als bei den traditionellen Werbeblöcken müssen sie sich auf maximal 6 Sekunden lange Blitz-Spots beschränken. Doch gegenüber den traditionellen Werbeblöcken ist es auch kaum mehr möglich, diesen Werbeattacken auszuweichen:

Sie erwischen die Zuschauer-innen überfallartig kurz vor Spielbeginn und gleich nach dem Schlusspfiff, noch vor den erhellenden Interviews mit den in die Kabinen eilenden Spielern. In der SAT 1-Fußballshow “ran“ läuft kaum ein Werbeblock ohne “Spitzen-Pilsener von Welt“ oder “Premium vom Lande“. Kommunikationsexperten werten die enge Verknüpfung von Alkoholwerbung und Sport als einen geschickten Schachzug. Von der positiven Ausstrahlung der Sportidole “greift sich das Bier etwas ab“, meint der Mainzer Psychologe Dieter Sander.

*     Kinder besonders von Werbung beeinflussbar

Insbesondere bei Jugendlichen, die sich gerne mit Vorbildern wie Oliver Kahn oder Thomas Häßler identifizieren, präge sich ein Zusammenhang tief ein, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt, so Sander.

Dass Kinder und Jugendliche eine bevorzugte Zielgruppe für Werber alkoholischer Getränke geworden sind, glaubt der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann festgestellt zu haben:

"Immer wenn ich eine Untersuchung über die Motive jugendlicher Trinker ankündige, ruft eine Werbeagentur nach der anderen an. Die brauchen meine Ergebnisse für neue Werbestrategien.“ (SPIEGEL 48/92)

Dass die Wirtschaft junge Menschen zu überreden versucht, alkoholische Getränke zu konsumieren, wird in Deutschland nicht einmal als Verstoß gegen die guten Sitten betrachtet. Ganz zu schweigen davon, dass niemand den Nachwuchs gegen die Überredungskünste einer Branche schützt, die sich im Zweifelsfall selbst aus der Verantwortung entlässt.

Denn Alkoholindustrie sowie Werbebranche bestreiten einen Zusammenhang von Alkohol-Gesamtkonsum und Werbung. “Der überwiegende Teil der Bevölkerung geht mit Alkohol maßvoll um“, so der Geschäftsführer des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft, Volker Nickel.

Und: Die gestiegenen Werbeausgaben seien vielmehr Ausdruck eines härter werdenden Wettbewerbs, betont auch der Präsident des Deutschen Brauer-Bundes, Michael Dietzsch.

Geschäftsführerin Brigitte Lenau vom Institut für Jugendforschung (IJF) in München stellte dar, was die Hersteller von Markenartikeln und ihre Werber bewegt, wenn sie an den Konsumenten-Nachwuchs denken. Nach ihren Erkenntnissen sind schon Vorschulkinder intensive Werbenutzer.

Kinder nehmen Werbung überall und sehr bewusst wahr, denn: “Die Lebenswelt der Kinder ist heute auch schon ganz klar eine Markenwelt.“

So speichern Kinder die Werbung nicht nur mühelos und in unvorstellbarem Umfang, sondern sie leiten daraus auch Vorlieben für gewisse Marken ab. Daher werden im Jugendalter bereits die Weichen für den größten Teil der im täglichen Leben bestimmenden Produktbereiche gestellt. Es ist eben doch kein Zufall, wenn die Bacardi-Jugendlichen im Vorabendprogramm die Gläser klingen lassen und der große grüne Bier-Segler durch die Weltmeere pflügt.

Das “Jahrbuch Sucht 2002“ beziffert die gesamten Werbeaufwendungen allein für alkoholische Getränke (d.h. nicht nur im Fernsehen) für 1999 auf 1,085 Milliarden (!) DM und für 2000 auf 1,167 Milliarden DM.

*     Alkoholindustrie hintertreibt den Aktionsplan Alkohol

Die direkte und indirekte Alkoholwerbung im deutschen Fernsehen hintertreibt die Bemühungen der Gesundheitsminister des Bundes und der Länder, die im November 1997 einen Aktionsplan Alkohol verabschiedeten. Dieser Plan ist eine Absichtserklärung. Es bleibt abzuwarten, was davon umgesetzt wird.

Politik heißt laut Brockhaus “konsequentes, zielbewusstes Handeln“. Viele Politiker sind in den Bereichen Alkohol- und Gesundheitspolitik ungewöhnlich zurückhaltend bis hin zur Untätigkeit.

Politik reagiert nur auf öffentlichen Druck! Dieser Druck kann u.a. von den Selbsthilfeverbänden kommen.

*     Unser Staat ist selbst Alkoholiker!

Wir müssen Pfarrer Ramsauer recht geben, der in der Zeitschrift der “Anonymen Alkoholiker“ schreibt: “Unser Staat ist selber Alkoholiker: Er ist süchtig nach dem Wirtschaftsfaktor und der Steuerquelle Alkohol. Er fördert den Muntermacher und Tröster fleißiger als die Kirche oder den Sport. - Die Gesellschaft, zu der ich gehöre, hat alle Schleusen aufgemacht für den großen Segenspender C2 H5 OH.“

            Hans-Günter Schmidt, Hamburg

 (Aus: "Guttempler" Heft 1, Februar 2002, 113. Jahrgang, Hamburg)

 

 Homepage    Aktuelles    Seitenanfang

 

 

Inhaltsverzeichnis 

Entwicklungen der schweizerischen Alkoholpolitik der letzten Jahre anhand von Leserbriefen

Aktuell

Hinweise für Unterrichtende

Ihre Meinung interressiert uns

Links zu Fachleuten und Institutionen

Internationales

Briefe an ....

Die Lobby-Arbeit der globalen Alkoholindustrie

Veranstaltungen

Parlamentsdebatten

Zitatensammlung

Newsletter

Forschungsergebnisse

Archiv

English Texts      

Dossiers: Suchtmittelwerbung; Alcopops; Absinth; WTO - GATS; Alkoholkonsum Jugendlicher; Alkohol und Verkehr /  Drink Driving; Wein (Alkohol) sei (mässig genossen) gesund; Sport und Alkohol; Strukturelle Prävention; NPA (Nationales Programm Alkohol); botellón

Geschichten

Interventionen

Wir über uns

Projekt-Idee     Project in English


Herausgeber/Editor:

Hermann T. Meyer, Projekte und Dienstleistungen, Lindenstr. 32, CH-8307 Effretikon, Switzerland, 
Tel. +41 (0)52 343 58 75, Fax: +41 (0)52 343 59 29    e-mail

Copyright © 2001-2008: Hermann T. Meyer. Alle Rechte vorbehalten. Unsere eigenen Texte dürfen gerne unter Quellenangabe übernommen und weiterverbreitet werden. Fremde Texte entsprechen nicht unbedingt unserer eigenen Auffassung.

All rights reserved. Our own texts may be copied and distributed with stating the source. Texts from other sources do not necessarily represent our views.

Stand: 03.01.2009