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Presseschau
Die Neue Zürcher Zeitung widmet dem Kauf nur
wenige Zeilen und verweist auf einen grossen Beitrag in der
Sonntagsausgabe.
Im Tages-Anzeiger nimmt die Berichterstattung
ganze 2 Seiten im Wirtschaftsteil in Anspruch, wobei gut eine Spalte
unter dem grossen Titel steht: "Migros höhlt Duttweilers
Alkoholverbot zunehmend aus."
Daraus ein paar Zitate: "Familienfeinde seien sie, sagte
Gottlieb Duttweiler über Alkohol und Tabak. Darum war für den
Migros-Gründer klar, dass die beiden ungesunden Produkte nie und nimmer
in seinen Läden verkauft werden dürfen."
Etappen: 1940
Umwandlung der Aktiengesellschaft in eine Genossenschaft mit Verankerung
der
"Volksgesundheitspflege" an prominenter
Stelle in den Statuten. Migros der Bevölkerung geschenkt.
1948 Urabstimmung durch Duttweiler. Soll Wein
verkauft werden? 54% nein.
1983 Alkohol- und Tabakverkaufsverbot in die
Statuten aufgenommen.
90iger Statutenrevision: "Art. 3 sage nur noch, man verzichte auf
den Verkauf von alkoholischen Getränken
Tabakwaren in M-Verkaufsstellen."
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1997 Kauf der Globus Gruppe mit Alkoholverkauf.
Langjähriger Ex-Migros-Chef Pierre Arnold war strikte
dagegen.
? Migros-Onlineladen Le Shop
mit Alkohol und Tabak
2002 Grosshandel Scana
? Migrol-Tankstellen-Shop
? Freizeitparks
2006 Cash & Carry Angehrn
2007 Denner
Mit Denner erfolgte der Eintritt in die Gilde der
grossen Alkoholverteiler. Denner mache 40% seines Umsatzes von 2,1 Mia.
Fr. mit Alkohol und Tabak.
Ein Migros-Kritiker, Pierre Rappazzo von der
Organisation Sorgim, wird zitiert: "Jeder Ort innerhalb des
Migros-Konzerns, an dem etwas im Namen der Migros verkauft wird, ist
eine M-Verkaufsstelle."
Kommentar:
Die gesamte Berichterstattung erfolgt fast
ausschliesslich mit Blick auf Marktstellung und Konkurrenzkampf im
Hinblick auf die kommende Situation, wenn zu Aldi auch noch Lidl
dazustösst. Im Hinblick auf die Volksgesundheit muss konstatiert werden,
dass es jetzt noch schwieriger sein wird, in der Schweiz eine
angemessene Alkoholpolitik zu betreiben, weil nun beide Grossverteiler
als Lobbyisten der Alkoholindustrie auftreten werden. Die
Volksgesundheit, die ein sehr wichtiges Anliegen von Gottlieb Duttweiler
war, ist damit die Verliererin. Auch wenn die Auslegung der Statuten
richtig wäre, so verstösst doch der Deal, wie auch schon die früheren
Zukäufe und Neugründungen, gegen den Geist der von Duttweiler bei seiner
Schenkung in den Statuten verankerten "Volksgesundheitspflege". Damit
verliert die Migros ein grosses moralisches Potenzial, für das sie auch
im Ausland hohes Prestige genoss. Für viele Genossenschafterinnen und
Genossenschafter bedeutet dies auch der Verlust einer Identifikation,
des Stolzes, einer derart einmaligen, sozial denkenden und handelnden
Genossenschaft anzugehören. Sie ist nun nichts anderes mehr als Coop
auch, austauschbar und bei Kaufentscheiden nicht mehr speziell zu
berücksichtigen. Woher der Wind weht, mussten wir bei kritischen
Anfragen und Leserbriefen ans Migros Magazin erfahren. Sie werden als
Kritik ausdrücklich nicht berücksichtigt. Die Migros-Presse ist damit
zum Instrument der Führung geworden und kein Kommunikationsmedium für
die Mitglieder mehr. Auch dies wäre früher nicht denkbar gewesen.
Die Rolle der Adele Duttweiler Stiftung wäre auch zu
beleuchten. Wahrscheinlich haben die Stiftungsräte schon früher
kapituliert. Jedenfalls ist bis jetzt noch nichts von ihnen zu lesen
gewesen.
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