| Leserbrief hierzu, per Email
am 21. Oktober 2006 erhalten >>Sehr geehrter Herr
Krahmer, lieber Parteifreund,
ich kann Ihnen nur als Privatmann und Arzt schreiben, da ich die
Meinung "meiner" Partei zu dem von Ihnen kommentierten Thema nicht
eingeholt habe.
Natürlich ist es liberale Grundauffassung, dass die Menschen
sozusagen mit ihrem Leben anfangen können, was sie wollen, z.B. auch
es zu "versaufen". Ich als Arzt sehe allerdings die täglichen
katastrophalen Folgen, die sich "Laien" (und: entschuldigung, dazu
darf ich Sie auch rechnen) nicht vorstellen (können). Dabei spielt
dann eines Tages der "freie Wille" keine Rolle mehr, weil das
Trinken zur Sucht geworden ist, die natürlich keiner gewollt hat als
er einmal damit anfing. Immer mehr junge Leute (8-jährige!!)
trinken, Entzugsbehandlungen bei Kindern und Jugendlichen sind
notwendig, wie wollen Sie das "in den Griff" bekommen? Oder ist auch
das alles kein Thema für die Gesellschaft? Wenn man Ihrem
Gedankengang konsequent nachgehen wollte, so würde man sowohl die
Gurtpflicht im Auto wie auch die 50-km-Geschwindigkeitsbegrenzung in
Ortschaften abschaffen müssen. Schließlich sind die Menschen doch so
vernünftig! Ich meine, diese ganze Problematik sollte die liberale
Fraktion und Sie im speziellen nochmals mit Experten aus dem
Suchtbereich besprechen, so jedenfalls macht man es sich zu
einfach.<<
|
|
| Antwort auf den Leserbrief
vom 14. Dezember 2006 >>Ich möchte gern auf Ihren
Hinweis eingehen, dass Sie in Ihrer beruflichen Praxis mit den
bitteren Folgen von Alkoholmissbrauch konfrontiert sind. Ich bin
fest davon überzeugt, kein einziges dieser erwachsenen,
tatsächlichen Suchtopfer durch einen Aufkleber „Alkohol
tötet" auf dem Etikett oder dadurch, dass der Wein beim Aldi 2,49 €
statt 1,99 € kostet, einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Und auch
Ihr Beispiel, dass ein Achtjähriger bereits alkoholabhängig sein
kann, spricht nicht für härtere Reglements im Handel: Schließlich
ist hierzulande auch heute schon Alkohol für Minderjährige verboten,
selbst wenn der Vollzug dieses Verbotes nicht 100prozentig
durchgesetzt werden kann.
Die Suchtopfer, ob erwachsen oder halbwüchsig, haben ihren Weg
nicht durch die Werbeanzeigen oder die günstigen Preise
eingeschlagen, sondern aufgrund emotionaler, familiärer - ja, auch
gesellschaftlicher - Schwierigkeiten. Das ist die Erkenntnis der
Suchtexperten, die ich in meiner Arbeit zurate ziehe.
Sie haben in Ihrer Email das dargestellt, was meine Arbeit im
Ausschuss hier so verdammt schwer macht: Tief getroffen und
verunsichert durch Eindrücke von Suchtkranken wie die Ihren bringt
es kaum ein Politiker buchstäblich über sein Herz, gegen eine
vermeintliche Schutzmaßnahme zu votieren - und das, obwohl er weiß,
dass der Erfolg der Maßnahme gen Null geht, Kosten und Bevormundung
in Kauf nehmend - nur weil sich ein wahrhaft hilfreiches Instrument
nicht so schnell oder mit politisch einfachen, vermarktungsfähigen
Botschaften aus dem Hut zaubern lässt.
Was also können wir tun, politisch? Kein Weg führt an der
Auseinandersetzung darüber vorbei, welche gesellschaftlichen
Aufgaben wir ernster zu nehmen haben, damit die Anzahl der
Suchtkranken zurückgeht: Unsere Gesellschaft in Deutschland und
Europa verändert sich. Als engagierter Liberaler wissen Sie um die „Prekariatsdebatte",
die sozialen Schieflagen, um das Wegbrechen der Familienkreise als
Sicherheitsfundament, um die mangelnde Bildung und Aufklärung, um
die Lasten auf den Schultern der so genannten Leistungsträger, deren
Status immer unattraktiver wird, um Bürokratie, um die bald nicht
mehr in diesem Umfang haltbare Vergesellschaftung aller möglichen
persönlichen Risiken und so vieles mehr. Dagegen kann kein Aufkleber
auf einer Weinflasche ankommen, sondern nur die Lust auf morgen und
der Lebenshunger und die Zuversicht, dass es morgen besser wird als
heute. Dafür kann die Politik ihren Beitrag leisten.Ich hoffe ich
konnte Ihnen mit etwas ausführlicheren Worten, als es im Journal EU
möglich war, darlegen, dass sich mein Veto gegen die angesprochenen
Sanktionen aus der EU-Alkoholstrategie nicht auf Gleichgültigkeit
gegenüber Suchtkranken gründet, sondern auf meiner Überzeugung, dass
die gewählten Instrumente das Ziel verfehlen. <<
|
Warnetiketten allein bewirken wenig.
Preiserhöhungen sind am besten wirkende Massnahmen.
Härtere Reglemente, die auch nicht voll durchgesetzt werden,
nützen mehr als dito schwache.
Er sollte bessere Experten befragen. Z.B. heutige Studie in
England über die Wirkung der Medien.
Bis jetzt hat die Alkoholindustrie noch die meisten Politiker zum
Nichtstun gebracht.
Diese Situation besteht seit über 150 Jahren, seit der
Industrialisation. Lebenshunger und Zuversicht sind schön, die
Korrektur von Fehlentwicklungen ist trotzdem nötig. |