Interventionen

15.06.2007

Beschwerde bei Herrn Achille Casanova, Ombudsmann SRG

15.6.2007                                                                 

                                                                                  Herrn
                                                                                  Achille Casanova
                                                                                  Ombudsstelle DRS
                                                                                  Kramgasse 16
                                                                                  3011 Bern

Per e-mail: ombudsstelle.drs@gmx.ch

Kassensturz vom 12.6.07

Sehr geehrter Herr Casanova,

Wie bereits eine Woche zuvor angekündigt, brachte die Sendung „Kassensturz“ am letzten Dienstag einen Testbericht über Rosé-Weine. Verglichen wurden Geschmack durch Degustation und die Preise. Auch wurde berichtet, wie sie entstehen.

Bekanntlich ist durch das Radio- und Fernsehgesetz Alkoholwerbung am öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehen verboten.

Werbung will zum Kauf eines einzelnen Produkts und/oder einer Gattung animieren, d.h. ein Bedürfnis, eine Nachfrage herstellen und u.a. den Kaufentscheid durch Informationen über das Produkt erleichtern. Normalerweise geschieht dies durch eine professionelle Agentur der Werbebranche mittels eines bestimmten Mediums. Ob so für eine Werbung bezahlt wird oder ob gratis geworben wird (Schleichwerbung), macht keinen Unterschied bei der Wirkung. Beide können gut oder schlecht wirken, Erfolg haben oder auch nicht.

Das Alkohol-Werbeverbot am öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist gegen harten Widerstand der interessierten Branchen aus gesundheits-präventiven Gründen erlassen worden, weil die alkoholbedingten Schäden in unserer Gesellschaft schon katastrophal genug sind und nicht noch durch Werbung im halbstaatliche Fernsehen vergrössert werden sollten.

Wird nun im “Kassensturz“ des Schweizer Fernsehens eine Testserie mit Wein präsentiert, so erfüllt dies voll und ganz die Kriterien einer verkaufsfördernden Werbesendung mit Informationen, die den Kaufentscheid erleichtern sollen. Eine solche Sendung ist meiner Meinung nach illegal und sollte sofort abgesetzt werden. Wer eine diesbezügliche Information braucht, findet sie ohne weiteres anderswo.

Aus der Webseite des Schweizer Fernsehens:

„Fünf Weine bewerteten die Fachleute mit der Note «ausreichend», fünf weitere mit der Note «zufriedenstellend». Die vier besten Roséweine der Degustation, welche die Note «gut» erhielten: «Tribal», ein Rosé aus Südafrika, gekauft bei Carrefour; «Les terres de Saint-Louis» aus der Provence, ein Bio-Wein von Coop; «Val d' azur» aus der Provence und "Provins", Rosé de Gamay aus dem Wallis, gekauft bei Carrefour für 6.90. «Ein komplexer Wein mit viel Körper und viel Charakter. Ich finde ihn ausgewogen, harmonisch. Ein sehr hübscher Wein», lobt Önologin Marta Arranz.

Sechzehn Roséweine haben die Degustatoren probiert. Kein Wein erhielt die Bewertung «sehr gut». Dafür ist ein Rosé mit der Note "gut" bereits für 4 Franken und 90 Rappen zu haben.“

Der „Kassensturz“ mit seinen hohen Einschaltquoten ist natürlich prädestiniert, unter dem scheinheiligen Deckmantel der Konsumentenfreundlichkeit für Alkohol zu werben und die gesetzlichen Auflagen zu umgehen.  Nicht genug, dass die Sendung gebracht wird, sie wird auch ins Internet gestellt und der Inhalt als Text geboten, d.h. Werbung mit Langzeitwirkung.

Das gesetzliche Verbot der Alkoholreklame wird sinnlos, wenn in den verschiedensten Programmen immer wieder die ohnehin wenigen präventiven Sendungen durch derartige Schleichwerbung überkompensiert werden. Die Ausgewogenheit der Meinungen ist hier nicht gefragt.

Gerade heute, in einer Zeit des grassierenden Jugendalkoholismus, sollte die Erwachsenengesellschaft ihre Verantwortung erkennen, und begreifen, dass Prävention für Jugendliche nur Sinn macht, wenn ihr Umfeld stimmt, d.h. die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht gegenteilige Botschaften aussendet, wie es heute der Fall ist. Das halbstaatliche Fernsehen sollte nicht noch dazu beitragen, diese alkoholfreundliche Gesellschaft weiter zu betonen und die Präventionsbemühungen unglaubwürdig aussehen und damit wirkungslos werden zu lassen.  Siehe nachstehend das vollständige Zitat:

 

 "Alkohol und Massenmedien" (Regionale Veröffentlichungen der WHO/Europäische Schriftenreihe Nr. 62, 1998) (Von der WHO autorisiertes Zitat)

(Seite 2) "Aus den bisherigen Berichten zur Forschungslage lässt sich allgemein schliessen, dass Alkoholaufklärung zwar aufklärt, Aufklärung allein aber nur selten das Verhalten beeinflusst."

(Seiten 4/5) "Alkoholaufklärung hat u.a. nur deshalb begrenzten Erfolg, weil sie gegen einen Schwall von Botschaften ankämpfen muss, die den Alkoholkonsum fördern. Die primäre Quelle alkoholpositiver Botschaften ist die gesellschaftliche Wirklichkeit, sind die verbreitete und sichtbare Verfügbarkeit alkoholischer Getränke sowie die Allgegenwärtigkeit und die Akzeptanz des Alkohols in unterschiedlichsten Alltagssituationen und Zusammenhängen. Wie sich die Menschen zu gesundheitsbezogenen Themen stellen, wird tendenziell stärker durch Erfahrungen als durch Information bestimmt. Oft machen persönliche Erfahrungen der gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen die weisen Ratschläge der Alkoholaufklärung unglaubwürdig."

In den Auseinandersetzungen betr. Alkohol- und Tabak-Werbeverboten, Zwillings-Initiativen und Guttempler-Initiative, wurde von den Werbern immer der Standpunkt vertreten, Werbung bestehe zu einem wichtigen Teil aus Produkte-Information und sei deshalb nötig. Wenn das Fernsehen oder das Radio ganze Sendungen oder Programmteile einem oder mehreren alkoholischen Getränken widmet, und dies als Information deklariert, ist dies nichts anderes als unbezahlte Werbung. Bekanntlich ist Werbung mit einem grossen Unterhaltungswert diejenige mit der grössten Beachtung. Dass gerade das Kriterium der Unterhaltung als erlaubte Nicht-Werbung gilt, ist ebenfalls willkürlich und stossend.

Es kommt noch dazu, dass in Programmen und Programmteilen während mehreren oder sogar vielen Minuten von nichts anderem als diesen Getränken die Rede ist, was bei einem bezahlten Werbespot unbezahlbar wäre. Von der Wirkung ist der Beitrag in einer "Kassensturz"-Sendung mit immer höchsten Einschaltquoten einem bezahlten Werbespot weit überlegen.

Der Gesetzgeber unterscheidet bei der Werbung zwei Hauptgruppen:

Werbung für normale Produkte und Dienstleistungen

Werbung mit Gefährdungspotential für die Bevölkerung, wie Alkohol, Tabak, rezeptpflichtige Medikamente, für die er deshalb ein Werbeverbot erlassen hat.

Seit dem Champagner-Degustations-Entscheid der UBI ist der Jugendalkoholismus stetig im Steigen begriffen. Die Situation hat sich gerade in jüngster Zeit mit dem Aufkommen des Rauschtrinkens bis zur Bewusstlosigkeit dramatisch verschlechtert. Mit ein Grund dafür ist die Anstrengung der Alkoholindustrie, nach den Frauen auch die Jugend als Konsumenten zu gewinnen. Die Massenmedien, vereint mit der Werbebranche haben sie dabei mit Lifestyle-Artikel und –Sendungen, Berufsbildern, Werbespots am Fernsehen für alkoholfreies Bier, welche die gleichen grafischen Auftritte zeigten wie diejenigen für alkoholisches Bier (wurden inzwischen nach langer Zeit verboten), Wiedergabe von wilden Champagner-Duschen nach Sportsveranstaltungen, Bierdegustation im „Kassensturz“, neue Sendung „Start-Up“, Sendungen im Pay-TV über Absinth, usw. kräftig unterstützt.

Bei der Revision des RTVG-Gesetzes hat der Gesetzgeber diesem Umstand wenigstens bei den staatlichen Radio- und Fernsehgesellschaften Rechnung getragen. Die Programmverantwortlichen sollten diesen Willen des Gesetzgebers respektieren und Schleichwerbung für Alkohol unterlassen.

Ich hoffe, dass Sie die Angelegenheit ihrer Bedeutung entsprechend ernsthaft prüfen werden und danke Ihnen zum voraus bestens dafür.

Mit freundlichen Grüssen

Hermann T. Meyer       
 


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Stand: 30.12.2008