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"Voneinander Lernen II" Forschung, Praxis und Politik im Suchtbereich, Tagung an der ETH Zürich, 2. - 4.9.02, Organisation: Bundesamt für Gesundheit

Als Besucher des dritten Tages, der der Primär- und der  Sekundärprävention gewidmet war, musste ein Aussenstehender einen eher zwiespältigen Eindruck gewinnen. Die Suchtprävention in der Schweiz entfernt sich immer mehr von der ursprünglichen Aufgabenstellung, den Konsum der legalen Suchtmittel einzudämmen. Geholfen wird damit weder der Gesellschaft noch den einzelnen Betroffenen, sondern einzig der Suchtmittelindustrie. 

Wir versuchen, einige Eindrücke zusammenzufassen:

Die Teilnehmer vertraten ein breites Spektrum der Präventionsfachleute, die in Suchtpräventionsfachstellen,  Kliniken,  Heimen, Sozialen Diensten, Hochschulen, Stiftungen, Strafanstalten, kantonalen Ämtern, der SFA, dem BAG und verschiedenen Organisationen tätig sind. 

Bei der Schilderung einiger Projekte in Schulen und Heimen und deren Evaluation erhielt man den Eindruck, dass der einzige Erfolg darin bestand, dass sich die SchülerInnen und LehrerInnen wohl fühlten. Das Klima der Schule wurde verbessert. Oder es hiess, die Schüler fühlten sich weniger gestresst als die Lehrerschaft. Man wird  an die Werbebotschaft eines Grossverteilers erinnert: "Feel Good". Da diese Gesundheitsförderung seit bald 20 Jahren, in mehrmals geänderter Form, geleistet wird, und in der Zeit sich die Konsumgewohnheiten der Schüler massiv verschlechtert haben, muss dies für die Mitarbeiter frustrierend sein. Als Teilerfolg sicher wünschenswert, aber kann es das gewesen sein? Es scheint, dass die angestrebten Ziele auf das magere Ergebnis zurückgeschraubt werden, statt dass nach den Gründen für den Stillstand auf der untersten Stufe gefragt und dann nach weiteren Massnahmen gesucht wird. Suchtprobleme seien vielschichtig, es gäbe keine einfachen Lösungen, wurde vom BAG-Vertreter getröstet. Das ist allseits längstens bekannt. Sonst wäre unser schwerstes sozialmedizinisches Problem längstens aus der Welt geschafft. Oder war es eher als Beschwörung gemeint, ja nicht zu tief zu schürfen, um nicht die wahren Probleme aufzudecken, die nicht angepackt werden können, weil die Politik sich bis anhin verweigert?

Warum die Schulprävention nicht greifen kann, steht auf unserer Homepage:

"Aus den bisherigen Berichten zur Forschungslage lässt sich allgemein schliessen, dass Alkoholaufklärung zwar aufklärt, Aufklärung allein aber nur selten das Verhalten beeinflusst."

(Seiten 4/5) "Alkoholaufklärung hat u.a. nur deshalb begrenzten Erfolg, weil sie gegen einen Schwall von Botschaften ankämpfen muss, die den Alkoholkonsum fördern. Die primäre Quelle alkoholpositiver Botschaften ist die gesellschaftliche Wirklichkeit, sind die verbreitete und sichtbare Verfügbarkeit alkoholischer Getränke sowie die Allgegenwärtigkeit und die Akzeptanz des Alkohols in unterschiedlichsten Alltagssituationen und Zusammenhängen. Wie sich die Menschen zu gesundheitsbezogenen Themen stellen, wird tendenziell stärker durch Erfahrungen als durch Information bestimmt. Oft machen persönliche Erfahrungen der gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen die weisen Ratschläge der Alkoholaufklärung unglaubwürdig."

Ein weiterer Eindruck war der, dass die Teilnehmer das wahre Ausmass der Suchtprobleme gar nicht kennen, davon nicht betroffen sind. Wie könnten sie sich sonst mit solchen Ergebnissen zufrieden geben? Wissen sie, dass weltweit ein gewaltiger Verteilungskampf und Kampf um neue Märkte der Alkoholindustrie tobt; dass sich diese mit allen Mitteln einsetzt, ihren Absatz zu steigern, obwohl sie überall versucht, bei der Prävention mitzureden und den Anschein zu erwecken, sie sei an einem unverantwortlichen Konsum nicht interessiert? Gleichzeitig verstärkt sie die Werbung in Richtung Jugendlicher, setzt alle Hebel in Bewegung, dass bei uns die Alkoholwerbung im Privatfernsehen eingeführt wird, überschwemmt die Sportveranstaltungen mit ihrer Werbung und führt die Alkopops ein, die eindeutig für die Jugendlichen als Einstiegsdroge konzipiert sind. 

Damit, dass die Prävention den Kopf in den Sand steckt, betreibt sie das Geschäft der Alkoholindustrie. 

Der BAG-Vertreter riet, sich auf die Prävention in der Gemeinde zu beschränken. Er berichtete von guten Ergebnissen in einer schwedischen Gemeinde, wo alle betroffenen oder interessierten Stellen zusammenarbeiten würden. Er "vergass" allerdings zu sagen, dass in Schweden, nicht wie bei uns, praktisch alle Parteien in der Alkoholfrage am gleichen Strick ziehen und dass dort der Alkoholkonsum, nach einem Anstieg, durch neue Massnahmen auf die Hälfte reduziert werden konnte. Zur Zeit ist Schweden daran, sich, gegen seinen Willen, an die EU-Vorschriften anzupassen, die seine tiefen Konsumzahlen und entsprechend die Alkoholprobleme wieder ansteigen lassen werden. Deshalb auch diese verstärkte gemeindeinterne Prävention. Gegen eine solche ist natürlich auch bei uns nichts einzuwenden, wenn sie dazu führen soll, die Suchtprobleme zu vermindern. Nur sollte dies flächendeckend geschehen. Schweden versucht übrigens auch im Rahmen von "Eurocare", die Alkoholpolitik der EU zu beeinflussen. Norwegen, wo die Probleme ähnlich liegen, obwohl nicht Mitglied der EU, unterhält sogar eine spezielle Lobbystelle in Brüssel, um seine alkoholpolitischen Interessen besser wahren zu können. Die Schweiz hat zwei Beobachter von NGOs bei Eurocare. Interessierte  können auf dieser Webseite unter "Internationales" und "Parlamentsdebatten" die aktuellen Informationen erhalten. 

Vielleicht ist diese "Vogel Strauss-Politik" die einzige Möglichkeit, als Präventionsmitarbeiter mit diesem ständigen Frust zu überleben. Wir haben diese Vermutung schon mehrfach in Leserbriefen geäussert. Wir hoffen aber immer noch, dass einmal der Moment kommt, wenn diese Fachleute aufstehen und den Politikern klar machen, dass es so nicht weitergehen kann. 

Zu den  Beziehungen zu den Politikern wurde angeregt, diese früh in Projekte einzubeziehen, sich mit ihren persönlichen Eigenheiten vertraut zu machen und sie ernst zu nehmen. Die Weichen in wichtigen Bereichen werden in Bern gestellt. Wer geht auf diese Politiker zu und versucht, sie zu überzeugen? Wovon zu überzeugen? Die EKA, Eidg. Kommission für Alkoholfragen hat in Anlehnung an die WHO einen Nationalen Alkoholaktionsplan 2000 herausgebracht, der nun mit den Kantonen diskutiert wird. Da stehen die Leitplanken drin. Dieser Plan müsste jedem Präventionsfachmann, jeder Präventionsfachfrau genau bekannt sein, damit mit den Kantonsbehörden über dessen Umsetzung auf kantonaler und lokaler Ebene kompetent diskutiert werden könnte. Kein Wort war an der Tagung (3. Tag) dazu zu hören oder zu sehen.

Uns scheint, dass zur Weiterbildung der Präventionsfachleute dringend die fortlaufende Vermittlung einer Gesamtschau der aktuellen Lage und der Trends gehören müsste. Da wären z. B. die Dachverbände der Suchtfachleute gefragt. Die regelmässige Konsultation unserer oder ähnlicher Webseiten würde schon einen grossen Fortschritt bedeuten.

***

Dem BAG gebührt natürlich Dank und Anerkennung, dass es diese Tagung ermöglicht, reibungslos durchgeführt, interessante Referenten gefunden und sympathisch moderiert hat. Man darf gespannt sein, wie eine nächste Tagung aussehen wird. 

 

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Stand: 03.01.2009