
Leserbrief
25.05.2008
(stark gekürzt am 28.5.08
veröffentlicht)
An die Redaktion
des Leserforums
Tages-Anzeiger
8021 Zürich
per
e-mail
Leserbrief zu „Präventiv gegen die
Präventionspolitik“ am 24.5.08
Der Schweizerische Gewerbeverband schart
wieder einmal die grossen Wirtschaftsverbände um sich, um sich gegen kommendes
„Unheil“ aus Bern zu wappnen. Seit 50 Jahren, gemäss einer
Historiker-Studie im
Auftrag des BAG (Bundesamt für Gesundheit) hat es keine Vorlage zur
Alkoholprävention geschafft, vom Schweizer Stimmvolk angenommen zu werden, weil
immer die Wirtschaft mit ihrem suggestiven Arbeitsplatzargument den Ausschlag
gegeben hat. Alle Präventionsbemühungen waren mehr oder weniger nutzlos, weil
aus Resignation nur noch auf Gesundheitsförderung und Verhaltensprävention
gesetzt wurde. Die gesellschaftliche Wirklichkeit bietet den Jugendlichen heute
eine derart vom Alkohol „verschmutzte“ Umwelt, dass jede Prävention
unglaubwürdig und deshalb nutzlos ist. Die Medien dürfen, ohne negative Folgen
befürchten zu müssen, Alkoholwerbung oder in meinem Verständnis Schleichwerbung
betreiben, auch wenn Alkoholwerbung in Radio und Fernsehen verboten sind.
Unter diesen Vorzeichen darf sich ein
Nationalrat Spuhler, SVP erdreisten zu sagen: „Unter dem Deckmantel der
Gesundheitspolitik wird der Bürger systematisch entmündigt.“ Das
Gegenteil trifft zu: Wir kennen in vielen Bereichen des staatlichen
Zusammenlebens die Notwendigkeit, Regeln aufstellen zu müssen, wobei ja die
bürgerlichen Parteien mit ihrer Parlamentsmehrheit dafür sorgen können, dass
keine unnötigen Gesetze geschaffen werden.
Seit jeher wurde auf dem Gebiet
des Alkohols das Volk bevormundet. Es erträgt fast klaglos, dass die
Alkoholindustrie und die Werbebranche immer wieder neue Betätigungsfelder
entwickeln können, die Grauzonen schamlos ausnützen und damit erreicht haben,
dass erst die Frauen und dann die Jugendlichen und sogar Kinder für den
Alkoholkonsum gewonnen werden konnten. Seit hundert Jahren hat sich ein riesiger
Blutzoll angestaut, den wir zu zahlen haben. Unzählige Familien sind zerbrochen,
Kinder in alkoholbelasteten Familien ihrer Lebenschancen beraubt worden, Mädchen
und Frauen mussten sexuelle Gewalt erleiden und viele Milliarden Sozialkosten,
die der Steuer- und Prämienzahler zu berappen hat, belasten uns laufend.
Die meisten
Wirtschaftsverbände, d.h. die ohne Alkoholinteressen, schneiden sich ins eigene
Fleisch, wenn sie die Bestrebungen der Alkoholindustrie unterstützen und sich zu
deren Komplizen machen. "Sinnvoll" oder "vernünftig" ist für die
Alkoholindustrie nur, was ihr nützt. Der ganzen Wirtschaft kostet es vor allem
Arbeitszeit und mittelfristig viele gute Arbeitskräfte, die sie dann wieder im
Ausland holen, was neue Fremdenfeindlichkeit provoziert, was wiederum für die
rechtsbürgerlichen Kreisen Wasser auf deren Mühlen bedeutet.
Der frühere
EU-Kommissär für Gesundheit und Konsumentenschutz, David Byrne hat den Slogan
geprägt „Health brings Wealth“, Gesundheit bringt Wohlstand. – Auch der
Wirtschaft.
Mit freundlichen Grüssen
Hermann T. Meyer
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