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Leserbriefe09.06.2006 (ungekürzt erschienen: 15.6.06)
Winterthurer Zeitung e-mail: redaktion@winterthurer-zeitung.ch Sehr geehrte Damen und Herren, Ich hoffe, Sie sind
bereit, diesen Text vollständig zu bringen, Sie haben Ihrem Artikel ja auch
viel Raum gelassen. Besten Dank und freundliche Grüsse Hermann T. Meyer Leserbrief zu „Von wegen: Saufen bis ... vom 8.6.06 Sie brachten ein
Interview mit drei Mittelschülern auf der ganzen Titelseite über deren
Befindlichkeit und Wahrnehmung im Zusammenhang mit dem Alkoholproblem. Sie als
Zeitungsredaktion bedienen sich damit einer brennenden Aktualität und
Problematik, ohne auf diese richtig einzugehen.
Sie ermöglichen den Jungen, Dampf abzulassen, ohne ihnen zu helfen.
Indem Sie normale Mittelschüler auswählten, verharmlosen Sie das Problem, denn
der Jugendalkoholismus ist bei uns auch eine Frage des Bildungsstandes (wobei
der in Sachen Alkoholproblemwissen bei diesen Mittelschülern auch nicht gerade
überzeugend ist), die Mehrzahl
unserer Jugendlichen besucht jedoch die Sekundarstufe B oder C. Indem Sie
praktisch nichts an journalistischer Recherche beitragen (einzig die SFA,
Schweiz. Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme wird kurz erwähnt),
fügt sich dieser Artikel ein in die Reihe der üblichen Schilderungen eines
Teilaspekts des Problems, ohne den Versuch, die vorhandenen möglichen Lösungsstrategien
aufzuzeigen und zur Diskussion zu stellen. Sie helfen so mit, dass das Volk und
die verantwortlichen Politiker nicht von ihren gefühlsmässigen Vorurteilen
wegkommen und deshalb keine Verbesserungen erzielt werden können. Dass diese drei
Mittelschüler das Ausmass des Problems nicht erkennen können, ist verständlich.
Sie kennen ja nur ihre eigene Situation und ihr Umfeld. Tatsache ist, dass der
Konsum der Jugendlichen in den letzten 10-15 Jahren massiv gestiegen und das
Einstiegsalter ständig gesunken ist. In diese Zeit fallen verschiedene
Entwicklungen: Die Einführung und Verstärkung der staatlichen Suchtprävention
(Alibifunktion für Politiker, denn schulische Aufklärung nützt leider kaum
etwas, vor allem wegen des unglaubwürdigen gesellschaftlichen Umfelds – die
Jugendlichen sind das Spiegelbild der Gesellschaft); die Entwicklung und
Vermarktung immer neuer, vor allem gesüsster und aromatisierter Produkte, die
Jugendliche und vor allem Frauen gewinnen;
die Globalisierung der Alkoholindustrie mit immer perfideren
Werbestrategien, z.B. das Eindringen per Sponsoring in den Sport, in die Nähe
der Jugend; ebenfalls beigetragen haben die hochgezüchtete Lifestyle- und
Eventkultur, die von den Medien gross unterstützt und von der Wirtschaft
gesponsert wird, was massgeblich das Rauschtrinken gefördert hat (Ballermann
& Co.). Natürlich hat die schlechte Wirtschaftslage mit der damit
verbundenen Arbeitslosigkeit und besonders die für viele Jugendliche
hoffnungslose Lehrstellensituation eine No-Future-Stimmung hervorgebracht, die
erst recht zum Alkoholmissbrauch verführt. Dass betroffene
Jugendliche oder Erwachsene nicht geeignet sind, die nötigen richtigen Präventionsmassnahmen
zu sehen, sollte einleuchten. Die Mehrheit der Bevölkerung konsumiert jedoch mässig
und müsste sich des Problems endlich annehmen, denn sie ist unschuldigerweise
stark mitgeschädigt. Vielleicht müsste man sagen, sie ist selber schuld, sie hätte
schon lange die politische Möglichkeit, für eine Verbesserung zu sorgen. Die
Schäden von 6,5 Mia. Franken (inkl. Immaterielle Schäden) zahlen wir alle mit
Steuer, Versicherungs- und Krankenkassenprämien, pro Kopf Fr. 500.—bis Fr.
1000.—jährlich! Bei alkoholbedingter Kriminalität, -körperlicher und
sexueller Gewalt, -Verkehrsunfällen sind meistens Unschuldige die Opfer, bei
Familienproblemen die Partner(innen) und Kinder. Letztere gehen in die
Hunderttausende. Wer sich informieren
will, findet im Internet oder bei Fachstellen viele Angebote; z.B. bei www.alkoholpolitik.ch
- mit vielen wichtigen Links. Letztes Jahr kam der umfassende internationale
Bericht „Alcohol – no ordinary commodity“ auch auf Deutsch heraus. Er
zeigt das globale Problem und die wirksamen Lösungsstrategien auf Grund
gesicherter wissenschaftlicher Untersuchungen. (Auch Schweizer Beteiligung) Anfangs
Monat erschien ein grosser EU-Bericht: Alcohol in Europe, der hoffentlich von
den erforderlichen Beschlüssen gefolgt wird, denn das Alkoholproblem ist längst
eine weltweite Bedrohung geworden. Nur wollen es die meisten aus Bequemlichkeit
nicht wahrhaben. Es könnte ihren Seelenfrieden stören. Das Volk kann es auch
nicht merken, denn unsere Presse verschweigt einmal mehr den EU-Bericht.
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InhaltsverzeichnisEntwicklungen der schweizerischen Alkoholpolitik der letzten Jahre anhand von Leserbriefen Ihre Meinung interressiert uns Links zu Fachleuten und Institutionen Die Lobby-Arbeit der globalen Alkoholindustrie Dossiers: Suchtmittelwerbung; Alcopops; Absinth; WTO - GATS; Alkoholkonsum Jugendlicher; Alkohol und Verkehr / Drink Driving; Wein (Alkohol) sei (mässig genossen) gesund; Sport und Alkohol; Strukturelle Prävention; NPA (Nationales Programm Alkohol); botellón Projekt-Idee
Project in English
Herausgeber/Editor:Hermann T. Meyer, Projekte und Dienstleistungen, Lindenstr. 32, CH-8307
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