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Alkoholpolitik und Volksgesundheit

Leserbrief zu „Sich betrinken verboten!“

Mittwoch 8. September 2010 von htm

3.9.2010

Redaktion
Neue Zürcher Zeitung
8001 Zürich

Per e-mail

Leserbrief zu „Sich betrinken verboten!“, vom 3.9.2010

„Mit immer neuen Verboten wächst die Unfreiheit“, schreibt Markus Spillmann. Er bezieht sich auf die vom Städteverband gewünschte gesetzliche Grundlage für lokale, begrenzte Alkoholverbote, wie sie mehrere Städte in der Schweiz und im Ausland mit gutem Erfolg eingeführt haben.

Er greift damit indirekt in die Diskussion um ein neues Alkoholgesetz ein, wie es einer Zeitung vom Format der NZZ wohl ansteht. Sie hat sich dafür immerhin fast drei Monate Zeit gelassen. Es wäre schön, wenn die Diskussion weitergehen und die NZZ auch andere als die eigene Meinung veröffentlichen würde. Zum Beispiel diese: Es ist nicht verwunderlich, dass die Städte, die am meisten von den Auswüchsen des Alkoholkonsums betroffen sind, sich nicht mehr anders als mit Verboten zu helfen wissen, weil die nationale Politik auf diesem Gebiet völlig versagt, und weil, wenn man den Entwurf des neuen Alkoholgesetzes kritisch anschaut, sich wahrscheinlich nicht viel ändern wird. Obwohl die richtigen Rezepte vorliegen.

Der Grund für das  Verdrängen dieses grössten sozialmedizinischen Problems liegt weitgehend bei der bürgerlichen Mehrheit in Parlament und Bundesrat, die immer wieder dem permanenten Druck der Alkohollobby und dem der mit ihr verlinkten Wirtschaftsverbände nachgibt. Auch die Medien unterliegen diesem Druck, sonst hätten sie schon lange dem Volk die tatsächlichen Zusammenhänge klarlegen und eine Politikänderung herbeiführen können.

Es ist leichtfertig, wenn Herr Spillmann ein Bier zu nächtlicher Stunde in Chur als Banalität im Vergleich zu schwerwiegenden Grenzverletzungen abtut und damit die ganze Alkohol-Problematik als erledigt betrachtet. Es ist auch scheinheilig zu schreiben, die Erziehungsberechtigten könnten sich quasi per Steuerzettel ihrer Erziehungsverantwortung entledigen. Dabei unterlässt er es tunlichst zu erwähnen, dass wir alle ein Leben lang ungefragt die enormen alkoholbedingten Sozialkosten per Steuerzettel und Versicherungsprämien tragen und die Einbussen an Lebensqualität ertragen. Das ist die Freiheit, die abhanden gekommen ist, seit die Alkoholindustrie und ihre Lobby die Allgemeinheit als Geisel genommen hat. Die WHO nennt uns deshalb Passivtrinker.

Ich bin immer wieder erstaunt, dass eine liberale Zeitung, die der Wirtschaft nahesteht, dieser nicht zeigt, wie sie sich selber mit ihrer alkoholfreundlichen Politik schadet. Man geht von 5% alkoholbedingten Personalkosten aus, die gespart werden könnten. Bei Abgaben an die Sozialwerke wird sogar um Promille gestritten. – Ganz abgesehen von der Möglichkeit alkoholbedingter Fehlentscheide in den Chefetagen.

Freundliche Grüsse
Hermann T. Meyer
(pendent)
Nachtrag: Am 7.9.10 brachte die NZZ dazu einen Leserbrief, der voll die Thesen von Herrn Spillmann unterstützt. Unser Leserbrief wurde nicht veröffentlicht. So versteht die NZZ offenbar den öffentlichen Diskurs. Nur die eigene Meinung zählt. Ihre Leserschaft ist wahrscheinlich nicht reif genug, auch andere Meinungen gewichten zu können.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 8. September 2010 um 13:38 und abgelegt unter Alkoholindustrie, Alkoholsteuern, Allgemein, Eltern, Gewalt/Kriminalität, Jugend, Leserbriefe, Medien, Neues Alkoholgesetz (CH), Politik, Schweiz, Verhältnis-Präv., Werbung. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Die Kommentare sind derzeit geschlossen, aber sie können einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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