Forschungsergebnisse  
(21.05.2003)

Quelle:

 

Jürgen Rehm

Prof. Jürgen Rehm ist der Jellinek Memorial Fund Award für 2003 verliehen worden, "for outstanding contributions to the advancement for knowledge on alcohol/alcoholism (category epidemiology and population studies)" Wir gratulieren an dieser Stelle sehr herzlich.

Forschungsstätte:

Institut für Suchtforschung, Zürich, Schweiz; Centre for Addiction and Mental Health, Toronto, Kanada; University of Toronto, Public Health Sciences, Kanada

Thema:

Alkoholkonsum und seine Folgen:
epidemiologische und ökonomische Aspekte

Anlässlich des 16. Heidelberger Kongresses des FVS zum Thema "Sucht macht
krank!" wird im Vorfeld der Veranstaltung in der Stadthalle Heidelberg eine
Pressekonferenz  durchgeführt. Der nachfolgende Text stellt die Presseverlautbarung von Prof. Rehm dar, der an dieser Veranstaltung ein Referat unter dieser Überschrift hält. Wir freuen uns, dass darin sehr deutlich die von uns immer vertretene Alkoholpolitik zum Ausdruck gebracht wird. Wenn nun das renommierte Forschungsinstitut IfS diese Richtung vertritt, lässt das Hoffnung auf weitere Fortschritte in der schweizerischen Suchtpolitik aufkommen.

Alkoholkonsum ist mit mehr als 60 im ICD definierten Krankheiten und Verletzungen kausal verbunden.  Die meisten der Auswirkungen von Alkohol auf die Gesundheit sind negativ: Alkohol bedeutet einen  Risikofaktor für die Entstehung dieser Krankheiten und/oder verschlechtert oft den Krankheitsverlauf.  Ausnahmen von dieser Regel sind die ischämischen Krankheiten (z.B. koronare Herzkrankheiten).  Bestimmte Trinkmuster (regelmässiger und strikt begrenzter Konsum) können hier auch positive Auswirkungen haben.  In der Gesamtrechnung überwiegen allerdings deutlich die negativen Konsequenzen..

Eine aktuelle Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2002; Ezzati et al., 2002) zeigt, dass Alkohol von den untersuchten 27 weltweit bedeutsamsten Risikofaktoren nach dem Rauchen und dem Blutdruck in etablierten Markwirtschaften wie Deutschland am meisten Krankheitsbelastung nach sich zieht.  Über 9% der gesamten Krankheitsbelastung in diesen Ländern wird allein durch Alkoholkonsum verursacht.  Diese Zahl ist netto berechnet, d.h. die positiven Auswirkungen von Alkoholkonsum auf Krankheiten sind darin bereits berücksichtigt.

Die wirtschaftliche Belastung durch Alkoholkonsum ist enorm.  Schätzungen des Robert Koch Instituts (RKI, 2002) haben ergeben, dass 1995 in Deutschland Alkohol bedingte soziale Kosten in Höhe von fast 40 Milliarden DM entstanden, davon mehr als 15 Milliarden für direkte Kosten, mehrheitlich im medizinischen System.  Indirekte Kosten durch entstandene Produktivitätsausfälle sind noch weit höher.  Entgegen der weit verbreiteten Meinung entstehen diese immensen Kosten keineswegs nur bei Sucht.  Auch durch sozial akzeptierten, nicht süchtigen Konsum werden beispielsweise bei Unfällen hohe Kosten aufgeworfen: Alkohol bedingte Unfälle werden häufig von Personen verursacht, die nicht abhängig sind, sondern situativ zuviel getrunken haben.

Die gesundheitliche wie die ökonomische Belastung durch Alkohol wird sich in den nächsten Jahren auch in Deutschland weiter erhöhen, wenn keine entsprechenden Gegenmassnahmen getroffen werden.  In vielen Ländern besteht aber leider eine eigentümliche Vorliebe der Gesundheitspolitik und der Präventionsfachleute für solche Massnahmen wie Aufklärungskampagnen und schulische Präventionskampagnen, die bislang ohne nachweisbare Wirkung auf Krankheitsbelastung geblieben sind, während erwiesen wirksame und sehr kosteneffektive Massnahmen wie erhöhte Besteuerung oder häufige verdachtsfreie Alkoholkontrollen im Strassenverkehr politisch wenig attraktiv sind.  Die Weltgesundheitsorganisation fordert daher eine strikte Umorientierung der Präventionspolitik auf der Grundlage empirisch gesicherter Erkenntnisse.  Gerade im Alkoholbereich gibt es eine Reihe verhältnispräventiver Massnahmen, die alkoholbedingte Krankheitsbelastung deutlich zu reduzieren vermögen (Babor et al., im Druck).

Literatur:

Babor T, Caetano R, Casswell S, Edwards G, Giesbrecht N, Graham K, Grube J, Gruenewald P, Hill L, Holder H, Homel R, Österberg E, Rehm J, Room R & Rossow I (im Druck).  Alcohol: No Ordinary Commodity – Research and Public Policy.  Oxford: Oxford University Press.

Ezzati M, Lopez AD, Rodgers A, Vander Horn S, Murray CJL, and the Comparative Risk Assessment Collaborating Group (2002).  Selected major risk factors and global and regional burden of disease.  Lancet, 360:1347-1360.

RKI (Robert Koch Institut) (2002).  Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Kosten alkoholassoziierter Krankheiten. Schätzungen für Deutschland.  Hrsg: Robert Koch-Institut, Berlin; Druck: Mercedes-Druck, Berlin.

WHO (World Health Organization) (2002).  World Health Report 2002: reducing risks, promoting healthy life.  Geneva: World Health Organization.

 

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Stand: 23.12.2008